Heinz Strunk im Porträt

Meister des sprachgewaltigen Skalpells

Er ist bekannt dafür, in allem das Hässliche, das Rohe zu sehen: In „Das Teemännchen“ widmet sich Heinz Strunk den hoffnungslosen Verlierern. Am 21. November liest er daraus im Bremer Schlachthof. Ein Besuch.
19.11.2018, 16:13
Lesedauer: 6 Min
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Meister des sprachgewaltigen Skalpells
Von Imke Wrage
Meister des sprachgewaltigen Skalpells

Erzählt in seinem neuen Band "Das Teemännchen" tragikomische Geschichten: Heinz Strunk.

Dennis Dirksen

Es ist ein nasskalter, düsterer Montag im November, 12.30 Uhr, die Depression lässt nicht lange auf sich warten. Feiner Nieselregen ergießt sich auf Heinz Strunks grüne Wollmütze, Jogger und Bomberjacke trägt er heute zu blauschwarzen Lackschuhen. Der Literat und Musiker hat in seine Wohnung in Hamburg-Altona, 800 Meter Luftlinie zur S-Bahn-Station Holstenstraße, eingeladen. Dort will er Fragen zum neuen Erzählband „Das Teemännchen“ beantworten. Mit Coffee-to-go und Brötchentüte in den Händen steht er vor der Tür des gepflegten Altbaus und klärt, bevor es hineingeht, die Fronten: „Ich möchte gesiezt werden“, sagt Strunk und erstickt damit jeden Gedanken an ein schlotziges „Hey-komm-doch-rein-und-sag-doch-du-ich-bin-der-Heinz“ im Keim. Er stehe nicht so auf das Kumpelhafte wie manche seiner Kollegen, sagt er.

Heinz Strunk wohnt ganz oben, fünfter Stock, einen Aufzug gibt es nicht. Nichts für Selterskistenträger, aber so einer sei er ohnehin nicht, sagt Strunk, wo doch ein Sprudler so eine gute Erfindung sei. Gerade hat er sich ein teures Modell in Rot zugelegt, das könne sich wirklich sehen lassen, findet er. An Buggies und Fixies vorbei schlängelt sich Strunk durch das Treppenhaus. Vor einer Tür steht ein Karton, Aufschrift „zu verschenken“. Darin liegen Stiefel von Tommy Hilfiger, schwarz, wie neu.

Ankunft im Dachgeschoss, „Hereingedackelt“, steht dort geschrieben. Heinz Strunk dackelt vor, „Schuhe können Sie anlassen“, sagt er, „ist doch sonst spießig.“ Strunk reicht ein Glas mit besagtem Sprudel. Er wirft einen Blick in den Kühlschrank. „Oder Whiskey-Cola?“, sprudelt es aus ihm heraus. „Lieber später“, nuschelt er in sich hinein, ohne aufzuschauen.

Experte für Hundefanatismus

Ein erster kleiner Lacher. Davon wird man von Strunk heute nicht viele hören. Aus dem Fernsehen kennt man Heinz „Heinzer“ Strunk als lustigen Typen: bei „Extra 3“ ist er Dieselfahrverbot-Experte, Experte für Hundefanatismus, Social-Media-Suchtexperte. Zuhause aber ist er ganz anders: Im Kopf des 56-jährigen regiert die Depression. Um das zu erahnen, reicht ein Blick ins Bücherregal: Dort steht „Stimmen“ von Wolfgang Herrndorf neben Werken von Franz Kafka. Gerade hat er begonnen, „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle zu lesen.

