Filme über das deutsch-türkische Verhältnis Mit Humor zur Gemeinschaft

Bremen. Die Geschichte des deutsch-türkischen Kinos in Deutschland ist auch und gerade eine Geschichte des zunehmenden Selbstbewusstseins der zweiten und dritten Einwanderergeneration.
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Mit Humor zur Gemeinschaft
Von Iris Hetscher

Bremen. Die Geschichte des deutsch-türkischen Kinos in Deutschland ist auch und gerade eine Geschichte des zunehmenden Selbstbewusstseins der zweiten und dritten Einwanderergeneration. Das zeigen vor allem jüngere Filme, die ein ums andere Mal von reichlich Selbstironie zeugen.

In Deutschland gibt es seit den 1970er-Jahren Filme über Migranten. Damals musste man noch zwingend hinzufügen: ...und ihre Probleme. Heute trifft dieser Nachsatz auf das vor allem von der zweiten und dritten Einwanderergeneration produzierte Kino nicht mehr zu. Die Bleischwere ist verschwunden, es darf mittlerweile gelacht werden.

Das Kino ist schon immer ein Spiegel der jeweiligen Zeit gewesen, in der es entstanden ist, und das ist mit Blick auf die noch junge Geschichte des deutsch-türkischen Films nicht anders. Als in den 1970er-Jahren die ersten Filme über die damals Gastarbeiter genannten Einwanderer entstehen, wird vor allem das Fremde und Unbehauste ihrer Situation in den Mittelpunkt gerückt. Die deutsche Gesellschaft sieht sich unversehens Menschen gegenüber, die aus einem völlig unterschiedlichen Kulturkreis stammen. Menschen, die sie zwar notgedrungen in ihrer Mitte duldet, aber nicht dauerhaft haben oder gar verstehen will. Menschen, die ihrerseits nicht so recht wissen, ob sie nun bleiben oder wieder gehen wollen.

Der deutsche Autorenfilm, spezialisiert auf das Sezieren der Nachkriegs- und Wirtschaftsboomgesellschaft, nimmt sich des Themas an. Es entstehen Filme wie "Shirins Hochzeit" von Helma Sanders-Brahms (1976), "Angst essen Seele auf" von Rainer Werner Fassbinder (1975) und "Zuhaus unter Fremden" von Peter Keglevic (1979). Es sind Filme, die ein überwiegend hoffnungsloses, von Vorurteilen und Missverständnissen geprägtes Bild der Situation zeichnen.

Ein Stück Heimat

Das ändert sich in den 80er-Jahren allenfalls unwesentlich. Bleischwer und dunkel bleiben die Erzählfarben; neu ist immerhin, dass man Türken jetzt auch zunehmend in TV-Rollen sieht. Der Unterton aller Werke lautet aber weiterhin: Die machen nur Probleme und/oder die haben nur Probleme. So beschreibt der 1984 von Hark Bohm gedrehte Film "Yasemin" eine Liebesgeschichte zwischen einer Türkin und einem deutschen Studenten, die an den Ressentiments ihrer Umgebung zu zerbrechen droht.

Auch das erste weithin beachtete Werk eines türkischstämmigen Filmhochschul-Absolventen zeichnet 1985 ein wenig optimistisch stimmendes Bild: "40 Quadratmeter Deutschland" von Tevfik Baser, der auf dem Filmfestival Locarno den Silbernen Leoparden sowie den Bundesfilmpreis abräumt, beschreibt den Versuch eines Einwanderer-Ehepaars, sich inmitten des unendlich fremden Hamburger Umfelds ein Stück Heimat zu bewahren. Die junge Ehefrau geht daran fast zugrunde. Baser legte 1989 mit "Abschied vom falschen Paradies" nach.

Auf selbstbewusst agierende Einwanderer muss das deutsche Kino (und Fernsehen) bis in die 90er-Jahre warten. Die zweite Einwanderergeneration startet zunächst mit Kurz-, dann auch mit Langfilmen durch. Sie lädt die Zuschauer dazu ein, einen Blick auf ihr Leben zwischen den Kulturen zu werfen. Häufig sind es Filme über einzelne Aspekte, über den Widerspruch zwischen Tradition und Moderne, zwischen Eltern und Kindern, und nicht mehr die ganz große Abrechnung.

