Galerie des Westens

Mit Kunst durch die Krisen des Lebens

Sirma Kekeç zeigt in ihrer Ausstellung „Love is the Answer“ intime Einblicke in ihre Gegenwart und Vergangenheit.
20.02.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Mit Kunst durch die Krisen des Lebens
Von Patricia Friedek
Mit Kunst durch die Krisen des Lebens

Sirma Kekeç hat sich bei ihrer Ausstellung "Love is the Answer" von der Corona-Krise inspirieren lassen.

Christina Kuhaupt

Sirma Kekeç legt die runde Scheibe mit den Röntgen-Abbildungen auf einen roten Plattenspieler. Sie setzt die Nadel an, und es ertönt ein Knistern, dann dumpfe E-Gitarren und Schlagzeugklänge. King Krule mit „Dum Surfer“ rauscht aus dem Lautsprecher. Es ist eine Konzertaufnahme, knapp ein Jahr her – das bisher letzte Konzert, auf dem Kekeç war. Sie hat die Aufnahme auf eine Röntgenfolie pressen lassen anstatt auf Vinyl. Eine Praxis, die russische Bootlegger in der Sowjetunion entwickelten, um zensierte Musik zu kopieren.

Kekeç ist keine Raubkopiererin, und die Röntgenbilder hat sie auch nicht aus einem Krankenhaus entwendet, wie es in der Sowjetunion gemacht wurde. Sie ist Künstlerin, die Aufnahmen stammen von Bekannten und Freunden. Etliche Konzertaufnahmen aus den vergangenen Jahren hat sie pressen lassen. Kekeç besitzt selbst auch einige dieser Röntgenbilder, denn sie hatte Brustkrebs. Die Folien erinnern sie noch an die schrecklichen Knochenschmerzen, die sie nach der Chemotherapie ertragen musste. Sie habe die Bilder in etwas Positives verwandeln wollen, sagt sie. Manche der Röntgenscheiben hat Kekeç in eine Siebdruck-Collage verbaut. Die Druckgrafik ist ihr Spezialgebiet, das hat Kekeç studiert.

Die Künstlerin führt an diesem Mittwochnachmittag auf eine gewisse Art durch ihr eigenes Leben. Aber auch durch eines, wie es viele Menschen im vergangenen Jahr verbracht haben. In ihrer Ausstellung „Love is the Answer" (Liebe ist die Antwort), die sie in den Räumen der Galerie des Westens an der Reuterstraße präsentiert, geht es um Krisen, um Weiblichkeit und um persönliche Einblicke in die Vergangenheit und Gegenwart von Sirma Kekeç.

Netzwerk in Bremen aufgebaut

Sie habe das Glück gehabt, viele Förderungen zu bekommen, berichtet die Künstlerin, die aus Quakenbrück stammt. So konnte sie mit einigen Unternehmen zusammenarbeiten. Das habe sie dem Netzwerk zu verdanken, das sie sich über die Jahre in Bremen und umzu aufgebaut hat, wie sie sagt.

Die Ausstellung hat Kekeç in den vergangenen zehn Monaten vorbereitet, sie ist also ein Resultat des Corona-Lockdown. Auf der einen Seite, weil Kekeç dadurch nach langer Pause wieder selbst gemalt, geformt und gezeichnet hat, auf der anderen, weil sie sich von der Krise inspirieren lassen hat. „Plötzlich war ich wieder in die Frauenrolle von vor 50 Jahren zurückversetzt: Ich war wieder Mutter und Hausfrau, während mein Mann arbeitete“, erzählt Kekeç über ihre Zeit in der Corona-Krise. Daher kam ihr der Spruch in den Sinn: „Corona ist weiblich“, der nun über einem ihrer Puzzles hängt. Normalerweise war sie vor allem in der Kunstvermittlung tätig, lehrte in der Landesvereinigung für kulturelle Jugendbildung oder an der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfsbüttel. Vieles davon fiel in der Zeit des Lockdown weg, dennoch musste Kekeç durch das sogenannte Homeschooling auch für ihre Kinder Lehrerin sein.

Wegen ihrer Krebsdiagnose, die Kekeç 2015 bekam, sei ihr Leben lange Zeit fremdbestimmt gewesen, sagt sie. So kam sie selten dazu, dem nachzugehen, was sie einst bei ihren Großeltern in Quakenbrück entwickelte: ihrer Kreativität. Der Lockdown gab der 50-Jährigen die Möglichkeit, sich wieder auf ihre Kunst zu konzentrieren. So ist die Ausstellung auch Ausdruck von Krisenbewältigung, meint Kekeç. Eine Arbeit spielt zum Beispiel auf das Datum an, an dem sie nach fünf Jahren krebsfrei war, am 23. September 2020.

Die 50-Jährige hat auf Tischen mehrere Puzzles ausgebreitet. Sie zeigen einen Zitronenfalter, der in einer Lache aus geschmolzenem Eis liegt, oder einen Erdnussflip, dessen Spitze in Ketchup getaucht wurde. Die Fotografien stammen von Kekeçs Handykamera, es sind Momentaufnahmen. So wie die meisten ihrer Kunstwerke.

Schon in ihrer Jugend hatte sie immer ihre Fotokamera dabei, wenn sie auf Konzerte ging, erzählt sie. Und irgendwo in diesen Momentaufnahmen findet Kekeç immer einen Bezug zum eigenen Leben: Am Bahnhof sah sie einmal eine winzig kleine Faust auf dem Boden liegen, die von einem Spielzeug abgebrochen sein musste – gleich erinnerte sie Sirma Kekeç an den Karatesport, mit dem sie kurz zuvor begonnen hatte. Natürlich knipste sie die Faust sofort mit dem Handy. Die schmückt jetzt ebenfalls eines ihrer Puzzles.

Sowieso scheint Kekeçs wachen, braunen Augen kaum etwas zu entgehen. Sie holt zwei Filzknäuel aus einer Glasschachtel. „Das sind Fellhaare von unserer Katze Sweetie, die ich über Monate gesammelt habe“, erklärt die Künstlerin. Ein Bildnis der Heiligen Birma hängt gleich über der Schachtel, es ist auf einer Fliese aufgezeichnet. Auch die Schnurrhaare und die Krallen der Katze sammele sie, sagt die Künstlerin. „Die sind dann vielleicht etwas für die nächste Ausstellung.“

Weitere Informationen

Die Ausstellung „Love is the Answer“ von Sirma Kekeç ist online unter www.gadewe.de anzusehen.

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