Comiczeichner Riad Sattouf findet, nur Erwachsene sollten über die Integrität ihrer Körper entscheiden dürfen

„Meine Beschneidung war der Horror“

Deutschland diskutiert zur Zeit rege über religiös motivierte Beschneidungen. Das Kölner Landgericht beurteilte sie als Körperverletzung. Der Bundestag legte dagegen eine Resolution vor – zur Erlaubnis der Beschneidung bei Jungen aus religiösen Gründen. Der Comiczeichner und Filmregisseur Riad Sattouf wurde vor mehr als 25 Jahren in Syrien beschnitten. Er veröffentlichte einen Comic über diese Erfahrung. Lina Kokaly sprach mit dem mehrfach ausgezeichneten Künstler.
26.07.2012, 05:00
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„Meine Beschneidung war der Horror“

Im autobiografischen Comic "Meine Beschneidung" hat der achtjährige Sattouf kurz vor dem Eingriff Albträume. ABBILDUNG: VERLAG REPRODUKT

Deutschland diskutiert zur Zeit rege über religiös motivierte Beschneidungen. Das Kölner Landgericht beurteilte sie als Körperverletzung. Der Bundestag legte dagegen eine Resolution vor – zur Erlaubnis der Beschneidung bei Jungen aus religiösen Gründen. Der Comiczeichner und Filmregisseur Riad Sattouf wurde vor mehr als 25 Jahren in Syrien beschnitten. Er veröffentlichte einen Comic über diese Erfahrung. Lina Kokaly sprach mit dem mehrfach ausgezeichneten Künstler.

Herr Sattouf, was haben Sie für Erinnerungen an den Tag Ihrer Beschneidung?

Riad Sattouf: Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Tag und es ist wirklich keine schöne Erinnerung. Ich war damals acht Jahre alt und wurde in einem syrischen Dorf, in dem ich damals mit meiner Familie lebte, ohne besondere hygienische Vorkehrungen beschnitten. Es war eine traumatische und äußerst brutale Erfahrung: Eine Gruppe Männer umzingelte mich und ein weiterer Mann schnitt mir mit einem Rasiermesser ein Stück meines Penis ab. Es war völlig offensichtlich, dass ich das nicht wollte – ich versuchte mich zu wehren –, aber das hat mir nichts genutzt. Heute kann ich zwar ein wenig darüber schmunzeln, aber damals war das für mich der absolute Horror.

Wie wurde Ihnen gegenüber denn damals die Beschneidung begründet? Und von wem?

Meine Familie hat eigentlich gar nicht richtig mit mir darüber gesprochen. Ich wurde beschnitten, weil einfach jeder Mann in meinem Dorf in Syrien beschnitten war. Das wurde nicht infrage gestellt.

In Deutschland wird nun diskutiert, ob die religiös motivierte Beschneidung verboten werden soll. Also, ob die Religionsfreiheit oder das Recht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes bei der Beurteilung überwiegt. Was halten Sie persönlich von einem Verbot?

Ich finde es richtig, dass nur ein Erwachsener über die Integrität seines Körpers entscheiden darf. Das ist eine Selbstverständlichkeit und es scheint mir schwierig, diese einzuschränken – besonders aus übernatürlichen Gründen, wie etwa religiöse. Kein anderes Tier dieser Welt schneidet seinen Kindern Körperteile ab, das macht nur der Mensch. Aber ich glaube, ein Verbot würde nichts ändern. Das Ritual der Beschneidung nimmt einen hohen Stellenwert in vielen Kulturen ein. Ein Verbot würde nicht die Meinung der Befürworter ändern. Sie würden vielleicht sogar unter gefährlichen hygienischen Bedingungen mit den Beschneidungen fortfahren.

Was schlagen Sie denn stattdessen vor?

Ich denke, man muss die Menschen aufklären. Ihnen sagen, was alles gegen diese medizinisch nicht notwendigen, religiös motivierten Beschneidungen spricht – und man muss auch die Schmerzen thematisieren, die so ein Eingriff mit sich bringen kann. Nur so kann dieser symbolische Kastrationsakt hinterfragt werden. Der Sensibilitätsverlust, den eine Beschneidung für den Mann mit sich bringt, sollte endlich zur Sprache kommen. Nur so kann sich etwas in den Köpfen bewegen. Ich sage oft zu meinen unbeschnittenen Freunden, dass ich meine Eichel an Beton reiben könnte, ohne dabei Schmerzen zu verspüren. Sie fallen dann meistens in Ohnmacht.

Sie haben Ihre Erfahrungen in einem Comic verarbeitet. "Meine Beschneidung" ist trotz des ernsten Themas streckenweise recht amüsant. Etwa, wenn Sie als Kind Ihrem auf einem Schiff davonfahrenden Penis hinterherwinken. Wieso haben sie sich für diese lustige Form entschieden?

Ich liebe einfach lustige Geschichten. Beschneidung ist natürlich ein sehr heikles Thema, aber man darf sich unter dem Deckmantel der Komik viel mehr trauen. Und wenn man es mit Humor angeht, wiegt das Thema plötzlich leichter.

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