Die Suche nach den antiken Wurzeln der Olympischen Spiele zeigt, wie blutig die Herkunft des Sports ist Mann gegen Mann

Nirgends ist der Mann-gegen-Mann-Wettstreit, den die griechische Antike unter dem Leitwort Agon aus der Taufe hob und zu einzigartiger Blüte führte, so augenfällig wie in den Sportarten Boxen, Judo und Ringen. Die Olympischen Sommerspiele, die am Freitag in London beginnen, werden erneut zeigen, dass auch weniger drastische Auseinandersetzungen von der Idee eines spielerischen Kampfes beseelt sind. Ungeachtet dessen gilt der Befund: Der Sport (und mit ihm die Zivilisation) hat eine blutige Wurzel.
24.07.2012, 05:00
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Mann gegen Mann
Von Hendrik Werner

Nirgends ist der Mann-gegen-Mann-Wettstreit, den die griechische Antike unter dem Leitwort Agon aus der Taufe hob und zu einzigartiger Blüte führte, so augenfällig wie in den Sportarten Boxen, Judo und Ringen. Die Olympischen Sommerspiele, die am Freitag in London beginnen, werden erneut zeigen, dass auch weniger drastische Auseinandersetzungen von der Idee eines spielerischen Kampfes beseelt sind. Ungeachtet dessen gilt der Befund: Der Sport (und mit ihm die Zivilisation) hat eine blutige Wurzel.

Bremen. Für den Philosophen Friedrich Nietzsche (1844-1900) und den Kulturhistoriker Jacob Burckhardt (1818-1897) stellte der Agon genannte Wettstreit das fruchtbare Grundprinzip der griechischen Kultur dar, mithin das Fundament der westlichen Zivilisation. Wettkämpfe wie die Olympischen, Pythischen, Nemeischen und Isthmischen Spiele, die in der Summe als Panhellenische Spiele bezeichnet werden, galten als der Gesellschaft (Polis) zuträglich, weil der Einzelne seine Fertigkeiten in geordneten Wettkämpfen verbessern konnte – und so der Gemeinde insgesamt nützlich war.

Dabei kultivierten die Griechen das bis heute wirkungsmächtige Prinzip Wettstreit, dessen vorläufige Schwundstufe die Castingshow im Fernsehen darstellt, gleich in dreifacher Ausfertigung: Der gymnische Agon bezog sich auf Leibesübungen, also auf das, was uns ab Freitag an den Londoner Spielen fesselt. Dazu gab es die hippischen Agone (von Hippos = Pferd), die durch Vehikel unterstützte Fortbewegungsarten wie Fahren und Reiten umfassten. Schließlich waren da die musischen Agone, die intellektuelle Antike-Freunde wie Nietzsche und Burckhardt besonders interessierten. Sie hatten Disziplinen wie Poesie, Musik und Tanz zum Gegenstand.

Unbedingter Siegeswillen

Für jede Disziplin – und mag sie noch so lyrisch verkleidet gewesen sein – galt in der griechischen Antike, dass das vornehmlich der Unterhaltung dienliche Kräftemessen zwar in Regeln, auch solche der Fairness, gegossen war. Und doch sahen die Statuten vor, dass der Kampf unter Aufbietung eines unbedingten Siegeswillens zu absolvieren war, der die Auseinandersetzung zwischen zwei oder mehreren Streitern fast wichtiger werden ließ als deren Ergebnis. Das zeitigte blutige Kollateralschäden – freilich mehr bei Faustkämpfen als bei poetischen Darbietungen. Es mag diese Agon-Komponente gewesen sein, die den verhohlenen Sozialdarwinisten Friedrich Nietzsche so sehr faszinierte, dass er das Wettstreit-Konzept als Grundlage eines Kulturmodells nutzte, das den Zweikampf als Vater aller Zivilisation namhaft macht.

Da diese in humanistischer Hinsicht fragwürdigen Errungenschaften des griechischen Altertums die Kultur der römischen Antike stark beeinflusste, versteht es sich gleichsam von selbst, dass besagte blutige Wurzel der Mann-gegen-Mann-Kämpfe die brutalen Gladiatorenkämpfe im Kolosseum ebenso sehr prägte wie die Wagenrennen im Circus Maximus und spielerisch arrangierte Streitigkeiten in anderen Arenen des Römischen Reichs. "Panem et circenses" (Brot und Spiele) lautet nicht von ungefähr ein geflügeltes Wort des römischen Schriftstellers Juvenal, der im 1. und 2. nachchristlichen Jahrhundert wirkte. Freilich meinte der Satiriker diesen Ausdruck nicht staatstragend, sondern ironisch. In der Ausgabe beziehungsweise dem gewährleisteten Erwerb von Lebensmitteln und in der Zurschaustellung von Athleten im Zweikampf sahen die antiken Machthaber nach Juvenals subversiv gestimmter Meinung ihre Fürsorgepflicht gegenüber dem Volk als vollumfänglich erfüllt an. Tatsächlich diente den Politikern im alten Rom die spektakuläre Massenunterhaltung vor allem als systemstabilisierender Faktor, durch den die Menschen ruhiggestellt werden sollten.

Gesunder Körper, gesunder Geist

Zugleich zielte die Sportpolitik in jener Zeit auch und gerade auf die Ertüchtigung der Bevölkerung. "Mens sana in corpore sano" (In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist) ist noch so ein Satz, der dem Dichter Juvenal zugeschrieben wird. Verstanden wurde dieses Bonmot damals wie heute nur zu gern als Königsweg zu einem ganzheitlich gesunden Volkskörper. Das ist auch der Grund, weshalb ihn Generationen von Sportlehrern ihren Schülern zur getreulichen Beherzigung anempfahlen. Tatsächlich lautet der lückenhaft kolportierte Juvenal-Vers im vollen Wortlaut wie folgt: "Beten sollte man darum, dass in einem gesunden Körper ein gesunder Geist sei." Denn der hintersinnige Ironiker Juvenal wollte keineswegs unsportliche Zeitgenossen zu Leibesübungen anhalten, sondern sich vielmehr über jene zwar eisern gestählten, aber oft erschreckend geistesfernen Athleten lustig machen, die bei den sportlichen Volksbelustigungen in den wie auch immer gearteten Ring geschickt wurden.

Frauen waren in der Antike übrigens zumindest bei den großen Mann-gegen-Mann-Wettkämpfen nicht einmal als Zuschauerinnen zugelassen. Eingedenk der Macho-Herkunft der antiken Sportveranstaltungen muss das nicht von Übel sein.

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