So porträtiert Aysun Bademsoy in "Mädchen am Ball" 1995 eine türkische Frauenfußballmannschaft, "Töchter zweier Welten" (1991) von Serap Berrakkarasu thematisiert arrangierte Hochzeiten und Gewalt in der Ehe und Fatih Akins Kurzfilm-Erstling "Sensin – du bist es" (1995) ist nicht mehr und nicht weniger als eine anrührende Romanze. Noch stoßen diese Filme vor allem auf Gegenliebe bei einer kleinen cineastischen Fangemeinde.

Das ändert sich Ende der 90er-Jahre schlagartig. Die deutsch-türkischen Kinomacher konzentrieren sich nicht mehr nur auf die Erfahrung, zwischen zwei Heimatländern aufzuwachsen. Sie blättern einen Katalog von soziologischen Themen auf, die sich um Identitäten drehen, die sich generell globaler und urbaner definieren und nicht mehr nur deutsch, türkisch, arabisch oder sonstwie national eingeschränkt. In den entsprechenden Werken geht es dann plötzlich um Subkulturen und Kleinkriminatlität ("Aprilkinder", "Dealer", "Kanak Attack") oder um homosexuelle Lebensgemeinschaften ("Lola und Bidikid").

Verstärkt schickt sich das frech-frische deutsch-türkische Kino nun an, den Mainstream zu erobern. Einen großen Anteil daran hat der Hamburger Fatih Akin, der mit "Solino" über italienische (!) Einwanderer durchstartet – und durch "Gegen die Wand" (2004) auch international bekannt wird. Der Erfolg des Films ist gewaltig: Goldener Bär in Berlin, fünf Lolas in Gold beim Deutschen Filmpreis, Europäischer Filmpreis, 2008 die Uraufführung der gleichnamigen Oper am Bremer Theater. Es folgen "Auf der anderen Seite", der Musikfilm "Crossing the Bridge – The Sound of Istanbul" und die Komödie "Soul Kitchen" (2010), die 1,3 Millionen Zuschauer ins Kino lockt, und einen bunten Haufen sympathischer Verlierer porträtiert, deren Herkunft übrigens piepegal ist.

Gelacht werden darf inzwischen häufiger über die größte Einwanderergruppe in Deutschland – ein weiterer Beweis dafür, dass das Verhältnis zwischen Deutschen und Deutsch-Türken sich normalisiert. Wo man den kleinen Schwächen und Eigenheiten des Gegenübers mit Humor begegnet, ist die große Kluft überwunden. Viel Anteil daran haben türkische Comedians wie Bülent Ceylan oder Kaya Yanar mit ihren TV-Shows, aber auch die Serie "Türkisch für Anfänger". So heißt zunächst eine erfolgreiche ARD-Seifenoper, die im März 2012 als Langfilm im Kino wochenlang für volle Säle sorgt. Komik in jeglicher Form, die das Aufeinanderprallen der beiden Kulturen thematisiert, sorgt inzwischen regelmäßig für Kinoerfolge. Sei es die Heiratskomödie "Evet, ich will", oder "Almanya – Willkommen in Deutschland" der Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli, eine liebevoll-groteske Einwanderungsgeschichte über mehrere Generationen, die es 2011 auf sage und schreibe 1,4 Millionen Zuschauer bringt und interessanterweise auch in Italien erfolgreich im Kino läuft, in der Türkei dagegen kaum Beachtung findet.

Etablierung im Kulturbetrieb

Doch nicht nur die Möglichkeit, außer Dramen und Dokumentationen auch Komödien drehen zu können, manifestiert die zunehmende Etablierung des deutsch-türkischen Films (und Fernsehfilms) und seiner Protagonisten im hiesigen Kulturbetrieb. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe türkischstämmiger Künstler und Autoren, die sich nicht mehr auf ethnospezifische Themen festlegen lassen, die nicht mehr die Türken vom Dienst sein wollen. Es gibt Drehbuchautoren wie Ortun Ertener, der für die "Tatort"-Reihe schreibt oder seinen Kollegen Bora Dagtekin, der außer der "Türkisch für Anfänger"-Serie auch den Til-Schweiger-Film "Wo ist Fred?" oder die Reihe "Doctor‘s Diary" verantwortet. Und es gibt neben den ARD-Kommissaren Erol Sander ("Mordkommission Istanbul") und Mehmet Kurtulus ("Tatort") die Schauspielerin Sibel Kekilli, die Rollen spielt statt Klischees. In dem Dieter-Wedel-Zweiteiler "Gier" ist sie Nadja Hartmann, im Kieler "Tatort" an der Seite von Axel Milberg die Ermittlerin Sarah Brandt. Nadja und Sarah sind keine Türkinnen – und auch keine Deutsch-Türkinnen. Sarah und Nadja sind einfach nur Deutsche.

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