Salz auf unserer Haut

Neu im Kino: „Porträt einer jungen Frau in Flammen“

Der französische Film „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ ist ein berührendes Drama über die Liebe und die Kunst. In Cannes gab es dafür aus gutem Grund eine Palme für das beste Drehbuch.
29.10.2019, 17:27
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Neu im Kino: „Porträt einer jungen Frau in Flammen“
Von Hendrik Werner
Neu im Kino: „Porträt einer jungen Frau in Flammen“

Behutsam: Héloïse (Adèle Haenel, links) und Marianne (Noémie Marchant) kommen sich am Strand einer bretonischen Insel näher.

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Dieser Film ist ein wohltuend leiser Film, der in beredten Mienen, beziehungsreichen Perspektiven und in malerischer Natur schwelgt. Was keineswegs heißt, dass darin nicht gesprochen würde. Im Gegenteil: Die beiden Protagonistinnen, die in „Porträt einer jungen Frau in Flammen“, einem betörenden Kostümfilm von Céline Sciamma, zu Liebenden werden, reden beinahe ohne Unterlass.

Das aus Gefühl und Begehren gewobene Drama aber, das die Frauen bald schon umfängt und nie mehr loslassen wird, ereignet sich vorzugsweise wortlos. In einem dem menschlichen Blick entzogenen Zwischenraum, in dem sich innere und äußere Natur fast ununterscheidbar vermengen: jene aufgewühlte innere Natur, die einer verbotenen Liebe gilt – und jene tosende äußere Natur, die sich keine Selbstbeherrschung auferlegen muss. Dazu passt trefflich die spektakuläre Kulisse einer aus Klippen geformten Landschaft, an der zerschellen kann, wer nicht auf sich achtet. Um nicht expressionistisch zu sagen: Dich sing ich wilde Zerklüftung.

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Frankreich im 18. Jahrhundert: Die Malerin Marianne (Noémie Merlant) wird auf ein abgelegenes bretonisches Eiland bestellt. Dort soll sie nach dem Willen einer vermögenden Gräfin (Valeria Golino) deren Tochter Héloïse (Adèle Haenel) porträtieren. Das Gemälde ist als Mitgift gedacht. Denn Héloïse, die zuletzt in einem Kloster gelebt hat, soll demnächst in Mailand heiraten – standesgemäß, versteht sich. Doch sie sträubt sich nicht nur gegen die Hochzeit, sondern auch dagegen, fremden Künstlern Modell zu sitzen. Einen hat sie schon vergrault, das Bild, das er sich von ihr machen wollte, an zentraler Stelle entstellt. Weshalb es Héloïses Mutter für besser hält, Marianne nicht als Porträtistin einzuführen, sondern als Gesellschafterin, die heimlich Skizzen anfertigen soll.

Spaziergänge am Abgrund

Und so nähern und freunden sie sich an, die beiden Frauen, zunächst freilich nur in bedächtiger, ja zögerlicher Schrittgeschwindigkeit, auf ihren langen, oft stürmischen Spaziergängen entlang jenem von schroffen Klippen gesäumten Abgrund, in den sich kurz vor dem Einsetzen der Filmhandlung Héloïses Schwester gestürzt hat – ein Halm im Wind, auch sie. Ohne das spätere Glück der Überlebenden, Salz auf der Haut eines geliebten Menschen schmecken zu dürfen.

Zwischen den flanierenden und diskutierenden Frauen, die der Bruch gesellschaftlicher Konventionen reizt, den sie doch scheuen, entspinnt sich ein subtiles Theater der Blicke, das bald weitere Kunstgattungen auf den Plan ruft, die als erogene Gesprächszonen taugen: die Verführungsmacht der Malerei – natürlich –, der Marianne vor dem Wendepunkt des Dramas verstohlen, aber zusehends innig nachgeht. Leidenschaftliche Musik, die Héloïse zwar über alles liebt, vor deren emotionaler Tiefe sie aber – anders als Marianne, die sich von Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ ergreifen lässt – anfangs zurückschreckt.

Schließlich, sozusagen als kulturelle Ur-Erfahrung, zitiert „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ ausgiebig einen antiken Mythos, genauer: die Geschichte zweier einander heillos liebenden Grenzgänger: Orpheus und Eurydike, die Regisseurin Céline Sciamma ihrem in Cannes mit einer Palme ausgezeichneten Drehbuch auf elegante Weise eingewoben hat. Warum sich Orpheus trotz seines Wissens um die drohende Lebensgefahr zu seiner just aus der Unterwelt geholten Frau umdrehe, fragt Héloïse zwischen Tisch und Bett ihre neue Freundin. Weil er sie weniger als Menschen ersehnt habe denn vielmehr als künstlerisch modellierte Erinnerung, entgegnet Marianne sinngemäß. Es ist dieses intellektuelle Intermezzo, das – Kling, Klang, Schicksalsmelodie – auf das taschentuchträchtige Finale auch dieser notwendig scheiternden (und deshalb umso bewegenderen) Liebesgeschichte vorausweist.

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Wollte man dieses zugleich enorm kunstsinnige und emotional überbordende Werk vergleichen, würde sich der gleichfalls ausgezeichnete Kinofilm „The Piano“ (1993) anbieten, zu dem Regisseurin Jane Campion auch das Drehbuch schrieb. Neben der Insularität des Schauplatzes, dem historischen Setting der Handlung und der zugehörigen Kostümierung, die hier wie da zu einem erotischen Faktor gerät, ist es auch in jenem dreifach oscarprämierten Drama ein andauernder, existenzieller Kunst-Diskurs, der die Hauptfigur, die stumme Ada McGrath (Holly Hunter), eine passionierte Klavierspielerin, expressiv gefühlvoll, ja ozeanisch werden lässt.

Kunstvolle Emanzipationsgeschichte

In beiden Film-Fällen handelt es sich also, genau besehen, um eine unzeitgemäße Emanzipationsgeschichte, die durch die Thematisierung von Nutzen und Nachteil der Kunst für das Leben angestoßen wird. Beide Geschichten stehen im Zeichen einer Befreiung und einer Initiation. Beide stellen in Gestalt der schönen Künste eine aparte Artikulationsform bereit, die Frauen jenseits sozialer Zwänge ein Instrumentarium an die Hand gibt, durch das sie wachsen können. Nicht von ungefähr bildet ein von Frauen intonierter Kanon eine der schönsten Szene in „Porträt einer jungen Frau in Flammen“.

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