Begeisternde Eröffnung

Musikfest Bremen: Hochkaräter zum Auftakt

Das Musikfest Bremen ist mit der Großen Nachtmusik feierlich eröffnet worden. Wir haben bei fünf der 27 Auftakt-Konzerte ganz genau hingehört und verraten Ihnen unsere Stars und Geheimtipps.
22.08.2016, 00:00
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Musikfest Bremen: Hochkaräter zum Auftakt

Zahlreiche Besucher kamen zum Musikfest-Auftakt in die Bremer Innenstadt.

Frank Thomas Koch

Das Musikfest Bremen ist mit der Großen Nachtmusik feierlich eröffnet worden. Wir haben bei fünf der 27 Auftakt-Konzerte ganz genau hingehört und verraten Ihnen unsere Stars und Geheimtipps.

Neun Spielstätten, 27 Konzerte – die Große Nachtmusik eröffnete am Sonnabend das Musikfest Bremen. Lesen Sie die Rezensionen zu fünf ausgewählten Konzerten:

Olga Scheps

Sie ist Echo-Preisträgerin, Exklusivkünstlerin bei Sony-Classical und tourt häufig als Solistin mit großen Orchestern durch die Welt. Die Pianistin Olga Scheps, 1986 in Moskau geboren, ist wahrlich kein Geheimtipp mehr und stellte auch bei ihrem Konzert im Rahmen der großen Nachtmusik ihr Ausnahmetalent unter Beweis. Mit einem begeisternden Klavierabend verzauberte sie das Publikum im Haus Schütting. Anspruchsvolle Werke von Satie und Chopin standen auf dem Programm. Dabei ist es nicht nur die enorme Fingerfertigkeit, die beim Klavierspiel von Olga Scheps staunen macht, sondern auch ihre Fähigkeit, sich in die Ausdrucksvielfalt von Musik zu vertiefen.

Olga Scheps, die seit einigen Jahren in Deutschland lebt, verfügt über viele Anschlagsnuancen und eine eindrucksvolle dynamische Spannweite. Das stellte sie vor allem zum Auftakt bei der Satie-Kompositionen unter Beweis. Eric Satie hat sich selbst einmal als „Akustikarbeiter ohne großes Wissen“ und seine Werke als „Musik ohne Sauerkraut“ bezeichnet. Ein humorvoller und unkonventioneller Mensch, der bei allen schön klingenden Melodien, die er komponierte, auch gerne irritierte. Genauso kontrastvoll und manchmal gar karikaturistisch interpretierte Olga Scheps die Satie-Evergreens wie „Gymnopédies“ und zeigte damit eindrucksvoll wie unterschiedlich Satie komponierte.

Gerade ist eine CD von Olga Scheps mit Satie-Kompositionen erschienen. Im zweiten Teil des Konzerts widmete sich die Pianistin der Sonate Nr. 3 h-Moll op. 58 von Frederic Chopin. Die Sonate Nr. 3. ist eigentlich eine verkappte Ballade, die von Olga Scheps vielfältig interpretiert wurde: Sehr ausladend und brillant das Scherzo, sensibel dagegen das Largo bis zum Final-Rondo, dessen Thema von der Pianistin einfach mitreißend gesteigert wird. Großer Beifall vom begeisternden Publikum, das die Pianistin mit einer Zugabe belohnte. Uwe Dammann

Quatuor Ebène

Spritzige, von Lebhaftigkeit strotzende Interpretationen sind ein Markenzeichen des französischen Streicherensembles Quatuor Ebène. Schon aus einer simplen auftaktigen Dreiklangbrechung samt knapper Antwort, dem Beginn von Mozarts Divertimento F-Dur KV 138, machte die pointierte Ausführung des durch Kontrabass verstärkten Quartetts eine reizend erzählte Anekdote. Behändes Vorwärtstreiben und ausdrucksvolle Noblesse sind stimmig vermengt; schwelgerische Träumerei im Mittelsatz – nicht so sehr ein Resultat von Tempominderung, sondern weit mehr von beseeltem Auskosten der Harmonien – mündeten in einen gleichsam rustikalen wie charmant tänzerischen Kehraus.

Debussys Streichquartett g-Moll imponierte mit weiter intensivierter Spannung und einem wogenden Auf und Ab organisch ineinander gefügter Klangflächen. Koboldhafte Pizzikati im wirbelnden Durcheinander mit elfenzarten Schönklängen prägten den farbenfrohen, programmatisch anmutenden zweiten Satz. Es folgte ein Anantino mit maximal verdichteter Expressivität: ein entrücktes, von nur kurzzeitigem Aufbäumen unterbrochenes ‚Der-Welt-abhanden-gekommen-sein‘, intoniert als kaum noch hörbares Pianissimo, das den Atem stocken ließ.

Und schließlich die zunächst ganz allmähliche Befreiung, ein frühlingshaftes Aufblühen und zunehmendes, in der Coda endgültig vollzogenes Zurück in eine von Entschiedenheit bestimmte Gegenwart. Grandios! Gerd Klingeberg

Bill Laurence begeisterte mit seiner Band.

