Böttcherstraße auf den Kopf gestellt Museumsdirektor sortiert Sammlungen neu

Bremen. Man muss sich einfach mal trauen, die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. Nichts weniger haben jetzt der neue Direktor der Kunstsammlungen Böttcherstraße, Frank Laukötter, und sein Team in die Tat umgesetzt. Sie haben die Sammlungen zweier Häuser neu sortiert.
22.01.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter Groth

Bremen. Man muss sich einfach mal trauen, die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. Nichts weniger haben jetzt der neue Direktor der Kunstsammlungen Böttcherstraße, Frank Laukötter, und sein Team in die Tat umgesetzt. Sie haben die Sammlungen zweier Häuser neu sortiert.

Die Kunstexperten haben die Sammlungen des Roselius-Hauses und des Paula Modersohn-Becker Museums mit Kunst aus sechs Jahrhunderten in der Ausstellung "Vis-à-vis. Vom Heiligenschein zur LED" komplett durcheinandergewirbelt und stellen dazu in einer zweiten Schau mit Elisabeth Hausmann auch noch eine vergessene Bremer Malerin vor.

Frank Laukötter, Verena Borgmann und Simone Ewald verzahnen als verantwortliche Kuratoren nicht nur die Sammlungen beider Häuser miteinander. Sie luden auch zwölf zeitgenössische Künstler ein, ihre Arbeiten mit denen der Sammlung zu konfrontieren. Um es vorweg zu sagen: Das Ergebnis ist überzeugend, ja, es ermöglicht einen ganz frischen, manchmal auch irritierenden Zugang zu den Sammlungen und lenkt den Blick endlich auch mal wieder auf die Schätze des Roselius-Hauses.

Frischzellenkur

Das Kuratoren-Team hat sich entschlossen, die "Frischzellenkur" thematisch anzugehen. Diese Auffrischung fiel in den Räumen des Roselius-Hauses deutlich zurückhaltender aus als im benachbarten Museum. Unter die Stillleben des 16. und 17. Jahrhunderts im Treppensaal "schmuggelte" man vier Stillleben Paula Modersohn-Beckers. Das Esszimmer mit seiner kostbaren Ledertapete aus dem Dammgut Ritterhude beherbergt nun fünf farbig schrille "Tapetenbilder" von Patricia Lambertus. Nebenan im Oberlichtsaal, der einen Querschnitt christlicher Kunst des Spätmittelalters und der Renaissance zeigt, drapiert Mechtild Böger ein aufwendig aus 3800 einzelnen goldenen Spielzeug-Knüpferlis gefertigtes Kleid, das einem Barockgewand nachempfunden ist. Fotografien demonstrieren, wie die Künstlerin dieses Kleid an historischen Orten trägt.

Ähnlich zurückhaltend sind die Interventionen im oberen Saal des Paula Modersohn-Becker Museums, der für das Thema Landschaft reserviert wurde. Norbert Schwontkowskis zart-fragile Darstellung eines Kindes, das sich an eine Birke lehnt, wird hier von thematisch ähnlichen Bildnissen Paula Modersohn-Beckers eingerahmt. Verfremdete Fotografien von Michael Wendt aus dem Teufelsmoor stehen den Landschaften der Malerin gegenüber.

Alle diese Gegenüberstellungen wirken noch vergleichsweise zurückhaltend gegenüber den Räumen, die den Porträts, den Mutter-Kind-Darstellungen und den Akten vorbehalten sind. Hier können die Ausstellungsmacher mit den eigenen Beständen, mit den Noblen Gästen der Kunsthalle und mit zeitgenössischen Arbeiten aus dem Vollen schöpfen. Der Blaue Saal beherbergt nun Porträts und Porträtbüsten. Selbstbildnisse von Paula Modersohn-Becker und eine Videoarbeit von Marikke Heinz-Hoek, Porträts der Malerin von ihrem Mann Otto Modersohn und von Werner Sombart, ein selten gezeigtes überaus farbenfrohes Selbstbildnis von Bernhard Hoetger, dazu die Paula-Büste von Clara Rilke-Westhoff und zwei Bronzen von Hoetger - Frank Laukötter nennt diese Reihung "meine Heldengalerie". Direkt neben dem Blauen Saal trifft der Besucher auf drei weitere thematische Glanzlichter. Tilman Riemenschneiders "Beweinung Christi" und Lucas Cranachs "Schmerzensmann" aus dem 16. Jahrhundert rahmen hier Klaus Efferns farbig

gefasste Holzskulptur "Jessy" mit ihren blauen Tattoos. Aktdarstellungen von Cranach ("Quellnymphe"), aus dem Umkreis des Hans von Aachen ("Pax und Justitia"), von Abraham Janssens ("Pan und Syrinx"), natürlich von Paula Modersohn-Becker, von Bernhard Hoetger und aktuell von Christine Prinz zeigen die ganze Vielfalt der Darstellung nackter Körper. Diese Vielfalt erlebt der Besucher auch im Raum der Mutter und Kind-Darstellungen, in dem sich der Bogen von Reinhard Osianders roh behauener Figur "Karo" über Modersohn-Beckers Gemälde bis zur 1410 entstandenen "Stillenden Gottesmutter" des Conrad von Soest spannt.

Diese zeitlich und stilistisch so umfassenden thematischen Bündelungen bieten einen völlig neuen, einen überaus lohnenswerten Zugang zu den Sammlungen der Böttcherstraße.

Eine Wiederentdeckung

Kommt die komplette Neusortierung der Sammlung einer kleinen kuratorischen Revolution gleich, so bewegt sich die Leitung der Böttcherstraße mit der zweiten Ausstellung auf bewährten Pfaden. Die Wiederentdeckung vergessener Malerinnen gehört zu den programmatischen Leitlinien. Vor 50 Jahren starb die Bremer Porträtmalerin Elisabeth Hausmann, vor 60 Jahren widmete ihr das Graphische Kabinett letztmalig eine Retrospektive. Mit Leihgaben aus Hamburger Privatbesitz, aus dem Focke-Museum und dem Antiquariat Co-Libri wird an das Werk einer Malerin erinnert, deren künstlerischer Weg manche Berührungspunkte mit dem von Paula Modersohn-Becker aufweist. Elisabeth Hausmanns Werk ist allerdings ungleich diffuser. Experimentelle farbige Holzschnitte, neoimpressionistisch getupfte Landschaften, harte Holzschnitte mit Motiven aus der Arbeitswelt und Zeichnungen mit Bremer Ansichten zeigen die Vielfalt ihres erhaltenen Werkes, das 1942 durch Kriegseinwirkungen arg dezimiert wurde.

Höhepunkte dieser Erinnerungsschau sind jedoch die Porträts und Selbstbildnisse sowie die gezeichneten Porträt- und Aktstudien.

Die Ausstellungen werden am Sonntag um 11.30 Uhr eröffnet und sind bis zum 3. April zu sehen.

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