Sommer in Lesmona

Musikalische Menüfolge der Extraklasse in Knoops Park

Bremen. In Knoops Park und umzu herrschte am Wochenende der Ausnahmezustand. Hunderte strömten erwartungsfreudig mit Sack und Pack auf das von riesigen Bäumen umsäumte Rasenareal des Parks. Es war 'Sommer in Lesmona' - inzwischen ein Nordbremer Kult-Event.
16.08.2010, 06:20
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Gerd Klinegberg
Musikalische Menüfolge der Extraklasse in Knoops Park

Der VSK-Akteur Marc Holler (am Ball, rechts) versucht sich in dieser Spielszene auf dem Kunstrasen des SV Eintracht Aumu

Christian Kosak

Bremen. Sonnabend am frühen Abend. In Knoops Park und umzu herrscht der Ausnahmezustand. Hunderte strömen erwartungsfreudig mit Sack und Pack, mit voll beladenen Karren und Bollerwagen, auf denen sich jede Menge Campingmobiliar stapelt, zu einem sonst zumeist verlassenen, von riesigen Bäumen umsäumten Rasenareal des Parks, warten geduldig vor der dortigen Einlasskontrolle. Es ist 'Sommer in Lesmona'. Und der ist zum absoluten Nordbremer Kult-Event avanciert.

Nicht Sehen und Gesehen werden lautet die Devise; vielmehr sind gemeinsames Erleben und Genießen vorrangig. Erstaunlich, was dazu auf teils liebevoll hergerichteten Klapptischen an Snacks und kulinarischen Köstlichkeiten aufgefahren wird. Die Stimmung ist friedlich, gelöst. Mediterranes Lebensgefühl im sanften Abendsonnenschein, Zeit zum lockeren Geplauder, die unendliche Leichtigkeit des Seins spüren - zumindest ansatzweise.

All dies ist so etwas wie aufwendige Staffage für die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, die wie immer eine musikalische Menüfolge der Extraklasse zusammengestellt hat, passend zum Festival-Motto 'Bella Italia'. Als Antipasto, in der italienischen Küche traditionell durchaus gehaltvoll, aber nicht zu schwer, kredenzt das Orchester Mendelssohns Sinfonie Nr. 4, natürlich die 'Italienische'. Damit es beim Appetithappen bleibt, allerdings nur den 1. Satz. Der kommt frisch angerichtet, luftig leicht, mit filigran ausgeführten Streicherfiguren und tupfenden Holzbläserstaccati, markant und klar strukturiert, angereichert mit sattem Tuttiklang, verfeinert mit einigen nuancierten Ritardandi.

Der Charme Venedigs

Der Orchesterklang ist zunächst gewöhnungsbedürftig, die Akustik im Bühnenzelt und in der Verstärkung hat allenfalls in Ansätzen Konzertsaalqualität. Aber sei?s drum, dem Genuss ist das nicht abträglich. Die strahlende Stimmung wechselt zur zarten Melancholia, zu sanftem Gondelwiegen auf der von leichter Brise gekräuselten Dünung des Canal Grande. Mendelssohns 'Gondellied' erklingt, den leicht morbiden Charme Venedigs tonmalend, in einer Orchesterfassung, die jedoch trotz zarter Pianissimopassagen nicht an die Intimität der originalen Klavierfassung heranreicht.

Nach diesen romantischen Schmankerln hätte das Thema eigentlich anders lauten müssen. Nämlich 'Bella Sicilia'. Nicht nur, dass Dirigent Francesco Angelico gebürtiger Sizilianer ist und mit energischer Attitüde und schwarzem Lockenkopf durchaus auch vermeintlichem Sizilianer-Klischee entsprechen könnte. Sängerin Etta Scollo, geboren in Catania, hat ebenso sizilianisches Feuer in sich, dazu eine satt timbrierte, vor allem in den Mittellagen äußerst kraftvolle Stimme. Mit leidenschaftlichem Gestus singt sie die poetischen Geschichten ihrer Heimat, packende Bilderbögen, in denen sie sich teils auf der eigenen Gitarre begleitet. 'Sicilia mia' quillt geradezu über von Heimatsehnsucht, gepaart mit dem universell empfundenen Hauch des verlorenen Paradieses.

Eher Verblüffung herrscht dagegen über die akrobatischen Fingerfertigkeiten von Hozumi Murata, der mit Teilen aus Paganinis 2.Violinkonzert den 'Teufelsgeiger' mimt: mit effektvoll angesetzten Springbögen, Doppelgriffen en masse, dazu Pizzicati, Détachés, Flageoletts und was sonst an strich- und grifftechnischen Raffinessen möglich ist - ein violinistischer Insalata mista, mit einem weitgehend auf Begleitfunktion reduzierten Orchesterpart gewürzt. Splendido, fenomenale!

Bei zunehmender Dämmerung werden Kandelaber und Kerzen entzündet, verbreiten wohliges Licht im kühlen Abendhauch. Das Orchester lässt?s dazu gackern: Respighis humorvolle Tondichtung 'Gli Ucelli' imitiert in der 'Henne' die verblüffend echte Klangkulisse eines wuseligen Hühnerhofs. Und wieder Etta Scollo. Sie deklamiert in morgenländisch anmutenden Klängen die Geschichte von der Prinzessin, die keine sein wollte. Singt zu straffem Marschrhythmus mit herausfordernd in die Seite gestemmten Armen, mit selbstsicherem Habitus, teils frechem Zungenschlag und emphatischem Nachdruck 'Rosa canta e cunta', eine ebenso dramatische wie herzerwärmende Hommage an die große sizilianische Volkssängerin Rosa Balistreri.

Das folgende filmmusikalische Kaleidoskop des Komponisten Nino Rota aus träumerischem Schmuseklängen, coolem Bigbandsound und fetzig heißem Pauken- und Trompetengetöse wirkt anregend und bekömmlich wie ein doppelter Espresso. Da hätten fast noch die 'Caprifischer' oder 'Azzurro' als Mitsingnummern gefehlt. Aber nein, das Glitzern unzähliger Wunderkerzen bei der stimmungsvollen Zugabe war doch schöner, bevor die weit mehr als 3000 Zuhörer den geordneten Rückzug antraten oder zum x-ten Mal den Kultfilm mit Katja Riemann verfolgten. Grazie und ciao, Lesmona, bis nächstes Jahr!

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+