Kleine Meister, große Meister

Nach Mitmachaktion: Kunsthalle Bremen zeigt nachgestellte Gemälde

Im Mai hatte die Kunsthalle Bremen dazu aufgerufen, zu Hause berühmte Gemälde nachzustellen. Jetzt sind die Werke der Bremerinnen und Bremer in der Ausstellung „Und jetzt Du!“ zu sehen.
08.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Nach Mitmachaktion: Kunsthalle Bremen zeigt nachgestellte Gemälde
Von Katharina Frohne
Nach Mitmachaktion: Kunsthalle Bremen zeigt nachgestellte Gemälde

Diana Spanier hat das Werk "Erwachendes Mädchen" von Eva Gonzales nachgestellt.

Sina Schuldt /dpa

Wenn sie eines nie gedacht hätte, sagt Kornelia Bandmann, dann, dass eines ihrer – sie stutzt, darf sie 'Werke' sagen? Jedenfalls: dass etwas, das sie geschaffen hat, jemals im Museum hängen würde. Noch dazu in der Kunsthalle Bremen, einem Haus also, das die ganz Großen beherbergt: Dürer, Picasso, ihren Lieblingsmaler Monet.

Und jetzt also auch sie: Kornelia Bandmann, Rentnerin aus Delmenhorst, 65 Jahre alt. Bandmann ist eine der Personen, die sich an einer Mitmachaktion der Kunsthalle beteiligt hat. Anfang Mai hatte das Museum dazu aufgerufen, Gemälde aus seiner Sammlung nachzustellen. Die Idee dazu stammt aus den Niederlanden: Weil sie sich wie so viele zu Hause langweilte, postete Anneloes Officier im April ein Bild, das sie mit Handtuchturban und Knoblauchknolle am Ohr zeigte, eine improvisierte Version von Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“. Ihr Projekt nannte sie „Tussen Kunst en Quarantaine“: zwischen Kunst und Quarantäne.

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Zehntausende schlossen sich Officier an, heute finden sich unter dem dazugehörigen Hashtag auf Instagram mehr als 60.000 Beiträge. Ein Trend, den neben dem Rijksmuseum in Amsterdam und dem kalifornischen Paul J. Getty Museum auch die Kunsthalle Bremen aufgriff. Mehr als 100 Fotos, erzählt Sprecherin Jasmin Mickein, seien in den vergangenen Wochen bei ihr eingegangen, aus Bremen und Delmenhorst, aus Hamburg, Hannover und München, sogar aus Niederbayern.

Eine Auswahl von 77 Bildern ist ab diesem Mittwoch, 8. Juli, im Südfoyer der Kunsthalle zu sehen. Viele von ihnen hängen in kleinen Gruppen zusammen, „weil“, erzählt Mickein, „einige Motive so beliebt waren, dass sie gleich mehrfach nachgestellt wurden“. So auch „Enlight My Space“, ein 2008 entstandenes Objekt der Schweizer Video- und Installationskünstlerin Pipilotti Rist – jenes Werk, das sich Kornelia Bandmann ausguckte. Es zeigt ein herkömmliches Wandregal aus Holz, darauf Bücher, eine Vase mit blühender Orchidee, zwei große Edelsteine, die als Buchstützen fungieren, kleine Figuren, eine Postkarte, ein Briefbeschwerer. Eine Komposition also, die eher nach Wohnung als nach Museum aussieht, und an der Bandmann gerade deshalb hängen blieb.

Mensch auf Rasen statt Öl auf Leinwand: Camille Pissarros "Im Gras liegendes Mädchen", oben das Original (1882), unten die Kopie von Vivien May Lipski.

Mensch auf Rasen statt Öl auf Leinwand: Camille Pissarros "Im Gras liegendes Mädchen", oben das Original (1882), unten die Kopie von Vivien May Lipski.

Foto: Kunsthalle Bremen/ Karen Blindow

Nach passenden Requisiten suchen

„Ich habe vor allem nach einem Motiv geschaut, das ich bei mir zu Hause hinbekommen könnte“, sagt sie. Im Gästezimmer räumte sie ein ähnlich aussehendes Regalbrett frei, danach lief sie durch die Wohnung und suchte nach passenden Requisiten. Mehr als 50 teils winzige Gegenstände, das weiß Bandmann jetzt, hat Rist auf der kleinen Stellfläche arrangiert. „Ich muss zugeben: Ich hätte mir dieses Bild sonst nie genauer angesehen, zeitgenössische Kunst ist eigentlich nicht so mein Metier.“ Jetzt aber musste sie – und betrachtete das Werk so ausdauernd und forschend wie vielleicht keines zuvor.

Ein Effekt, von dem ihr viele Teilnehmer berichtet hätten, sagt Kunsthallen-Sprecherin und Initiatorin Jasmin Mickein. Zusammen mit ihrem für die Kunstvermittlung zuständigen Kollegen Hartwig Dingfelder hat sie die Mitmachaktion verantwortet, und das nach eigener Aussage mit dem Ziel, eine intensivere, zugleich aber spielerische Auseinandersetzung mit Bildender Kunst anzuregen.

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Gut möglich, dass das gelungen ist: Viele der gezeigten Aufnahmen lassen keinen Zweifel daran, dass ihre Urheber mit großer Hingabe am Werk waren, dass mühevoll auf Farben, Materialien, Licht und Perspektive geachtet wurde. Einige sehen ihren Vorbildern zum Verwechseln ähnlich, andere lassen stutzen, staunen, schmunzeln. Eine Kopie von Norbert Schwontkowskis Gemälde „Sopot“ (2010) zum Beispiel, die zusammengeklappte orangefarbene Sonnenschirme durch aufgespießte Bockwürste ersetzt. Oder eine Nachstellung von Georg Nees' namenlosem, am Computer erstellten Liniengebilde aus den 60er-Jahren, das eine Teilnehmerin aus Zuckerwürfeln nachbaute.

Damals und heute: Jacques de Gheyns "Mäuse".

Damals und heute: Jacques de Gheyns "Mäuse".

Foto: Kunsthalle Bremen /Lars Lohrisch

Lob für die Qualität der Einsendungen

Er sei beeindruckt von der Kreativität und dem Ideenreichtum aller, die diese Ausstellung möglich gemacht haben, lobt auch Kunsthallen-Direktor Christoph Grunenberg die Qualität der Einsendungen. „Ein Museum, das nicht öffnen darf, fühlt sich natürlich zunächst, als würde es nicht mehr existieren. Dass wir die Menschen so trotzdem erreichen konnten, freut mich sehr.“

Genauso sehr dürften sich die Bremerinnen und Bremer freuen, die ihre eigenen Kreationen noch bis 6. September an den Wänden der Kunsthalle bewundern dürfen. Sie jedenfalls, sagen Rasika Joshi, 20, und Taneesha Shekhawat, 21, seien ein bisschen aufgeregt, dass ihre Fotos nun für alle zu sehen seien. Beide stammen aus Chennai im Süden Indiens, beide studieren für ein Semester an der Hochschule. Dass man viel erlebt, wenn man ein halbes Jahr im Ausland studiert, war ihnen klar. Das hier aber dann doch nicht. „Unser Bild im Museum!„, sagt Joshi und lacht. “Total verrückt.“

Weitere Informationen

Die Ausstellung „Und jetzt Du! Kunstwerke in Quarantäne nachgestellt“ ist bis zum 6. September 2020 im Südfoyer der Kunsthalle Bremen zu sehen.

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