„Rinkes Rauten“ von Moritz Rinke

Abenteuer sind ihm nicht fremd

Moritz Rinke ist neuer Kolumnist des „Kurier am Sonntag“. Gehörig Respekt habe er vor dieser Aufgabe, erzählt der Autor. Es ist die Regelmäßigkeit, die Druck erzeugt – doch den will der Sportfan Volley nehmen.
03.01.2021, 05:00
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Abenteuer sind ihm nicht fremd
Von Iris Hetscher

Drama kann er, Roman kann er. Die kleine Form auch, die Gedankenspielerei, das Porträt, die Betrachtung. „Der Blauwal im Kirschgarten“ und „Erinnerungen an die Gegenwart“ heißen zwei Bände mit Moritz Rinkes gesammelten kleinen Formen, wobei klein wie immer in der Kunst eigentlich kurz heißt. Es geht um den Umfang, nicht die Bedeutsamkeit. Auch die Kolumne bezeichnet der Duden als „journalistische Kleinform“. Moritz Rinke sagt dazu: „Für mich ist das ein Abenteuer“. Das beginnt für ihn an diesem Sonntag – Moritz Rinke ist der neue Kolumnist der Titelseite des „Kurier am Sonntag“. Er löst Hajo Schumacher ab, der seine „Netzendecker“-Erfahrungen auf eigenen Wunsch auf ein Jahr befristet hat.

Gehörig Respekt habe er vor dieser Aufgabe, erzählt der Autor, der 1967 in Worpswede geboren wurde und den Ort und dessen gern verschwiegene Nazi-Historie in seinem Bestseller „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ auf so ironische wie skurrile Art verewigte. Nicht die grundsätzliche Tücke der Kolumne an sich treibt ihn um; damit hat er Erfahrung, gesammelt unter anderem beim Berliner „Tagesspiegel“. Es ist die Regelmäßigkeit, die einen gewissen Druck erzeugt – immer wieder sonntags heißt die Vorgabe.

Leidenschaftlicher Werder-Fan

Den Druck gedenkt er allerdings Volley zu nehmen; Rinke ist leidenschaftlicher Werder-Fan und überhaupt dem Fußball extrem zugetan. In Texten, aber auch aktiv: als Torjäger der Autoren-Nationalmannschaft (Autonama) und ab und an beim FC Worpswede. Abenteuer jeglicher Art sind ihm also nicht fremd. Und so heißt seine Kolumne denn „Rinkes Rauten“ und würdigt damit eine geometrische Form, die nicht nur durch die Kanzlerin, sondern zudem durch Trainer Thomas Schaaf berühmt geworden ist.

Moritz Rinke hält die Raute auch für seine Zwecke maßgeschneidert: „Das ist ein offenes System, da passt viel rein.“ Und, na klar, natürlich werde es regelmäßig um die Grün-Weißen gehen. Kaum fällt das Stichwort, sprudelt der Autor am Telefon los mit Anekdoten übers Mitleiden und Mitjubeln und über einen Besuch im Weserstadion, bei dem Diego Maradona mit dem SSC Neapel zu Gast war. Der Wahlberliner Rinke ist seit 2013 auch einer der Botschafter Werders, er engagiert sich unter dem Motto „lebenslang hilfsbereit“ für internationale Spendenprojekte.

Autor zahlreicher Reportagen aus Istanbul

Das leitet über zu dem zweiten großen Bereich, der in „Rinkes Rauten“ eine Rolle spielen wird. Rinke beobachtet die Zeitläufte nicht vom Elfenbeinturm, oder, in seinem Fall passender, der Tribüne aus. Er wirft sich als ehemaliger Reporter gerne mal mitten ins Getümmel wie 2013, als er in Blogs und Zeitungsbeiträgen von den Gezi-Park-Protesten in der türkischen Hauptstadt Istanbul berichtete. Dort hielt er sich eigentlich wegen eines Stipendiums auf – diese Arbeit musste dann wegen der offenkundigen Dringlichkeit dessen, was sich vor seinem Fenster ereignete, zurückstehen. Außerdem heiratete Rinke während dieser bewegten Tage seine Freundin Eylem Özdemir, mit der er inzwischen zwei Kinder hat.

Die zwei Jahre alte Tochter, erzählt er, kenne Menschen auf der Straße eigentlich nur mit Maske vorm Gesicht. Das mache ihn nachdenklich, was da momentan passiere im Miteinander, „da muss man sich doch überlegen, wie wir im zweiten Jahr Corona miteinander umgehen. Wird man die Gesellschaft einfach in die Normalität zurückimpfen können?“ fragt sich Rinke, und er wird dem wohl auch in der einen oder anderen Kolumne nachspüren. Ebenso der Frage, wie sich die Kultur berappeln wird. Davon ist er als jemand, der nicht nur Theaterwissenschaften studiert hat, sondern fürs Theater schreibt, selbst betroffen.

Lange Liste dramatischer Texte

Die Liste seiner dramatischen Texte ist lang, „Republik Vineta“ war 2001 „bestes deutschsprachiges Bühnenstück“ und wurde verfilmt. Für die Nibelungenfestspiele in Worms schrieb er eine mehrteilige Neufassung des viel strapazierten Lieds. Auf „Westend“, uraufgeführt 2018 am Deutschen Theater Berlin, sollte dieses Jahr ein Projekt rund um das Geburtstagskind Ludwig van Beethoven folgen; das ist auf November 2021 verschoben. Im Werden ist ein Stück, das den Arbeitstitel „Corona-Blues“ trägt.

Als gebürtigem Worpsweder und Kulturmenschen liegt Rinke selbstredend das Theater Bremen am Herzen, auch, weil er mit Intendant Michael Börgerding befreundet ist. Als Kind beeindruckte ihn der Choreograf Johann Kresnik, der mit seiner anarchischen Truppe regelmäßig zu Gast im Rinke-Elternhaus war. Der kleine Moritz hielt Kresnik klar für „den stärksten Mann der Welt“, wie er 2019 in einem Nachruf zum Tod des großen Tanztheatermanns im WESER-KURIER schrieb.

Hang zum elegant Absurden

Außerdem war Kresnik „der erste Kommunist, den ich kannte“. Ein Foto des Tänzers beim Grand Jeté hänge nach wie vor in seiner Küche. Weshalb er Kommunismus immer irgendwie mit diesem kraftvoll gesprungenen Spagat in Verbindung bringe – ein typischer Rinke. Wer seine Texte mag, schätzt diesen Hang zum elegant Absurden, mitunter zur Farce. Könnte sein, dass auch Bremens Kulturszene davon in „Rinkes Rauten“ nicht verschont bleibt. Zudem der Kolumnist ein entschiedener Kritiker allzu formalistischer Bühnen-Experimente ist.

Während die Theaterprojekte noch einige Zeit der Umsetzung harren müssen, steht der Termin für die Veröffentlichung des nächsten Romans fest. Im August wird „Die Berührbaren“ erscheinen, in denen Rinke „die Welt aus der Perspektive von drei Männern“ schildert. Das Trio läuft sich auf der Kanareninsel Lanzarote über den Weg. Ein Flüchtling ist dabei, ein Postbote, der wegen der fortschreitenden Digitalisierung immer weniger zuzustellen hat, ein arbeitsloser Fischer. Ein Roman über Identität(sverlust), auch über die Abhängigkeit einer Region vom Tourismus. Mehr höchstwahrscheinlich demnächst, ein paar Seiten weiter vorne in „Rinkes Rauten“.

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