Hochschule für Künste Bremen

Maximal verknüpfte Kunst: Franciska Zólyom stellt Konzept für Biennale-Pavillon vor

Franciska Zólyom stellt an der Hochschule für Künste in Bremen das Konzept zur Gestaltung des deutschen Biennale-Pavillons vor.
13.12.2018, 22:34
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Maximal verknüpfte Kunst: Franciska Zólyom stellt Konzept für Biennale-Pavillon vor
Von Iris Hetscher
Maximal verknüpfte Kunst: Franciska Zólyom stellt Konzept für Biennale-Pavillon vor

Die Kuratorin Franciska Zólyom war am Mittwoch zu Gast an der Hochschule für Künste Bremen.

Frank Thomas Koch

Am 25. Oktober landete Franciska Zólyom einen Coup. Die Leiterin der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig, die zur Kuratorin des deutschen Pavillons der Venedig-Biennale 2019 berufen ist, betrat die Bühne im Berliner Zeughaus-Kino mit mehreren Frauen. Eine davon hatte sich eine Art Steinskulptur über den Kopf gestülpt und sollte während der gesamten Pressekonferenz stumm bleiben. „Natascha Süder Happelmann“ stand auf dem Namensschild – sie ist die Künstlerin, die Zólyom für die Gestaltung des Pavillons ausgewählt hat, und die ihren echten Namen für diese Zeit nicht führen wird. Sprechen wird sie auch nicht, das wird „Helene Duldung“ für sie erledigen. Warum? Weil es bei der Arbeit, die auf der Kunstbiennale zu sehen sein wird, um das große Thema Identität geht, was immer auch die Unsicherheit derselben beinhaltet. Das hat die Künstlerin, die eigentlich Natascha Sadr Haghighian heißt und Professorin für Bildhauerei an der Hochschule für Künste (HfK) Bremen ist, immer schon umgetrieben.

„Ich bin ein großer Fan von ihr“, sagt Franciscka Zólyom sieben Wochen später. Die Kuratorin ist am Mittwochabend zu Gast an der HfK, ihr Vortrag im sehr gut gefüllten Auditorium im Speicher XI soll Einblicke in das Konzept des Pavillons geben. Eine Aufgabe mit maximaler Breitenwirkung: Die „Biennale di Venezia“, so der offizielle Titel, versteht sich alle zwei Jahre als Seismograf der Bildenden Kunst. Hoch aufgehängt ist Zólyoms Aufgabe zudem, denn beauftragt worden ist sie vom Auswärtigen Amt. 2017 hatte ihre Vorgängerin Susanne Pfeffer mit einer verstörenden Arbeit von Anne Imhof den Hauptpreis, den Goldenen Löwen, gewonnen. Und nun? „Wir planen eine raumgreifende Arbeit, in der Klang eine große Rolle spielt und das Publikum physisch beteiligt wird“, sagt Zólyom. Und: Alles, was im Vorfeld und im Umfeld der Arbeit stattfinden werde, sei Teil von ihr. Die Pressekonferenz im Zeughaus-Kino beispielsweise, auch der nächste, für Februar geplante öffentliche Auftritt. Mehr Details verrät Franciska Zólyom noch nicht.

Wechselwirkungen erforschen

Dafür aber einiges über das Konzept. „Ich finde, dass künstlerische Arbeit ein Bild von der Welt schaffen kann, so, wie wir sie noch nicht begreifen“, sagt sie im Vorfeld ihres Vortrags. Von daher sei für sie klar gewesen, dass sie mit jemanden arbeiten wolle, der sein Konzept konsequent verfolge, der aber auch vernetzt tätig sei, weil „jede Arbeit in Kooperation mit jemandem entsteht“. Das entspricht nicht unbedingt dem Verständnis des Künstlers als genialischem Individuum, das seit Jahrhunderten gepflegt wird und das zudem für die Vermarktung von Kunst kein unerheblicher Faktor ist. Genau das, quasi die Objekthaftigkeit des Kunstschaffenden, schränke dessen Möglichkeiten aber stark ein, findet Zólyom. Man könne Kunstwerke auf herkömmliche Weise betrachten, aber man könne die Produktion von Kunst auch verknüpfen mit gesellschaftlichen Diskussionen und Wechselwirkungen erforschen.

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So wie Natascha Sadr Haghighian, die in ihrer Audio-Skulptur „Pssst Leopard 2A7+“ die Mechanismen von Rüstungsexport, aber auch den Umgang mit dem Wissen darum hinterfragt. Oder die seit 2004 die Biografie-Tausch-Plattform „Bioswop“ betreibt, auf der Künstler sich Lebensläufe ausleihen und/oder zusammenstellen können. Damit entschlüpft man klaren Zuschreibungen, Vereinnahmungen und Hierarchien, gleichzeitig wird das Austauschbare, Unwägbare angeblich eindeutiger Identitäten ausgestellt, die heute durch Algorithmen zum Schema zusammengestellt werden können.

Name selbstbestimmt gewählt

Für das Projekt „Biennale 2019“ hat Sadr Haghigian daher ihre Identität angepasst. „Süder Happelmann“ ist kein Pseudonym, sondern speist sich aus diversen Falschschreibungen ihres Namens über mehrere Jahre hinweg. Dieser neue Name wurde ihr nicht gegeben; sie hat ihn selbstbestimmt gewählt. „Uns interessiert, was diese Abwandelung des Namens auslösen wird“, erklärt Zólyom. Und natürlich auch der Stein auf dem Kopf, mit dem die Künstlerin auch in einem Video auftritt. Er ist ein weiteres spielerisches Element: Mensch und Stein sind zwei Elemente, die unverbunden bleiben müssen, sie funktionieren nicht miteinander. Bisher habe sie vor allem Verunsicherung gespürt durch diese ersten Statements, „aber genau das setzt etwas in Bewegung“, findet die Kuratorin. Das Verschmitzte an diesem aufklärerischen Ansatz findet sich auch in dem Titel ihres Vortrags. „Don't Call Me Names“ hat Zólyom ihn wortspielerisch genannt, auf Deutsch: „Beschimpf' mich nicht“.

Sie sei gespannt darauf, wie die Biennale auf die Arbeit reagieren werde, sagt sie. „Unser Auftrag ist es, Deutschland zu repräsentieren, was in dieser Totalität sowieso unmöglich ist“, sagt sie. Doch Franciska Zólyom treibt neben der Kunst derzeit noch etwas anderes um. Das Auswärtige Amt garantiert die Sockelfinanzierung des Pavillons, weitere 600 000 Euro muss sie einwerben. Aus Leipzig, vom Freistaat Sachsen, auch aus Bremen habe sie positive Signale erhalten, sagt sie. Unter anderem habe die Karin-und Uwe-Hollweg-Stiftung Unterstützung signalisiert.

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