Internationaler Museumstag

Museen kämpfen gegen den Verfall

Bremen. Staub und Luftfeuchtigkeit, ja sogar die unscheinbaren Ausdünstungen des menschlichen Körpers treiben über die Jahrzehnte ihr zerstörerisches Werk - Arbeit genug für drei Restauratoren am Focke-Museum, die zum Museumstag gestern einen Einblick in ihren Alltag gewährten.
17.05.2010, 11:00
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Von Bernd Schneider
Museen kämpfen gegen den Verfall

Franziska Bickel schaute sich gestern die Exponate der Manieren-Ausstellung im Focke-Museum ganz genau an.

KOCH

Bremen. Nichts ist von Dauer auf Erden - und es müssen nicht einmal gewaltige Feuerstürme sein, die die Sammlung eines Museums bedrohen: Staub und Luftfeuchtigkeit, ja sogar die unscheinbaren Ausdünstungen des menschlichen Körpers treiben über die Jahrzehnte ihr zerstörerisches Werk - Arbeit genug für drei Restauratoren am Focke-Museum, die zum Internationalen Museumstag gestern einen Einblick in ihren Alltag gewährten.

'Glas-Korrosion ist für uns ein großes Thema', erklärt Restauratorin Silke Nienstedt einer Gruppe von rund zehn Interessierten, die sich mehr als eine Stunde lang hinter die Kulissen des Landesmuseums für Kunst- und Kulturgeschichte begeben. 'Wasserdampf, also die Luftfeuchtigkeit belegt das Objekt und zerstört die chemische Struktur.'

Deutlich zu erkennen ist das beispielsweise an einem gläsernen Pokal aus dem Jahr 1751 mit Goldrand und eingefrästem Bremer Wappen. Silke Nienstedt leuchtet mit einem LED-Lämpchen durch das Glas und da zeigt es sich: Wie ein feines Gitternetz ist das Glas von Rissen durchzogen, bei Tageslicht nicht erkennbar, 'aber das Licht von LED-Lampen hat Eigenschaften, die machen das sichtbar'.

Je nach chemischer Zusammensetzung dauert es manchmal weniger als sechs Monate, und das Glas wird blind. 'Wenn es schlimm kommt, gehen die Risse durch', sagt die Restauratorin. 'Es gibt Gläser, die zerfallen einfach.' Beim 'Deckelpokal' aus dem Bremer Rathaus werde sie das wohl nicht mehr erleben, ist sie zuversichtlich, 'aber bei Glas aus dem 15. und 16. Jahrhundert kann das mitunter sehr leicht passieren'.

'Wir alle dünsten Schwefel aus'

Ursache seien stark alkalische Tröpfchen, die in der Mischung aus Staub und Luftfeuchtigkeit entstehen. Einzige Möglichkeit, den Verfall hinauszuschieben: die Gläser regelmäßig abwaschen - und zwar mit speziell gereinigtem Wasser, sodass keine Ionen mehr enthalten sind, das Wasser also vor allem salzfrei ist. Und dann wird nicht etwa abgetrocknet, sondern mit besonderen, sehr weichen Tüchern behutsam abgetupft. Und das antike Glas mit bloßen Händen anfassen - das gibt es sowieso nicht. Doch noch so viel fachkundige Hinwendung kann eines nicht verhindern: den unaufhaltsame Verfall dieser Ausstellungsstücke.

Kaum in den Griff zu bekommen sind zudem die andauernden Angriffe auf die Silberschätze durch menschliche Ausdünstungen. 'Wir alle dünsten Schwefel aus', sagt Silke Nienstedt.' Ganz gleich, ob wir Knoblauch, Zwiebeln, Kohl oder Hülsenfrüchte essen: Ein Teil des enthaltenen Schwefels wird über die Haut ausgeschieden. Auf dem Silberpokal aus dem 17. Jahrhundert, der bei Silke Nienstedt auf der Arbeitsplatte steht, hat er sich unverkennbar mit dem Edelmetall verbunden und die typische graue Belag gebildet, der Silber nach einer Weile so unansehnlich macht. 'Das ist Silbersulfid', sagt die Restauratorin. 'Das Silber läuft an, da kann man nichts machen.'

So schonend sie den Pokal auch reinigt, so vorsichtig sie die weiche Paste aus feinst gemahlener Champagnerkreide und deionisiertem Wasser auch aufträgt, 'man nimmt immer etwas von dem Silber ab.' Ganze Diplomarbeiten hätten sich schon mit der Frage befasst, mit welchen Methoden das wertvolle Metall sich am schonendsten wieder zum Glänzen bringen lässt. 'Aber egal welche Methode Sie anwenden: Das Schwefelsulfid geht weg, und damit immer auch eine dünne Schicht von dem Silber.'

Inzwischen verwahrt sie Silberschätze in ihrer Werkstatt in kleinen Beuteln auf, deren Gewebe mit Silberfäden durchwirkt ist - die 'opfern' sich dann quasi und fangen die Schwefelverbindungen aus der Luft ab, bevor sie zu den wertvollen Museumsstücken durchdringen. Seit einigen Jahren gibt es auch Vitrinen, die das Edelmetall mit mehrstufigen Filtersystemen schützen, 'die Erfahrungen damit sind sehr gut', weiß Silke Nienstedt.

Erhalt von 'Gebrauchsspuren' wichtig

Drei Restauratoren beschäftigt das Focke-Museum. Seit einem Monat ist Olaf Ruprecht dabei, der sich vornehmlich um das 'technische Kulturgut' kümmert, wie es gerade in Form einer Kreidler Florett aus dem Jahr 1971 auf ein er der kleinen Werkbänke steht. 'Das ist ein Klassiker der Zweiradgeschichte', sagt er und streicht über den orange-roten Lack. 'Und in einem ausgezeichneten Originalzustand.' Fachgerecht konservieren, fahrbereit halten - das sei aus kulturgeschichtlicher Sicht wichtiger als die Maschine wieder aufzumöbeln. So legt er Wert auf den Erhalt von 'Gebrauchsspuren': 'Das gehört zur Geschichte eines solchen Objekts' sagt er, 'auch die wollen wir dokumentieren.'

Die Rundgänge mit den Restauratoren im gut besuchten Focke-Museum waren nicht alles, was der Internationale Museumstag in Bremen zu bieten hatte. Bei freiem Eintritt hatten auch Überseemuseum, Gerhad Marks-Haus, Schulmuseum und das Neue Museum Weserburg Besonderes im Angebot, darunter Führungen, Filme, Musik und eine Ausstellung zu den Millenniumsdörfern der Welthungerhilfe.

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