Analysen und Affären Neu im Kino: „Zwischen den Zeilen“

In Olivier Assayas' Drama „Zwischen den Zeilen“ ist jede Szene ein einziges Dialogfeuer. Der Film beleuchtet die Krise der Verlagsbranche, will aber letztendlich zu viel.
04.06.2019, 20:42
Lesedauer: 2 Min
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Neu im Kino: „Zwischen den Zeilen“
Von Katharina Frohne

Hätte das Geflecht der vier Pariser Intellektuellen in Olivier Assayas' Drama „Zwischen den Zeilen“ einen Facebook-Beziehungsstatus, er lautete: Es ist kompliziert. Der Verleger Alain (Guillaume Canet) schläft mit seiner jungen Angestellten Laure, ist aber mit der Schauspielerin Selena (Juliette Binoche) verheiratet. Die wiederum hat eine Affäre mit dem Schriftsteller Leonard (Vincent Macaigne), dessen Romane Alain verlegt. Eigentlich ist aber auch er vergeben: an Valérie (Nora Hamzawi), die vielbeschäftigte Assistentin eines Politikers.

Redebedarf gibt es also zur Genüge im neuen Film des französischen Regisseurs, der zuletzt das vor allem dank Hauptdarstellerin Kristen Stewart gelungene Mysterydrama „Personal Shopper“ auf die Leinwand brachte. Und tatsächlich wird sehr viel geredet – allerdings über anderes.

Ermüdendes Endlosreferat

Als Chef eines traditionsreichen Verlagshauses plagt Alain die Frage, wie er das gedruckte Buch in Zeiten der Messenger-Chats und Kurznachrichten vor dem Untergang bewahren soll. In Gesprächen mit Freunden und Kollegen aus dem Literaturbetrieb erörtert er die Herausforderungen, denen die Branche sich stellen muss, sinniert darüber, ob Adorno sich nicht genauso gut auf dem iPad lese wie auf dem Papier.

Auch mit Laure, die dem Betrieb Nachhilfe in Sachen Digitalisierung geben soll, analysiert Alain ausdauernd den Ernst der Lage. Nur schlecht kann er verbergen, wie unwohl ihm dabei ist, wie ungerührt die junge Frau den digitalen Wandel beobachtet („Tweets sind die Haikus von heute“).

Alains Frau Selena hingegen hadert mit ihrer neuen Rolle in einer TV-Serie, die nicht ganz zu ihrem Selbstbild der ernst zu nehmenden Schauspielerin passen will. Ausdauernd betont sie, es handele sich streng genommen nicht um eine Polizistin, sondern um eine „Expertin für Krisenmanagement“. Und auch Leonard ist unglücklich. Alain weigert sich, seinen neuen Roman zu veröffentlichen. Der Stoff erinnere an die Vorgänger des Buches, Leonard schreibe „immer das gleiche“.

In Wirklichkeit hat Alain ein anderes Problem: Leonard neigt dazu, in seinem Werk aus seinem Leben zu erzählen – und dabei nur sehr nachlässig die Identitäten der Beteiligten zu verschleiern. Alain ist das zu heikel; zumal sich in den sozialen Netzwerken schon die Beschwerden häufen.

Geradezu unbefriedigend

Der Wandel der Buchbranche, intellektuelle Eitelkeit, die immer wieder für Skandale sorgende Gattung der Autofiktion – Regisseur Assayas arbeitet sich in seinem Film an großen Themen ab. Dabei war ihm offenbar wichtig, nichts ungesagt zu lassen.

Jede Szene ist ein einziges Dialogfeuer, serviert scharfsinnige, von den beteiligten Personen gemeinsam entwickelte Gegenwartsanalysen. Das ist, zweifellos, informativ und interessant, gerät bei immerhin 107 Minuten Länge aber bald zum ermüdenden Endlosreferat.

Geradezu unbefriedigend ist dabei, wie wenig Aufmerksamkeit den Menschen zukommt, die da so ausdauernd kluge Dinge absondern. So eifrig sie ihre beruflichen Nöte sezieren, so seltsam gleichgültig wirken sie, was ihre persönlichen Sorgen betrifft.

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