Das Kleine Haus im Theater Bremen zeigt aufschlussreiche Version von Georg Büchners Drama „Dantons Tod“

Mit Trommelschlägen und Tänzen

Bremen. Nein, man musste zum Glück nicht alle Bücher gelesen haben, welche im Vorfeld der Inszenierung von „Dantons Tod“ im Gespräch waren.
17.09.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sven Garbade

Bremen. Nein, man musste zum Glück nicht alle Bücher gelesen haben, welche im Vorfeld der Inszenierung von „Dantons Tod“ im Gespräch waren. Mühelos vermittelte sich zur Premiere auch auf mittelbreitem Bildungshorizont das Anliegen dieses Dokumentartheaters. Gut verständlich wurde die Erbschaft der französischen Revolution verhandelt und zugleich ein Schlaglicht auf den Befreiungskampf der Schwarzen in Haiti geworfen. Hier kämpfte 1794 der „schwarze Napoleon“ Toussaint Louverture für die Befreiung der Sklaven. Das Duo Monika Gintersdorfer/Knut Klaßen organisiert hieraus nun im Kleinen Haus des Bremer Theaters eine zwar angeschrägte, aber aufschlussreiche Geschichtsstunde.

Ähnlich wie in den bisher gezeigten Stücken haftet auch dieser Arbeit des Regie-Kollektivs ein gewollter Duktus des Bastelns und Schraubens an. Als müssten sich gewöhnliche Leute eines Wissens versichern, welches erst kürzlich erlangt wurde, treten gleich neun Performer auf und wenden sich mit Berichten – früher hätte man von Monologen gesprochen – ans Publikum. Es darf gestottert und gestolpert werden, manchmal prasseln im Hintergrund wahllose Trommelschläge nieder, Tänze an der Grenze zur Gymnastik werden eingeschoben. Und für die afrikanischen Performer gibt es zudem eine Übersetzung aus dem Französischen. Bloß keine polierte Oberfläche präsentieren, keine eingeübte Perfektion. Alles ist echt, alles befindet sich auf der Suche nach eigenständiger Sprache und Form – auch auf die Gefahr hin, dass diese dann ebenso eigenwillig zusammengeflickt wirkt wie jene Bekleidungsteile, die man trägt und die man nicht Kostüme nennen sollte. Mal gähnt ein Loch am falschen Fleck, oder es schlabbert ein Sonntagskragen als Lätzchen. Ein gewollt fragwürdiges Flickwerk der Repräsentation.

Im Kern wirken die besprochenen Themen durchaus aufschlussreich und relevant. Diese Kunstform, politisches Feuilleton in einer nachvollziehbaren Sprache auf die Bühne zu bringen, sie quasi in die heutigen Münder hineinzuformulieren, entwickelt an diesem Abend viele eindrucksvolle Momente. Allen voran der charismatische Franck Edmond Yao, dessen suggestives Französisch höchst intensiv das Anliegen vermittelt, eine neue Art der Geschichtsschreibung zu etablieren. Aus der Perspektive unterdrückter Schwarzer wird in das Weltgeschehen geblickt. In der Person George Dantons, an dessen Geschichte sich Yaos Rede orientiert, sieht er einen typischen Vertreter der zu Reichtum gekommenen Bourgeoisie, deren Nachfolger beständig von der kolonialen Ausbeutung profitiert hätten. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wurde für die Schwarzen gezielt ausgeklammert.

Manchmal scheint die Aufführung der Dramaturgie des Schulreferats zu folgen, welche nur provisorisch durch Action gebrochen wird. Während etwa Justus Ritter die Zusammenhänge der industriellen Revolution mit der Sklaverei darstellt (erst die Baumwollernte in Übersee ermöglichte schließlich Textilfabriken in England), beginnen im Hintergrund zwei schwarze Tänzer in bombastischem Kostüm-Mix (halb Voodoo-Schamane halb Hof von Versailles) ein höfisches Tänzchen hinzustöckeln. Als fortlaufender Witz setzt regelmäßig die Parole ein: „An den Galgen mit ihm!“ woraufhin ein kleiner Mob gebildet und jemand an der Wand drangsaliert wird.

Doch auch viele Facetten aus Büchners Drama bis hin zu Hegel klingen an. Karin Enzler illustriert das Dilemma der nicht existierenden Frauenrechte am Beispiel von Marie Antoinette, Irene Kleinschmidt gelingt eine fokussierte Betrachtung zum Stichwort Geschichtspessimismus, Lotte Rudhart erläutert ihre Choreografie, in der sie sich körperlich an das Thema Revolution herantastet und am Ende mehr spricht als tanzt. Hauke Heumann wiederum liefert mit Hitlerbart und flamboyantem Temperament ein gelungenes Gesicht für den allzeit gefährlichen Weißen ab, ein Potenzial, das ebenfalls bei Matthieu Svetchine angelegt scheint, hier jedoch ins freundlich Komische abdriftet, wenn er eine Sonntagsrede von Nicolas Sarkozy auseinandernimmt.

Es ist der Regie hoch anzurechnen, dass sie aus diesem wilden Wuchs aus Menschen, Meinungen und Materialbewegungen eine konsistente Botschaft bündelt. Das Angedenken an die schwarze Revolution von Haiti müsse sich auch in Europa verfestigen, so fasst es am Ende der Performer Gotta Depri eindrucksvoll zusammen. Persönlichkeiten wie Toussaint Louverture und Jean-Jacques Dessalines wollten einen Ort erkämpfen, an dem Schwarze unstrittig vor Unterdrückung sicher sind. Wer am Ende dieser kantenreichen Aufführung zum Thema „Dantons Tod“ zu solchen Erkenntnissen gelangt, hat gewiss dazugewonnen.

Die nächsten Termine: 21. September, 20 Uhr; 25. September, 18.30 Uhr, 7. Oktober, 20 Uhr, im Kleinen Haus des Theaters Bremen.
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