Interview mit Benjamin von Stuckrad-Barre "Meine persönliche Protestform ist mein Beruf"

Bremen. In seinem Buch "Auch Deutsche unter den Opfern" zieht Benjamin von Stuckrad-Barre als Deutschlandreporter durchs Land. Vor seiner Lesung in Bremen am Sonnabend sprach er mit dem WESER-KURIER über seine Reportagen, die Kritik der Feuilletons und die deutsche Sprache.
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Bremen. In seinem Buch "Auch Deutsche unter den Opfern" zieht Benjamin von Stuckrad-Barre als Deutschlandreporter durchs Land. Vor seiner Lesung in Bremen am Sonnabend sprach er mit dem WESER-KURIER über seine Reportagen, die Kritik der Feuilletons und die deutsche Sprache. Das Interview führte Ben Binkle.

Frage: Für Ihr neues Buch "Auch Deutsche unter den Opfern" wurden Sie in fast allen großen Zeitungen gelobt. Wundert Sie das?

Benjamin von Stuckrad-Barre:Natürlich nicht – müsste die Antwort lauten (lacht). Wenn man über zwei Jahre lang an einem Buch gearbeitet hat und das dann gelobt wird, ist das erfreulich. Das habe ich ja auch schon anders erlebt. Das mit der Kritik ist immer so ein hin und her. Man muss einfach nur lange genug unverdrossen – oder auch verdrossen – weiterschreiben, dann wird man auch mal gelobt. Und beim nächsten Mal kriegt man dann wieder einen auf die Mütze.

Das klingt so, als hätten Sie sich mit ihrer Rolle in den Feuilletons abgefunden.

Man sollte über die Kritik einfach weniger nachdenken. Das ist etwas Heilsames, was ich in den letzten Jahren gelernt habe: Besser nicht in den Dialog mit der Kritik zu treten, sei sie gut oder schlecht. Kritik ist logischer Bestandteil meiner Arbeit. Man stellt was in die Welt, das finden dann Leute gut oder auch schlecht, aber ich finde es nicht sonderlich ergiebig, sich darüber lange Gedanken machen. Man hat ja einen kleinen Vorsprung: Wenn die Kritik einsetzt, ist man selbst längst wieder woanders.

Sie gelten ja nach wie vor als Popliterat, als umstrittene Medienfigur.

Ich bin zwar froh, wenn die Leute mal an der Figur, die sie als Klischee im Kopf haben, vorbei und tatsächlich auf die Texte gucken. Andererseits müssen all diese divergierenden Zuschreibungen natürlich, um Falco zu zitieren, mit aller Gewalt verteidigt werden. Ist doch herrlich, wenn ein Name als Resonanzkörper taugt.

Mit 23 Jahren schrieben Sie den Bestseller "Soloalbum", das ist jetzt zwölf Jahre her. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Im Nachhinein kann man sich immer alles erklären, alle Fehler und alle Erfolge. Die höchste Form der Eitelkeit ist dann zu sagen: Dieser Fehler war sogar gut für mich! Der Zeitraffer ist trügerisch und selbstbelügend. Ich habe so eine Zwei-Jahres-Sentimentalität und denke immer: Vor zwei Jahren, da war es so schön. Würde ich das heute noch einmal so leben, wäre es aber natürlich nicht mehr so schön. Ich kann mir ganz wenig Dinge in meiner Laufbahn richtig erklären und werde fast panisch, wenn ich die ganzen Zufälle sehe, die mein Leben beeinflusst haben. Mir ist die Zufälligkeit in meiner Biografie schon sehr bewusst.

Wenn Sie heute auf den 23-jährigen Bestsellerautor zurückschauen, der Sie 1998 waren – verstehen Sie diese Person noch?

Die Person ist mir zum Teil sehr fremd geworden. Zum Beispiel durch die Verfilmung von "Soloalbum", die mit dem Buch kaum noch etwas zu tun hatte - ich habe daran auch kaum mitgewirkt und fand das wunderbar so. Das war für mich der perfekte Schritt, das Buch loszuwerden. Sehr befreiend.

In ihrem neuen Buch „Auch Deutsche unter den Opfern“ geht es wieder um Deutschland. Wird das Thema nicht langsam langweilig?