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Heinz Strunk hat aufgeräumt. In der 62-Quadratmeter-Wohnung – lichtdurchflutet, Wendeltreppe zur Dachterrasse, offene Küche – ist von dem Mief und Dreck aus seinen Büchern keine Spur. „Ordnung ist das halbe Leben“, sagt er. Er kann nicht recht still sitzen heute, wippt auf dem Ledersessel hin und her. In der Luft liegt ein Gemisch aus After-Shave und Holzfußboden. Vor dem 55-Zoll-Fernseher stehen zwei Vasen mit roten Rosen. „Von Aldi“, sagt Strunk. Einige von ihnen richten die Köpfe schrumpelig gen Boden. Über dem prall gefüllten Bücherregal hängt eine Lichterkette, daneben sind Holzscheite für den Kaminofen in der Ecke des dachschrägen Raumes fein säuberlich aufgereiht.

Meister der Kunst, in allem das Hässliche zu sehen

Den Figuren des gerade erschienenen Erzählbandes „Das Teemännchen“ ist der Strunk’sche Hang zur Gemütlichkeit nicht vergönnt. Ausleben zumindest können sie ihn nicht. Alte und Adipöse, physisch und psychisch Verstümmelte, allesamt hoffnungslose Verlierer, vereint Strunk darin auf 200 Seiten. Als Meister der Kunst, in allem das Hässliche, das Rohe und Echte zu sehen, widmet er sich den Menschen am Rande des Menschseins.

Schon häufig hat er sie zum Mittelpunkt seiner Texte gemacht. In „Fleisch ist mein Gemüse“ zum Beispiel oder seinem bekanntesten Werk „Der Goldene Handschuh“, in dem er die Geschichte des Hamburger Frauenmörders Fritz Honka verarbeitet. Noch nie aber war der Sprachduktus so präzise, waren die Beschreibungen so grausam-minutiös wie im „Teemännchen“. In 50 Kurzgeschichten, mal mehrere Seiten, mal wenige Sätze lang, legt Strunk seine „ganz armen Willis“ auf den Seziertisch, trennt mit wenigen Sätzen die Gliedmaßen ab und sticht dann mit sprachgewaltigem Skalpell mitten ins Herz.

So geht es zum Beispiel Anja, blond, Mitte 20. Nach der gescheiterten Ehe zieht der „dralle Braten“ zurück zu den Eltern. Dort jobbt sie im Borstelgrilleck, steht bei 50 Grad im Frikadellenmief hinterm Tresen. Eigentlich will sie im Borstelgrilleck nur vorübergehend arbeiten. Mit ihrem Aussehen könnte Anja ganz anderes tun, denkt sie: Miss-Wahlen gewinnen zum Beispiel.

Der tragikomische Untergang der „Sexbombe“ Anja

Schon bald aber ist Anja zwei Jahre dort, dann vier, dann zwanzig. Die Poren verstopfen allmählich vom Frittierfett, die Figur geht vom Imbissfraß hefeartig auf. Die wenigen Haare der „einstigen Sexbombe“ hängen strähnig herunter, Tränensäcke staffeln sich nun dreifach. Anjas Anblick wird für die Kunden unzumutbar. Letzter Ausweg: „Hinter die Frontlinie.“ Zum Anrichten und Braten schickt sie der Chef in den Keller. Von dort ward von Anja fortan nur noch die knochig-verkrüppelte Hand gesehen, die Teller um Teller artig hinaufreicht. Ein tragikomischer Untergang auf sieben Seiten.

Figuren wie Anja hat sich Strunk nicht ausgedacht. Sie sind Teil der Gesellschaft, oftmals zwar unsichtbar, aber trotzdem da, sagt der 56-Jährige. „Es sieht bloß niemand hin.“ Strunk hingegen tut das genau. Er fühlt sich den deutschen Autoren der 70er-Jahre, etwa Jörg Fauser oder Rolf Dieter Brinkmann, verbunden. So wie die will auch er weg vom Gute-Laune-Diktum gängiger Literatur. „Wer glaubt denn bitte, dass immer alles nur schön und toll ist?“

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Nicht selten lässt sich Strunk für seine Geschichten von der Trostlosigkeit deutscher Autobahnraststätten inspirieren. Was er dort sieht, spitzt er zu, verpasst den Figuren wahnwitzige Züge. In „Über den Wolken“ ist ein Mann an der Autobahn A13 Berlin/Dresden, Ausfahrt Bronkow, an die Rotorblätter einer 3-Megawatt-Onshore-Windkraftanlage gebunden. Unaufhaltsam dreht er sich mit fünfzehn Umdrehungen pro Minute im Kreis – ein Szenario biblischen Ausmaßes. Die Erlösung bleibt aus.

