Serie „Spieltrieb“

Neue Serie „Spieltrieb“: Ernst beiseite

Warum spielt der Mensch? Weil es seinem Wesen entspricht, sagen Philosophen. Weil er fürs Leben lernt, sagen Psychologen. Weil es Spaß macht, sagt Merle, 10. Nachdenken über einen unterschätzten Zeitvertreib.
24.08.2019, 07:00
Lesedauer: 7 Min
Zur Merkliste
Neue Serie „Spieltrieb“: Ernst beiseite
Von Katharina Frohne
Neue Serie „Spieltrieb“: Ernst beiseite

Die Bremer Gymnasiastin Merle, zehn Jahre alt, inmitten ihrer Lieblingsspiele. Dass sie irgendwann weniger spielt als heute, kann sie sich nicht vorstellen. Sie sagt: "Ich würde vor Langeweile sterben."

Anne Werner

Wir spielen zu wenig. Das sagen nicht nur Studien wie der „Freizeit-Monitor“, der den Deutschen seit Jahren attestiert, immer weniger Zeit mit Brett- oder Kartenspielen zu verbringen, das sagt auch Merle.

Merle ist zehn Jahre alt, besucht die 5. Klasse eines Bremer Gymnasiums und ist gewissermaßen Expertin. Ein Experte, sagen Lexika, ist eine Person, die über umfangreiches Wissen auf einem Fachgebiet verfügt. Merle sagt, das tut sie. Jeden Tag spielt sie mehrere Stunden, momentan am liebsten Brettspiele, „Terraforming Mars“ oder „Die Architekten des Westfrankenreichs“. Kurzum: Wer einen Text über das Spielen schreiben möchte, tut gut daran, Merle um Rat zu fragen.

Merle sagt, Spielen ist wichtig – „weil es glücklich macht“. Warum? Sie überlegt einen Moment. Dann sagt sie: „Weil wir dabei zusammen sind und uns miteinander beschäftigen.“ Wir, das sind ihre Mutter Meike, ihr Vater Jens und sie. Früher, sagt Merle, habe sie vor allem Playmobil gespielt, am liebsten Tierklinik, am zweitliebsten Feenwald. Heute zieht sie Spiele vor, bei denen man „knobeln und nachdenken“ muss. Denn wenn man dann gewinnt, sagt sie, hat man klüger gespielt als alle anderen. Die anderen, das ist vor allem ihr Vater. Denn der, sagt Merle, ist „knallhart, eigentlich unbesiegbar“.

Fernsehen beliebter als Spielen

Traut man verschiedenen Studien, sind Merle und ihre Eltern eher die Ausnahme. Spielen zählt für die meisten Deutschen nicht zu ihren Lieblingsbeschäftigungen, das belegte zuletzt der schon erwähnte „Freizeit-Monitor“. Mit ihm untersucht die Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen jährlich, was Menschen ab 14 tun, wenn sie gerade nicht arbeiten oder in die Schule gehen. Gelistet werden die zehn meistgenannten Freizeitbeschäftigungen, unterschieden wird zwischen Altersklassen und Lebensformen, also etwa Jugendlichen und Senioren, Singles und Paaren.

Ergebnis: Während Fernsehen sich seit 1986 hartnäckig auf Platz eins hält, taucht die Beschäftigung mit Gesellschaftsspielen schon lange nicht mehr in den Top Ten auf. Einzig in der Untergruppe der Familien geben 90 von 100 Befragten an, „mindestens einmal in der Woche“ mit ihren Kindern zu spielen (häufiger sehen allerdings auch sie fern, hören Radio oder surfen im Internet). Außerdem gelegentlich vertreten: Handyspiele, zumindest bei Teenagern und jungen Erwachsenen.

Natürlich bildet der „Freizeit-Monitor“ nur einen Trend ab. Trotzdem gestattet er den Schluss, dass Spielen in deutschen Wohnzimmern nicht gerade an der Tagesordnung ist.

Merle wundert das nicht. „Als Erwachsener hat man weniger Zeit“, sagt sie. „Man muss zur Arbeit gehen, einkaufen und immer seine Kinder irgendwohin fahren.“ Merle weiß, wovon sie spricht; sie selbst nimmt Klavierunterricht, geht zum Tanzen und besucht einen Rollschuhkurs. Menschen spielen also irgendwann weniger, weil immer irgendetwas anderes zu tun ist? Merle glaubt, so muss es sein.

Spielen braucht Muße

Sehr wahrscheinlich, dass sie Recht hat: Die Lust zu spielen, sagen Wissenschaftler wie der Münchner Entwicklungspsychologe Rolf Oerter, komme erst außerhalb des Alltags auf. Mit anderen Worten: Nur wer nicht das Bad putzen oder Wäsche waschen muss, kommt auf den Gedanken, Schmidts „Große Spielesammlung“ aus dem Schrank zu kramen.