Wer das Land, in dem er lebt, langweilig findet, muss zum Arzt.Das Buch schreibt "Deutsches Theater" (erschienen 2001, d. Red)quasi fort. Naja, zumindest mit meinem Tod gibt es da ein Semikolon. Aber ich sehe alle meine Arbeit in diesem Kontext. Das alles ist ein sich ständig fortschreibendes Buch.

Sie scheinen ihren Beobachtungsgegenstand regelrecht zu lieben.

Die intensive Beschäftigung mit Deutschland kommt aus einer ganz tiefen Liebe heraus, mit all ihren Schattierungen. Dazu gehören auch Melancholie, Unverständnis und Kränkung. Deutschland interessiert mich als Erhebungsraum vor allem, weil ich einfach die Sprache so liebe. Ich will sehen, was an verschiedenen Orten und in verschiedenen Milieus mit der deutschen Sprache passiert.

Und darum gehen Sie raus und beobachten ihr Land.

Ich bin nicht so toll darin, mir etwas auszudenken. Das ist auch gar nicht nötig, weil ich das, was real passiert, schon so interessant und verrückt finde. Rausgehen, gucken, mitschreiben – fertig. Es ist ja alles immer da: Helden, Deppen, Skandale, Intrigen, Lüge und Wahrheit, Jubel und Verzweiflung.

Wie sieht das konkret aus, wenn sie z.B. die Kanzlerin Angela Merkel als Beobachter begleiten?

Ich habe dann einen Fotoapparat und ein Notizbuch, manchmal auch ein Tonbandgerät dabei. Dann wird erst einmal gesammelt. Unverzichtbar ist dabei auch eine leere Tasche, da kommt dann alles rein: Flugblätter, Luftballons, Speisenkarten. Zuhause wird dann in aller Ruhe gesichtet, geordnet, und anhand des gesammelten Materials eine Geschichte aufgeschrieben.

Sie nennen Ihre Reportagensammlung einen "Roman". Woher kommt denn das fiktionale Moment?

In dem Moment, wo die eigene Gewichtung der Geschehnisse anfängt, wenn man aus dem Chronologischen oder rein Informativen ausschert, beginnt praktisch die Poesie.

In "Auch Deutsche unter den Opfern" steckt mehr Stuckrad-Barre als im "Deutschen Theater". Würden Sie da zustimmen?

Das kann sein. Früher habe ich den Vorwurf nie kapiert, dass ich nur über mich schreibe. Heute denke ich, dass es stimmt, zumindest Teil der Wahrheit ist. Indem ich über andere Menschen schreibe, schreibe ich über mich selbst. Die Frage ist dann, wie man mit dem Wort "ich" umgeht. In den meisten meiner Texte ist das eher störend. Ich überlege mir das wirklich dreimal, bevor ich in einem Text "ich" schreibe. Aber manchmal geht es nicht anders. Wie bei meinem Text über Udo Lindenberg. Den kann ich ja gar nicht mehr objektiv und mit Distanz beschreiben, dafür kenne ich ihn viel zu lange und zu gut, da bin ich dann völlig parteiisch, habe aber die Aufgabe und die Möglichkeit, aus eben dieser Befangenheit Funken zu schlagen und etwas zu erzählen, das sich exakt aus dieser Nähe speist.Der Autor, der was taugt, beschäftigt sich mit sich selbst. Es ist ein komischer Vorwurf, jemand schreibe nur über sich selbst, denn davon handelt letztlich alle große Kunst. Man ist für sich selbst ja die ergiebigste Abraumhalde. Man muss das nur immer wieder unterbrechen, damit das kein solipsistisches Gelalle wird. Darum arbeite ich dann zur Abwechslung auch so gerne mit anderen zusammen, schreibe ein Drehbuch mit Helmut Dietl oder denke mir mit Christian Ulmen eine Fernsehshow aus. Mit einem guten Pingpong-Partner kommt man auf ganz neue, herrliche Abwege.

Als Beobachter blicken Sie ja zunächst auf Oberflächen. Das bringt Ihnen schnell mal den Vorwurf der Oberflächlichkeit ein.

