Musikfest Bremen Olga Peretyatko: "Man braucht vor allem Courage"

Sopranistin Olga Peretyatko singt bei der konzertanten Aufführung von "Rigoletto" beim Musikfest ihre Glanzpartie der Gilda. Was sie von ganz hohen Tönen hält und warum sie so präsent ist auf der Bühne.
16.07.2022, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Kai Luehrs-Kaiser

Frau Peretyatko, Gilda in Verdis “Rigoletto”, die Sie in Bremen singen werden, ist eine Partie, die Sie am häufigsten singen. Oder?

Olga Peretyatko: Ja, Gilda ist meine häufigste Rolle insgesamt. Und diejenige, die mir die meisten Türen geöffnet hat. Es gab eine Spielzeit, 2016, wo ich überhaupt nichts anderes gesungen habe. Sie ist super geschrieben, ich hatte nie Probleme. Allerdings geht meine Stimme inzwischen in eine etwas andere Richtung. Könnte sein, dass es in Bremen meine letzte Gilda ist.

Warum entwickelt sich Ihre Stimme woanders hin?

Seit der Geburt meiner Tochter vor knapp eineinhalb Jahren ist die Mittellage stärker geworden. Ich fühle mich viel stabiler. Endlich habe ich doch verstanden, wie die Stimme klingen kann – und wie man singt.

Die Rolle der Gilda wird vor allem mit einer einzigen großen Arie identifiziert: „Caro nome“. Macht das die Sache einfacher – oder schwerer?

Keine Ahnung. Wenn man in einer Rolle drin ist, macht man halt, was da steht. Genauso soll es sein. Man kann allerdings nichts wieder gutmachen, sollte mal etwas schief gehen mit der Arie. Am Ende des Stücks befinde ich mich übrigens in einem Sack. Ich bin gespannt, wie wir das bei der konzertanten Aufführung in Bremen lösen. Wahrscheinlich werde ich liegen.

Sie haben sich rasch von etwas leichteren Belcanto-Rollen bis zu Anna Bolena und Lucrezia Borgia entwickelt. In den Fußstapfen der berühmten Edita Gruberova?

Nein, Gruberova kam von Zerbinetta und derlei mörderisch virtuosen Rollen her. Mein Vorbild wäre eher Montserrat Caballé, die danach bis zu Verdi und Puccini weiterzog. Für mich war “Lucrezia Borgia” in Bologna ein weit größerer Erfolg, als ich es mir vorgestellt hatte. Donizetti ist die Brücke zu Verdi. Zunächst aber ist Bellinis “Norma” geplant, in zwei Jahren. Den Rest warten wir ab.

Singen Sie Gilda anders, wenn Sie dies nicht an der Metropolitan Opera, sondern in der Bremer Glocke tun?

Früher hätte ich es vielleicht getan, jetzt nicht mehr. Die Gefahr – die Met hat fast 4000 Plätze – besteht immer darin, zu schreien. Das muss man sich rasch abgewöhnen. Ich habe die Rolle auch schon in der Arena di Verona gesungen, die ist noch viel größer. Du musst einfach immer singen wie in der eigenen Badewanne. In Verona war übrigens der legendäre Leo Nucci mein Rigoletto. Er verstand es, das Publikum richtig heiß zu machen. Das schaffe ich allerdings auch.

Wie?

Lass die Energie des Publikums auf dich wirken – und gib sie zurück. So macht man das. Jedenfalls will ich es hoffen.

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Tatsächlich haben Sie eine ausnehmend gute Bühnenpräsenz. Das bedeutet: Man kann nicht wegsehen, wenn Sie auf der Bühne sind. Woher kommt das? Kann man daran arbeiten?

Ja, man kann daran arbeiten, wie an fast allem. Der Schlüssel, um auf der Bühne zu leuchten, ist immer, in der Rolle freiwillig und möglichst vollständig zu verschwinden. Man gibt die Ausstrahlung an die Figur weiter. Dann sieht man gut aus. Man muss auch die Sprache gut beherrschen, Erfahrungen gemacht und etwas gelesen haben. Alles fließt ein in den Eindruck, den man auf der Bühne macht. Man sollte die Vorgeschichte einer Figur mitbringen, und nicht über den Atem nachdenken. Man muss halt wirklich da sein. Und aufgehen in der Sache.

Sie sind Koloratursopran. Wie ist ihr Verhältnis zu hohen Tönen?

