Sven Regener liest in Bremen Memmen, Milieus, Marotten

Sven Regener, der Herrn Lehmann das literarische Leben geschenkt hat, liest in seiner Geburtsstadt aus seinem neuen Schelmenroman „Wiener Straße“. Eine Lektion in der hohen Kunst der Abschweifung.
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Memmen, Milieus, Marotten
Von Hendrik Werner

Die Frohbotschaft vorweg: Sven Regener kommt wieder. Sozusagen wiederholt wieder sogar. Gewissermaßen wieder und wieder. Und zwar mit der launigen Lesung seines jüngsten Schelmenromans „Wiener Straße“ (Galiani-Verlag), mit dem der 56-Jährige jetzt in der Bremer Glocke gastierte (Premiere, wie er im bestens besetzten Großen Saal nicht ohne Stolz zu Protokoll gab). Prämisse der Wiederkunft jenseits des Konzerthauses ist allerdings der Erwerb des Hörbuchs zur Frohsinnsprosa, gelesen vom Autor und erschienen bei Tacheles! (Roof Music), einem Label, das nicht von ungefähr die rigorose Redeweise von Regeners Figuren im Namen trägt.

Klartext, wiewohl als umschweifige, oft seitenlange Arabeske arrangiert, sprechen sie unentwegt in diesem unzureichend als Roman getarnten Dauerdialog, der, genau besehen, ein delikater Dauerclinch ist zwischen Erbsenzählern und Korinthenkackern, zwischen Sophisten und Rabulisten, zwischen Kleinigkeitskrämern und Beckmessern, mithin zwischen Hölzchen und Stöckchen, Hundertstem und Tausendstem.

Worauf Käufer des Hörbuchs verzichten müssen, wenn sie dem mal schnoddrig, mal insistent grundierten Belfern des hochmögenden Performancekünstlers auf CD lauschen, besser gesagt: auf fünf CDs, ist naturgemäß dessen wunderlich verhalten und doch expressiv anmutende Gestik. Damit das mal klar ist. So viel Körpereinsatz war bei früheren Büchern und zugehörigen Vorträgen selten bis nie. Das gibt seinem Auftritt eine gewisse Theatralität, den gelesenen Szenen etwas Dramoletthaftes. Und das ist stark, wie Herr Lehmann sagen würde, den sich Sven Regener seit seinem gleichnamigen literarischen Debüt im Jahr 2001 als Hauptfigur hält – und den er in seinen fiktionalen Texten mit dem echten Vornamen seines Bruders ausstattet, der im sogenannten wahren Leben – kein Scherz – am 1. April 2005 in Hulsberg eine inzwischen längst wieder geschlossene Kneipe eröffnete, die den Namen des Romans trug, und der später für eine sogenannte Partei in die Politik ging, die ihn – aber wir schweifen ab.

Herber Charme trägt die Lesung

Stark. Das sagt auch Sven Regener anlässlich des warmen Beifalls, mit dem ihn das ohrenscheinlich ebenso wohlgesinnte wie amüsierwillige Auditorium empfängt. Weil der schwarz gewandete Künstler sein Publikum sehr schätzt, auch und gerade jenes in Bremen – was er freilich so nie zugeben würde; es wäre ihm peinlich, und das ist für ihn eine hanseatische Todsünde –, spannt er es nicht auf die Folter (allenfalls mit spätpubertären Namenskalauern wie Kacki, P. Immel, Dr. Votz und H. R. Ledigt), sondern stellt gleich klar, woran es ist mit ihm und seiner Deklamation abstruser Fährnisse im Berlin-Kreuzberg der frühen 80er-Jahre: 90 Minuten, pausenlos. Auf dass ihm niemand vor der Zeit von der Fahne gehen möge. Das klingt nach einem guten Deal; zumal im Vergleich zur Hörbuchdauer, die 304 Minuten beträgt, was sechs Stunden und ein paar Zerquetschten entspricht.

Sven Regeners herber Charme, der neben seiner Eignung als überpointierender Grobmotoriker im Bremer Zungenschlag in Tateinheit mit absurd kleinteiliger Rhetorik besteht, trägt die Lesung durchgängig. Das liegt weniger an einer Wortwitzelei wie „Fixerstube Drückeberger“, die der Verbalakrobat explizit als seine Schöpfung zu reklamieren müssen glaubt, sondern vielmehr an der mal bloß albernen, mal soziologisch erhellenden Art, in der dieser in teilnehmender Beobachtung gestählte Vahraone Memmen, Milieus und Marotten vorführt. Darunter Chancen und Risiken eines Baumarktbesuches, WG-Exzesse, Insellage Westberlins, Kleinstbürgerlichkeit der DDR-Administration, Kneipenkultur in langen Kreuzberger Nächten (ein Palaver über Nutzen und Nachteil eines Quittungsblocks für das Leben inbegriffen; ein Disput, der – übrigens! – auch hinsichtlich der Glocke-Garderobe angezeigt wäre) und, nicht zuletzt, vermeintlich progressive Aktionskunst aus Österreich. Tatsächlich ist der Roman (und mit ihm die Lesung) satirisch besonders wertvoll, wann immer Vexierbilder von Otto Mühl und Hermann Nitsch, die sich in „Wiener Straße“ zwischen Café Einfall und ArschArt-Galerie tummeln, im Zentrum der – vorgeblichen – Handlung stehen.

Lokalpatrioten dürfen sich an diesem ausschweifenden Abend, an dem sich Regener im Namen seiner Figuren pausenlos in Rage redet, über drei Reminiszenzen freuen. Deren erste ist dem Glockenschlag in der, nun ja, Glocke zugeeignet, die laut zeitgenössischem Zeugen dem Pausengong am Gymnasium an der Kurt-Schumacher-Allee ähnelt. Deren zweite betrifft die topografisch verwirrende Herkunft von Herrn Lehmann („Neue Vahr Süd in Bremen-Ost“). Deren dritte gilt den Judoka der TuS Vahr.

Wiederhören macht Freude in dieser mit viel Applaus bedachten Lektion in der Kunst der Abschweifung. Eine bewährte Benimmregel gibt es obendrein: „Man redet nicht über Anwesende in der dritten Person“.

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