Darin liegt ja sehr viel Selbstauskunft. Derjenige, der Oberflächlichkeit vorwirft, sagt nichts über den Gegenstand, aber sehr viel über sich: "Das hier ist - anders als ich - oberflächlich." Ansonsten ist der Begriff ein Klischee. Man kann das als Lob oder als Vorwurf meinen, je nachdem, wie man es sonst mit dem Autoren hält. Oberfläche ist ja nichts weiter als das, was wir sehen.

Und Sie suchen als Beobachter nach Lücken in der Oberfläche?

Die meisten Texte in meinem Buch beschreiben Inszenierungen - Wahlkämpfe, Filmpremieren, die Fanmeile, was auch immer. Da werden unablässig Bilder produziert. Ich trete dann in diese Bilder hinein. Das ist wie in einem Film-Set nach Drehschluss, wenn man sich umschaut: Ist der Berg echt? Ist das Wasser wirklich aus Wasser? Da fühle ich mich wohl, das ist mein natürlicher Antrieb. In Szenen hereintreten und gucken, was stimmt, was haut nicht hin. Erstmal alles ernst nehmen – und es dann darüber pulverisieren.

Ein moralisches Buch haben Sie bisher noch nicht geschrieben, oder?

Naja, das kommt auf die Definition von moralisch an (lacht)

Sie wollen kein besseres Deutschland herbeischreiben.

Ich will das Deutschland beschreiben, das der Fall ist.Bücher mit Titeln wie "Für eine neue Moral", "Sozialstaat adé" oder "Gegen das Gottvergessen" finde ich lächerlich. Mein Problem, nein, mein Vorteil bei solch großsprecherischen Thesen ist: Ich weiß das alles auch nicht und kann mich der Sache immer nur in Mosaiken nähern.

Man wird sie also nicht als 40-Jährigen bei einer Anti-Castor-Demo aktiv Stellung beziehen sehen?

(lacht)Da war ich doch schon mit 16 Jahren! Das ist auch das richtige Alter. Ich war da aber eher aus persönlichen Gründen, schließlich ist das ein sinnstiftendes Gemeinschaftserlebnis. Für einen 16-Jährigen ist das doch herrlich und richtig. Aber jetzt für oder gegen Atomkraftwerke zu sein – das weiß ich alles nicht, höre mir aber mit Hingabe die allseitigen Hysterietexte an. Meine persönliche Protestform ist mein Beruf. Darin kann ich mich und meine Kritik am besten formulieren.

Popliterat, Deutschlandreporter, Schriftsteller, Journalist – mit welchem Begriff fühlen Sie sich am besten getroffen?

Das sind ja alles keine geschützten Begriffe, man kann das also einfach immer alles behaupten. Der Begriff Schriftsteller hat als Selbstbezeichnung immer etwas parfümiertes. Das ist ein Orden, den ich mir nicht anheften will. Ich kann voller Stolz behaupten: Keine Preise, keine Stipendien. Und das schaffen wirklich nicht viele. Es gibt ja mehr Literaturpreise als Autoren in Deutschland. Ich wollte da nie mitmachen und die haben mich auch nie mitmachen lassen. Das ging voll in Ordnung so. Ich habe auch keine Lust, im Goetheinstitut Dakar vor 20 traurigen Witwen zu lesen…

Ihre Abneigung gegenüber dem klassischen Literaturbetrieb ist ja bekannt…

Das klingt hoffentlich nicht gekränkter als es ist. Ich lese auf meiner Tour nicht in Literaturhäusern, das ist schon extra so gewählt – von mir und auch von den Literaturhäusern. Ich habe da einfach nichts zu suchen. Andererseits ist es töricht, dogmatisch zu sein, also ist es unerlässlich, immer mal wieder in ein Literaturhaus reinzugehen und zu überprüfen, ob mein Urteil noch stimmt. Mit Helmut Karasek habe ich vor einem Jahr im Hamburger Literaturhaus  einen Walter-Kempowski-Abend veranstaltet. Der Veranstalter behandelte uns als fehlgeleitete Ulknudeln, musste aber bei der Begrüßung doch kleinlaut melden: "Volles Haus haben wir heute." Darauf Karasek supercool: "Wir sind es nicht anders gewohnt." Das war wunderbar und nach dieser Literaturhauslesung kann ich wieder ein paar Jahre lang bis zur Widerlegung an meinem Messergebnis festhalten: Literaturhäuser mag ich nicht so gern.

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