Ich bin eigentlich kein Koloratursopran – obwohl man es oft über mich lesen kann. Ich bin ein Sopran mit ein bisschen was drunter – und mit guter Koloraturfähigkeit, wenn’s sein muss. Worauf es mir ankommt, ist vor allem, dass die Stimme homogen in allen Registern klingt. Das ist mein Ideal.

Was macht man, wenn man sich vor den hohen Tönen fürchtet?

Den Beruf wechseln. Oder die Rolle. Ich habe diese Angst nicht, aber ich würde andererseits auch nie Blondchen in der “Entführung aus dem Serail” singen, wo man ein hohes E braucht. Mein letztes hohes E habe ich 2013 gesungen. Das hat mir gereicht. Es gibt Rollen, zum Beispiel die "Traviata", wo bei jeder Sängerin die Stimme nach der Vorstellung tiefer wird. Wenn ein hoher Ton einmal versagt, braucht man Jahre, um sich wieder davon zu erholen. Die Angst bleibt. Im Übrigen hätte ich nur einen Ratschlag: Üben, üben, üben.

Fühlen sich hohe Töne angenehm an?

Sie sollten es. Ich habe, um daran zu arbeiten, sogar eine spezielle Lehrerin aufgesucht, die berühmte, für mich sehr wichtige Mariella Devia. Langer Atem und hohe Töne, darum ging es. “Oben aufmachen!”, sagte sie einfach. "Öffne deinen Kopf!" Man braucht dafür vor allem Courage. Wie beim Bungee-Jumping, nur umgedreht. Immer cool bleiben.

Warum mögen die Leute hohe Töne?

Nicht alle tun es. Die Musikbesessenen kommen vielleicht wegen der hohen Töne. Damen im mittleren Alter bevorzugen oft Tenöre. Es muss mit den Frequenzen zusammenhängen. Und mit dem Körper. Mir persönlich liegt wenig an hohen Tönen. Wenn sie kommen, kommen sie. Wenn sie schön kommen, umso besser.

Sie sind – von der Gesangstechnik her – eher eine italienische als eine russische Sängerin. Können Sie den Unterschied erklären?

Ich bedanke mich für das Kompliment. Denn es ist wirklich eines. Nichts gegen typisch russische Sängerinnen. Für Tschaikowsky muss man es sein – um mit etwas mehr Druck auf der Stimme über das Orchester zu kommen. Ich war etliche Jahre mit einem Italiener verheiratet. Für mich war immer der italienische Belcanto maßgeblich. Der wird "auf dem Atem" gesungen, wie man sagt. Ohne Druck.

Einige, aber längst nicht alle russischen Künstler werden derzeit aufgefordert, sich politisch gegen Vladimir Putin zu positionieren. Sie auch?

Das war nicht nötig, denn ich habe gleich zu Anfang des Krieges öffentlich gesagt: “Stop this madness!” (Stoppt diesen Wahnsinn, Anm. d. Red.) Prompt habe ich Ärger bekommen. Ich bin Halb-Ukrainerin, die Hälfte meiner Familie stammt aus der Ukraine, die andere aus Russland. Das macht die Sache für mich noch schlimmer. Dennoch finde ich, dass man Musiker in den politischen Konflikt nicht über Gebühr hineinziehen sollte. Auch Cancel Culture halte ich für eine schlimme Sache. Die Frage ist, ob einem als Musiker überhaupt erlaubt wird, sich da herauszuhalten? Ich lese Nachrichten in fünf Sprachen, fühle mich daher umfassend informiert. Was ich mir wünsche, ist im Augenblick nur eines: ein Ticket zum Mond. Einfach, ohne Rückfahrschein.

Das Gespräch führte Kai Luehrs-Kaiser.

Zur Person

Olga Peretyatko, geboren 1980 in Leningrad, ist eine der erfolgreichsten russischen Opernsängerinnen. Sie studierte in St. Petersburg und Berlin. Sie lebt in Luzern.

Info

"Rigoletto" von Giuseppe Verdi. Konzertante Aufführung, 28. August, 19.30 Uhr, Die Glocke. Mit Le Cercle de l'Harmonie unter Leitung von Jérémie Rhorer und (unter anderen) Olga Peretyatko als Gilda. Tickets unter anderem im Pressehaus an der Martinistraße und den regionalen Zeitungshäusern.

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