Bill Laurence begeisterte mit seiner Band.

Foto: Frank Thomas Koch

Bill Laurence Group

Wenn man so will, ist die Bill Laurence Group ein erweitertes Piano-Trio. Die Erweiterung neben Bass und Schlagzeug bezieht sich auf den jungen Perkussionisten Felix Higginbottom, wodurch der rhythmisch-dynamische Gegenpol zu den oft fein verästelten, verspielten und von technischer Brillanz geprägten Pianolinien des Quartettchefs Bill Laurence noch evidenter wird.

Grundiert durch den satten Ton (speziell auf dem Kontrabass) von John Harvey und kompetent vom Schlagzeuger Richard Spaven metrisch gehalten, kann Bill Laurence – ansonsten Gründungsmitglied der US-Fusion-Band Snarky Puppy, die noch beim Musikfest Bremen gastieren wird – am Flügel in Klängen schwelgen, in die sich immer wieder auch eine gewisse Komponente der Klassik einschleicht.

Sobald er an seine diversen Keyboards wechselt, wobei Harvey und Higginbottom ebenfalls Keyboardtasten drücken müssen, verändert sich das Klangbild von durchdachten Jazzstrukturen zu einem Fusion-Jazz mit leichter Pop-Neigung, die mitunter an die Songgestaltung eines Joe Jackson erinnert. Die Bill Laurence Group ist hörbar aufeinander eingespielt und hat sichtlich Spaß an intensiver Kommunikation miteinander. Die Stärken von Bill Laurence selbst liegen im Balladesken wie bei den Stücken „The Pines“ oder „Golden Hour“, in denen er seine pianistischen Fähigkeiten bis hin zur Romantik-Eskapade voll ausspielen kann. Ein sauberes Set des Quartetts. Christian Emigholz

Gothic Voices

Ein Juwel der internationalen Vokalmusikszene konnten diejenigen erleben, die sich für das Konzert der Gothic Voices in der Kirche Unser Lieben Frauen entschieden hatten. Das weltweit gefeierte Quartett aus drei Männerstimmen und einer Frauenstimme verwandelte die stimmungsvoll ausgeleuchtete Kirche mit seinem luziden wie expressiven Stil in einen Raum der Kontemplation, für einige vielleicht sogar der meditativen Versenkung.

In ihrem Programm „Maria – Stern der Meere“ kombinieren die Voices anonyme mittelalterliche englische Lieder mit zeitgenössischen Kompositionen von Andrew Smith oder John Dunstaple, die Elemente der Early Music mit Einflüssen der Musik des 20. Jahrhunderts verquicken.

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Gleich das Auftaktstück, der erste Teil von Joanne Metcalfs 1998 komponierten, von Dante inspiriertem „Il nome de bel fior“ als facettenreiches Solo für Frauenstimme wies den Weg: Die Gothic Voices betreiben keine bloße Traditionspflege, sondern sind immer auf der Suche nach Akzentsetzungen. Das verlieh dem Programm als gekürzter Version der gleichnamigen CD regelmäßig zusätzlich Binnenspannung. Auch das Experimentieren des Quartetts mit der Akustik der Kirche – die Sänger wählten regelmäßig unterschiedliche Standorte im Raum – trug zum nachhaltigen Rundumerlebnis bei. Iris Hetscher

Roy Hargrove Quintet

Einst wurde der von Wynton Marsalis entdeckte Trompeter Roy Hargrove als „young lion“ gefeiert, inzwischen ist er Mitte vierzig und hat sich wie sein musikalischer Ziehvater auf einen gewissen Jazz-Konservatismus zurückgezogen. Das galt zumindest für seinen Auftritt beim Musikfest. In identischer Besetzung wie das legendäre Art Blakey Quintet der frühen fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, strich Hargrove seine Beziehung zur Bop-Tradition heraus, ohne zunächst selbst wirklich ins Geschehen einzugreifen.

Die entscheidenden Akzente setzte dagegen der 79-jährige Pianist Kirk Lightsey – ein Veteran der Bop-Ära, der aber auch im experimentelleren Jazz geforscht hat – der immer wieder das enge Raster des Bop mit wilden Exkursen aufbrach und sich in guter Harmonie mit dem Altsaxofonisten Justin Robinson und dem Rhythmusgespann präsentierte. Die Parallel- und Unisonopassagen von Robinson mit Hargrove funktionierten dabei gekonnt und wie selbstverständlich, ansonsten aber wirkte der Trompeter lange Zeit unbeteiligt.

Erst gegen Ende des dreiviertelstündigen Sets schien Roy Hargroves Interesse geweckt, und er entschied sich zu hörenswerten Passagen sowohl auf dem Flügelhorn als auch auf der Trompete, bei denen er sich dicht mit dem Altsaxofon verzahnte. Hier entwickelte das gesamte Quintett dann den Druck und die Intensität, die man sich für das ganze Konzert gewünscht hätte. Christian Emigholz

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