„Das hier ist keine Freakshow“

Manchmal verbringt Strunk auch ganze Abende vor dem Fernseher. Er sei kein Freund durchzechter Nächte, verreise auch nicht gerne, lieber lasse er „traurigen RTL-2-Trash“ auf sich wirken. In der Geschichte „Andersrum“ beobachtet Kfz-Sachverständiger Rainer-Peter Pohl eine kafkaeske Metamorphose an seinem Körper. Irgendetwas stimmt nicht, denkt er. Pohl lässt sich krankschreiben, trinkt abwechselnd Schnaps, Wein und Bier. Die Veränderung aber fährt unaufhaltsam fort. Am Ende ist er der erste und einzige Mensch, „bei dem der Arsch vorn und der Schwanz hinten ist“. Alles, was ihm bleibt, ist die Hoffnung, eines Tages posthum berühmt zu werden.

Manch einer tut seine Erzählungen als „Freakshow“ ab, sagt Strunk. Tatsächlich überwiegt beim Lesen zunächst die Belustigung, wenn die Figuren teils dümmlich und bei vollem Bewusstsein ins offene Messer laufen. Um zu verstehen, mit welcher Ernsthaftigkeit Strunk seine Literatur betreibt, muss man das Leben des Autors und dessen Widersprüche kennen.

Als Mathias Halfpape wird Strunk in Harburg geboren, verbringt dort große Teile seiner Kindheit. Seit er zwölf Jahre alt ist, bestimmt die schwere psychische Krankheit seiner Mutter sein Leben. Nach dem Abitur geht er zur Bundeswehr, verfällt dem Alkohol, wird selber depressiv. Er träumt von einer Karriere als Musiker, spielt in der Band von Pop-Star Michi Reincke, hat kaum Geld. Zwölf Jahre lang tourt er mit der Tanzkapelle „Tiffanys“ von Dorffest zu Dorffest. Eindrücke daraus verarbeitet er in „Fleisch ist mein Gemüse“.

Humor als Antwort auf Melancholie

Humor wird seine Art, mit der Melancholie umzugehen, die sich wie ein Rattenschwanz durch sein ganzes Leben zieht, Ironie sein Schutzschild. Es gab Tage, viele Tage, da konnte er sich nicht vorstellen, wie er noch weitermachen solle, sagt Strunk offen. „Hätte es das Buch nicht gegeben, wäre ich heute nicht mehr hier.“

Zusammen mit Rocko Schamoni und Jaques Palminger bildet er das bekannte Trio „Studio Braun“ („Fraktus“). Spezialgebiet: Telefonstreiche und Pimmelwitze. Für seinen Film „Jürgen – heute wird gelebt“ hat er kürzlich die Goldene Kamera als „Bester deutscher Fernsehfilm“ bekommen. Der Erfolg baut ihn auf. Die Depressionen aber bleiben.

Zum Abschied führt Strunk auf die Dachterrasse mit Blick auf den Hamburger Hafen. Im Foltersommer 2018 hat er sich dort eine Außendusche mit Millionärsblick einbauen lassen, sagt er, daneben steht ein kleiner Springbrunnen. Beim Treppenabstieg hinterlassen die regennassen Schuhe ihren Abdruck auf den Stufen. Strunk zückt ein Handtuch, widmet sich penibel jeder Stufe. Bei der Verabschiedung fällt der Blick auf das Bild links neben der Tür: Heinrich Jäger, silbergerahmt, „eine dieser zerfressenen Existenzen“, sagt Strunk. Das Bild hängt schief.

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