Theater Bremen

Mit Lust an der Farce: die „Dreigroschenoper“

Klaus Schumacher hat die „Dreigroschenoper“ von Bert Brecht und Kurt Weill am Theater Bremen als Spiel mit dem Spiel inszeniert. Das Ensemble zeigt sich engagiert, für Schwung sorgt eine All-Stars-Band.
24.02.2020, 12:48
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Mit Lust an der Farce: die „Dreigroschenoper“
Von Iris Hetscher
Mit Lust an der Farce: die „Dreigroschenoper“

Ein Polizeichef zum Knuddeln: Martin Baum als Tiger Brown (rechts) mit Simon Zigah als Mackie Messer (zweiter von rechts) und dem Ensemble.

Jörg Landsberg

Die „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill hat sich seit ihrer Uraufführung im Jahr 1928 als ähnlich erfolgreicher Wurf erwiesen wie beispielsweise Wolfgang Amadeus Mozarts „Zauberflöte“. Zwei Werke, immer wieder ins Repertoire genommen; weil sie viele als Klingelton geeignete Hits von Königinnen der Nacht, Haifischen oder Seeräuber-Jennys enthalten. Brechts harsche Kapitalismuskritik ist dabei längst nahtlos in den Amüsierkanon eines Bildungsbürgertums überführt, das der Autor ja vorgab zu verachten. Sei’s drum: Das Publikum freut sich stets auf ein Wiedersehen und -hören.

Am Theater Bremen erlebte am Sonnabend die Inszenierung von Klaus Schumacher ihre Premiere: Der Regisseur hat sich entschieden, das Werk mehrfach zu spiegeln und damit ganz brechtisch zu brechen. Das ist nicht
wirklich originell, aber mit viel Drive und Lust an der Farce umgesetzt, was einmal mehr an dem überaus engagiert spielenden Ensemble liegt.

Vorhang hoch also und Licht an – den Schalter legt der Schauspieler Emil Borgeest um. Der Vorführcharakter des Theaters wird so gleich zu Beginn etabliert: Wir zeigen’s euch! Kommt bloß nicht auf die Idee, hier Illusion zu erwarten. Die Schauspieler sind eine Gang alter Puppen, auf den Dachboden verbannt und nun etwas mühsam zum Spielen und Singen erweckt: Da wird der Staub aus den unfarbenen Klamotten geschüttelt und gepustet, und manchmal wird jemand angestupst, der mitten in der Bewegung erstarrt ist. Verwandt sind sie eher mit Chucky, der Mörderpuppe, als mit den Exemplaren von Käthe Kruse. Nach und nach schlüpfen alle in Kostüme, die in ihrer mal fahlen, mal grellen Zerlumptheit an Bilder von George Grosz oder Otto Dix erinnern (Kostüme: Karen Simon).

Wölfischer Zustand einer Gesellschaft

Die Bühne ist ganz bewusst Bühne, die schief und schräg nach hinten ansteigende Ebene hat schon bessere Zeiten gesehen. Requisiten gibt es wenige, Möbel werden mit weißer Farbe hingepinselt (Bühne: Katrin Plötzky). Hier also entspinnt sich das parabelhafte Spiel um den wölfischen Zustand einer Gesellschaft, in der erst das Fressen kommt und dann die Moral, in der der Mensch selten gut ist, weswegen man ihn auch auf den Hut hauen kann. Deshalb ist der Räuber und Mörder Macheath nicht schlechter als der korrupte Polizeipräsident Tiger Brown, sowieso sind beide alte Kriegskameraden. Aus dem Mitleid mit dem Elend hat der Bettlerkönig Jonathan Jeremias Peachum ein Geschäftsmodell entwickelt: Das Elend muss möglichst plakativ daher kommen, mit einem fehlenden Bein oder Krämpfen. Als Peachums Tochter Polly Macheath heiratet, gerät das ins Wanken; immerhin geht Peachum dadurch eine Mitarbeiterin verloren. Macheath muss also weg, möglichst final. Ins Spiel kommen die Huren um Spelunken-Jenny: Wo Peachum mit dem Mitleid Geld verdient, verlangen sie Scheine für ein menschliches Grundbedürfnis – Sex.

Das ist ein ganzer Sack voller Stereotype, der auf der Bühne ausgeschüttet und seziert wird. Schumacher ordnet Szenen immer wieder als Tableaus an, greift auf Mittel aus dem Tanztheater oder dem Varieté zurück. Simon Zigah zeigt so effektiv wie minimalistisch einen Macheath, dessen statuarische Lässigkeit blitzartig ins Bedrohliche kippt. Die wunderbar präsente Polly von Annemaaike Bakker dagegen ist kein Naivchen, sondern selbstbewusster und komischer, als der Macho Brecht es wahrscheinlich gewollt hätte – mehr als diese sanfte Kritik an den völlig überholten Frauenbildern des Stücks gibt des leider nicht. Guido Gallmann und Susanne Schrader sind ein Elternpaar, das nur um sich kreist, die Huren Jenny (Irene Kleinschmidt) und Lucy (Mirjam Rast) würden ihre Gefühle immer für ein gutes Geschäft zurückstellen. Ab und an wird die Grenze zum Klamauk überschritten, was bei einem Spiel, das nicht psychologisch unterfüttert ist, sondern auf das Ausstellen von Klischees setzt, immer eine Gefahr ist. Am deutlichsten ist das bei Martin Baums Interpretation von Tiger Brown der Fall. Vor allem nach der Pause kommt er nur noch als torkelnder, schreiender Greis daher.

Gelobt werden muss unbedingt die fulminante Bremer All-Stars-Band um den musikalischen Leiter Tobias Vethake mit Romy Camerun, Andy Einhorn, Chris Lüers, Gabriela Ratzek, Matthias Schinkopf und Stefan Ulrich, die ein sicheres Fundament für die Songs liefert. Mühe macht den Sängern allerdings wiederholt die Lautstärke, hier wäre eine bessere Abstimmung hilfreich. Gesungen wird in sehr unterschiedlicher Qualität, wobei Annemaaike Bakker und Guido Gallmann deutlich herausragen. Das kann man natürlich als weiteres Verfremdungsmittel deuten oder aber schlicht als Unvermögen. Schade ist es auf jeden Fall für diverse der musikalisch raffinierten Weill-Songs. Viel Applaus für Ensemble und Regieteam.

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Die nächsten Termine: 29. Februar, 14, 19., 25. März, jeweils um 19 Uhr.

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