Konzertkritik

Max Herre zu Gast im Bremer Metropol Theater

Am Samstag gastierte Max Herre im Bremer Metropol Theater. Hier präsentierte der deutsche Hip-Hop-Pionier seine alten Lieder, aber auch Werke aus seinem aktuellen Album „Athen“.
08.03.2020, 21:33
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Max Herre zu Gast im Bremer Metropol Theater
Von Felix Wendler
Max Herre zu Gast im Bremer Metropol Theater

Im Bremer Metropol Theater präsentierte Max Herre am Sonnabend sein aktuelles Album "Athen". Der 46-Jährige gilt als Veteran im deutschsprachigen Hip-Hop.

Fabian Wilking

„Damals haben wir beim Tanzen noch die Knie hochgezogen“, sagt Max Herre. Um diesem Wink verletzungsfrei nachzukommen, reicht der Platz zwischen den roten Sitzreihen im Metropol Theater Bremen nicht wirklich. Immerhin, einige Hüften geraten in Bewegung. Ein Teilerfolg. Vor allem aber nicken Köpfe. Zu diesem Zeitpunkt am Samstagabend befinden sich alle längst in den Sphären der 1990er-Jahre. Damals, als Rap selbst noch Thema im Rap war, neu und noch lange nicht massentauglich. Jahre bevor die Berliner Rüpel um Masken-Rapper Sido deutsche Kinderzimmer eroberten, kam der Hip-Hop aus dem Südwesten. In Stuttgart entstanden die Massiven Töne (1991) und Freundeskreis (1996). Mitbegründer und Sänger bei Freundeskreis: Max Herre.

Nun, fast 25 Jahre später, steht dieser Max Herre, deutscher Hip-Hop-Pionier, auf der Bühne vor dem Mikrofon und rappt wieder seine alten Lieder. „Soll das wirklich alles sein?“, fragt die Zeitgeschichte vorsichtig nach. Eine rhetorische Frage natürlich, seitdem der Ausdruck „künstlerische Entwicklung“ im deutschsprachigen Hip-Hop fast zum Mantra geworden ist. Max Herre, bürgerlich Max Herre, wird im April 47. Wie also altert deutscher Hip-Hop? Gelegentlich mit einem Hocker vor dem Mikrofon, aber vor allem mit neuer Musik.

Politisches Statement

Bevor Herre sein Bremer Publikum ins Hip-Hop-Museum begleitet, führt die Reise nach „Athen“. So heißt das aktuelle Album, auf dem der gebürtige Stuttgarter nach „Hallo Welt!“ (2012) erneut Experimentierfreude beweist. Das auf den gängigen Streaming-Portalen populärste Lied des Albums ist eine Kooperation mit dem Rapper Trettmann, der für die momentan fast unvermeidliche Trap-Musik bekannt ist. „Ihr übernehmt den Part von Trettmann“, fordert Max Herre die Bremer Zuschauer auf, als er den Song „Villa auf der Klippe“ ankündigt.

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Das funktioniert so mittelgut, aber der Song passt inhaltlich nach „Athen“, das für Herre auch eine Art Familienchronik ist. Die besungene Villa auf der Klippe: ein Verweis auf seinen Großvater Richard Herre, einem Möbeldesigner. Seinen Vater Frank, der in den 1980er-Jahren in Griechenland lebte, besingt Max Herre in „17. September“. Die lang gezogenen Zeilen geben der musikalischen Liebeserklärung einen melancholischen Einschlag. Das grenzt an Pathos, aber geht nie darüber hinaus. In „Siebzehn“ berichtet Herre von seiner eigenen Jugend – und von der Sichtweise, die er heute als Vater auf seine beiden Söhne hat.

Drei Generationen auf einem Album, eine vierte Generation im beigen Outfit auf der Bühne, die das Ganze musikalisch zusammenfügt. Und dann ist da natürlich die eigene Geschichte. Im Titelsong ist „Athen“ ein Sehnsuchtsort, das Ziel einer Reise, die im Berliner Wedding beginnt und auf einem Rasthof in Mazedonien tragisch endet. Dazwischen: Depression und Liebe. Neben Elementen von Pink Floyds „Shine On You Crazy Diamond“ wird auch der Einfluss des Berliner Künstlers Tua deutlich, der an der Entstehung des Songs mitgewirkt hat. Der langsame Refrain, auf der Leinwand von einer endlosen Autofahrt untermalt, gibt dem Lied viel Raum zum Wirken. „Ich geh‘ zahlen, komm‘ zurück. Sie ist nicht mehr da“, schließt Herre das Kapitel nach mehr als sechs Minuten ab. Und nuschelt den letzten Satz dahin. Singt er wirklich „Sie“? Oder „Es“? Beides passt.

Persönlich und politisch

Max Herres aktuelles Album ist musikalisch experimentell. Inhaltlich funktioniert „Athen“ trotz – oder wegen – der Tatsache, dass es in zwei oft bemühte Kategorien passt: Das Werk ist persönlich und politisch. Max Herre war und ist dafür bekannt, sich zu bestimmten Themen klar zu positionieren. „Der Song steht für Menschen ohne Papiere“, kündigt Herre an. „Sans Papiers“, das sind Menschen ohne geregelten Aufenthaltsstatus, denen er eine Stimme geben will. „Ich bin sprachlos, was auf Lesbos aktuell passiert“, sagt Herre. Dafür erntet er Applaus vom Publikum. Schade jedoch, dass die Feinheiten des Songs anschließend in der etwas zu lauten Hintergrundmusik untergehen. „Dunkles Kapitel“ kommt schneller daher, mit rhythmischem Bass untermalt. „Wehret den Anfängen“ heißt die klare Botschaft in dem Lied, das in Kooperation mit Dirk von Lowtzow entstanden ist.

Als Hip-Hop-Veteran sieht sich Max Herre mit einem bekannten Problem konfrontiert. Wie entwickelt man aus Hunderten Songs ein stimmiges Konzert-Konzept? Neu soll es sein, aber natürlich auch authentisch. Herre gelingt das, weil er Altes nicht neu aufwärmt, sondern auf der Bühne 46 Jahre alt bleibt. Durchaus mit Blick auf alte Zeiten, aber immer ausreichend distanziert. Am Ende macht er dann doch noch einen Fehler: Die Zugabe ist zu lang. Aber was sind nach 25 Jahren schon 15 Minuten mehr oder weniger?

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