Niemals allein

Neu im Kino: „Die Vierhändige“

Oliver Kienles Film „Die Vierhändige“ zeigt, dass auch deutsche Regisseure spannende Thriller produzieren können. Das Thema Traumaverarbeitung steht im Zentrum des Films.
29.11.2017, 22:10
Lesedauer: 3 Min
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Neu im Kino: „Die Vierhändige“
Von Alexandra Knief
Neu im Kino: „Die Vierhändige“

Jessica Tauber (Friederike Becht, links) und ihre Schwester Sophie (Frida-Lovisa Hamann) sind durch ein Kindheitstrauma eng miteinander verbunden.

Camino Filmverleih

Was Jessica Tauber (Friederike Becht) und ihre Schwester Sophie (Frida-Lovisa Hamann) erleben, als sie noch ganz klein sind, wünscht man wirklich niemandem: Gerade noch sitzen die beiden Kinder gemeinsam am Klavier, als sie plötzlich Geräusche im Haus hören. Sie verstecken sich und müssen mit ansehen, wie Einbrecher ihre Eltern ermorden.

Schon damals verspricht die zwei Jahre ältere Jessica ihrer kleinen Schwester Sophie, dass sie immer auf sie aufpassen wird. Mit den Jahren wird aus diesem liebevollen Fürsorgeversprechen für Sophie jedoch ein realer Albtraum, denn Jessica leidet unter Wahnvorstellungen, sieht überall Bedrohungen. Als die beiden Schwestern 20 Jahre nach dem schlimmen Verbrechen die Nachricht erhalten, dass die Mörder ihrer Eltern aus dem Gefängnis entlassen wurden, hat Jessica nur noch ein Ziel: Rache.

Regisseur Oliver Kienle, der auch für das Drehbuch verantwortlich ist, feierte bereits 2010 mit seinem Filmdebüt „Bis aufs Blut – Brüder auf Bewährung“ große Erfolge. Nun hat er mit „Die Vierhändige“ seinen zweiten Kinofilm nachgelegt. Die Deutsche Film- und Medienbewertung gab dem Film das Prädikat besonders wertvoll.

Mut und Risiko

„Während es im deutschen TV vor Krimis und Thrillern nur so wimmelt, nimmt sich der deutsche Kinofilm nur selten dieses Genres an, und noch rarer sind dabei Psychothriller“, heißt es in der Begründung der Jury. Kienle habe allerdings ein „herausragend konstruiertes Drehbuch“ geschaffen, das sowohl „psychologisch extrem spannend“ ist, als auch filmisch einen „gelungenen Mix aus Mystery, Thriller und Drama“ vorlegt.

Auch Kienle wusste, dass er sich mit seinem Thriller in ein in Deutschland eher gewagtes Genre vorwagt. „Natürlich hätte ich es mit einer Komödie leichter gehabt“, sagt er in einem Interview. „Ich habe diesen Beruf gewählt, um mutig zu sein, und suche die künstlerische Herausforderung.“ In seinen Augen müssten deutsche Filmemacher viel hartnäckiger an Filmen arbeiten, deren Qualität auch mit viel Arbeit und ein wenig Risiko verbunden ist.

Kienle macht es mit „Die Vierhändige“ vor und zeigt, dass sich ein bisschen Mut durchaus auszahlt. Bevor Jessica ihre Rachepläne in die Tat umsetzen kann, kommt es zu einem tragischen Unfall, bei dem Sophie verletzt wird und Jessica ums Leben kommt. Sophie ist zum ersten Mal auf sich allein gestellt und freut sich über die neu gewonnene Freiheit.

Verlust der Kontrolle über sich selbst

Sie bekommt einen Job als Pianistin und verliebt sich in den charmanten Assistenzarzt Martin (Christoph Letkowski). Aber gerade als sie anfängt, das Leben ohne ihre Schwester und deren krankhaften, paranoiden Beschützerdrang zu genießen, verliert sie ohne Vorwarnung die Kontrolle über sich selbst. Immer häufiger hat sie Blackouts, findet sich an ihr völlig fremden Orten wieder und weiß nicht wie sie dort hingekommen ist.

Zeitweise verliert sie ganze Tage, ohne zu wissen, was mit ihr geschehen ist. Als sie dann noch die Stimme ihrer Schwester auf dem Anrufbeantworter hört, weiß sie gar nicht mehr, was um sie herum geschieht. Ist Jessica gar nicht tot? Bildet sie sich das alles nur ein oder hat der Unfall bei ihr eine psychische Störung ausgelöst, die ihr ganzes Leben verändern wird?

Bis zum Schluss bleibt „Die Vierhändige“ unglaublich spannend und kommt dann auch noch mit einer überraschenden Auflösung daher. Friederike Becht („Westwind“, „Im Labyrinth des Schweigens“) und Jungschauspielerin Frida-Lovisa Hamann verkörpern das ungleiche Schwesternpaar beeindruckend überzeugend.

Schön, aber unberechenbar

Christoph Letkowski („Feuchtgebiete“, „Die Reste meines Lebens“) bringt als Martin ein bisschen Ruhe in den Film, bietet eine gewisse Orientierung, denn genau wie der Zuschauer weiß Martin lange nicht, was mit Sophie nicht stimmt, muss hinnehmen, dass sie ihn in der einen Minute küsst, in einer anderen schlägt. Für die schöne, aber unberechenbare Frau begibt er sich sogar selbst in Gefahr.

Neben diesem Grenzgängertum steht das Thema Traumaverarbeitung im Zentrum des Films. Die Geschichte zeigt anhand der Schwestern, wie unterschiedlich sich ein einschneidendes Erlebnis auf das weitere Leben der Betroffenen auswirken kann. Während die einen nach vorne blicken, hängen andere in Erinnerungen fest.

Spannung für die Kinoleinwand made in Germany? Oliver Kienle zeigt in „Die Vierhändige“, wie es funktionieren kann. Bleibt zu hoffen, dass sich künftig noch mehr seiner Kollegen ein Beispiel daran nehmen. Denn die deutsche Filmlandschaft hätte im Spannungsgenre deutlich mehr zu bieten hat als die „Tatort“-Reihe.

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