Sonntagskolumne „Müßiggang“ Mercedes, Moloch, Meditation

Autos und Autoren verbindet mehr als ein bloß automatisch auf die Zunge fahrender Kalauer. Davon wusste der Dichter Hermann Hesse (1877-1962) zwar kein Lied zu singen, wohl aber ein Gedicht zu schreiben.
07.06.2019, 12:05
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Mercedes, Moloch, Meditation
Von Hendrik Werner

Häufig klagte der heillose Hypochonder Hermann Hesse über orthopädisch heiklen Individualverkehr, über „spürbare Anstrengung“ und „Verschiebungen im Rückgrat“, die er als „moderne Krankheit der Autofahrer“ identifizierte. „Doch die Maschine reißt uns ohne Gnade / Hinan, hinab, hinweg / Heroisch hart“, heißt es in dem bis ins Versmaß holpernden Hektik-Gedicht „Im Auto über den Julier“. Dabei wusste der Schwabe, der sich in den 1950er-Jahren einen Ponton-Mercedes aus Stuttgart-Untertürkheim zulegte, naturgemäß noch nichts vom Unfallschwerpunkt am Autobahndreieck Leonberg, einer gefürchteten Staufalle.

Autos und Autoren verbindet mehr als ein bloß automatisch auf die Zunge fahrender Kalauer. Vielmehr rührt die Nähe zwischen selbstständigem Schriftsteller und selbsttätigem Fahrzeug daher, dass beiden ein langlebiger Mythos anhaftet: die moderne Utopie einer Selbstbestimmung in Gestalt unablässiger Selbstbewegung. Doch bisweilen stockt das Fortkommen: hie Schreibblockade, da Verkehrsstau – und kein Ausweg, nirgends. Gerade so wie in Bremen, das jüngst den bedauerlicherweise nicht dotierten Titel „viertschlimmste Stau-Stadt Deutschlands“ errungen hat – und dessen Verkehrsdichte im Zeichen der Immobilität sich immer wieder freitags für eine horrende Stunde am Moloch Mumbai messen kann (wir berichteten).

Hat sich also was mit Autonomie! Die totale Mobilmachung sei auch im Straßenverkehr eine Illusion, ein Irrweg, hat der rasante Denker Peter Sloterdijk einmal zynisch bemerkt. Das gelte – Ironie der Geschichte – vor allem auf deutschen Autobahnen. Dabei konnten hiesige Kraftwagenführer, bevor sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer öfter Erfahrungen mit lähmendem Stillstand machten, noch der sympathischen Schimäre zuneigen, sie bewegten etwas – und sei es nur: sich vorwärts. Doch mit der freien Fahrt für freie Bürger und dem geschmeidigen Verkehrsfluss war im Sommer 1963 Schluss, als zwischen Heidelberg und Mannheim der erste deutsche Mega-Stau auf 33 Kilometer anschwoll. „Autobahn wird zur Schleichbahn“, meldete „Bild“.

Verhinderte Fahrer sollten gestaute Zeiten und Räume tunlichst als Chance zur Einkehr begreifen. Meditation soll ja wahre Wunder bewirken! Von Mumbai lernen, heißt entspannen lernen. „Trau, stau, wem“, sagt meine kontemplative Oma.

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