Logisch. Spielen ist Spaß, Hobby, Nebensache. Luxus. Nicht umsonst predigt ein altes Sprichwort: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Und vielleicht gilt das heute mehr denn je. In den App-Stores dieser Welt zählen sogenannte Selftracker zu den beliebtesten Anwendungen. Schrittzähler zum Beispiel. Per Smartphone oder Apple-Watch kann jeder, der möchte, messen lassen, wie viele Schritte er im Laufe eines Tages geht. Kommen viele zusammen, gratuliert die App, als Belohnung spuckt sie die verbrannten Kalorien aus.

Das mag bewegungs- und dadurch gesundheitsfördernd sein, etwas Beunruhigendes hat das Bedürfnis, pausenlos produktiv zu sein, dennoch. Alles, wirklich alles sollte irgendeinen Nutzen abwerfen. Das Fithalten des Körpers zum Beispiel. Wer zu Aldi geht, um Brot und Käse zu kaufen, der soll gefälligst das Gefühl haben dürfen, dass auch die 800 Meter hin und zurück die Mühe wert waren. Der Gang zum Supermarkt als Investition in den eigenen Gesäßmuskel.

Vom Zwang des Zwecks

Derart wirtschaftlich zu denken, ist verständlich. Klaus Werle, Journalist und Autor des Buchs „Die Perfektionierer“ findet gar: Der Drang, das Beste aus sich zu machen, ist die logische Konsequenz des Prinzips Marktwirtschaft. Weil es verheißt: Jeder kann alles schaffen – wenn er nur will. Klar, dass das Erfolgsdruck erzeugt. Und dass der irgendwann ins Private schwappt.

Für das Spielen ist allerdings genau das ein Problem. Denn das Spiel, so schreibt der Entwicklungspsychologe Oerter, diene nicht dazu, einen Nutzen zu erbringen. Vielmehr sei es reiner Selbstzweck, eine „Handlung um der Handlung willen“. Oerter verweist in diesem Zusammenhang auf den Begriff des Flow, der einen Zustand vollkommener Vertiefung in eine geliebte Tätigkeit beschreibt.

Als Schöpfer der Flow-Theorie gilt der Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi. Csíkszentmihályi, 1934 geboren, verbrachte einige Jahre seiner Kindheit in einem italienischen Kriegsgefangenenlager. Doch obwohl er in ständiger Angst lebte, so berichtete er Jahre später, habe er seine Umgebung immer wieder völlig ausblenden können. Dann nämlich, wenn er mit anderen Gefangenen Schach spielte. Csíkszentmihályi war so fasziniert davon, dass der Mensch sich selbst bei andauernder Bedrohung in einen derart entrückten Zustand flüchten kann, dass er seine wissenschaftliche Karriere der Erforschung des Flow widmete.

Wer spielt, lernt fürs Leben

Das Wort Flow kennt Merle nicht, das Gefühl aber schon. Sie beschreibt es so: „Spielen ist einfach cool, weil es so viel Spaß macht.“ Manchmal, sagt sie, spiele sie stundenlang und wundere sich dann, wo die Zeit geblieben ist. Merle findet, jeder sollte sich ab und an eine Pause vom Fleißigsein gönnen. Denn erst, wenn einem keiner vorschreibe, was man mit seiner Zeit anstellen soll, kämen einem die besten Ideen.

Das sagt auch der Glücksforscher Csíkszentmihályi: „Nur, wenn wir es etwas tun, das wir nur um seiner selbst willen tun, lernen wir, über uns hinauszuwachsen“, schreibt er in seinem 1990 erschienenen Buch „Flow – The Psychology of Optimal Experience“. Entwicklungspsychologe Oerter sieht das ähnlich. Er sagt: Das Spielen hat zwar keinen Zweck, aber durchaus einen Sinn.

Wer spiele, lerne seine Fantasie zu gebrauchen oder strategisch zu denken. Stapelt ein Kind gern Bauklötze, trainiert es seine motorischen Fähigkeiten, balanciert es auf einem Baumstamm, verbessert es seine Geschicklichkeit. Ähnlich ist es bei Tierkindern: Welpen balgen herum, um das Kämpfen zu lernen, Katzenbabys jagen Stoffmäusen nach, um später echte anschleppen zu können.

Wer in jungen Jahren Lego-Paläste baut, hat also gute Chancen darauf, der nächste Libeskind zu werden? Davon, derartige Zusammenhänge herzustellen, nehmen neuere Studien Abstand. Sie sagen, das Spiel schule weniger konkrete Fähigkeiten als den Umgang mit anderen Menschen. Kinder, die viel spielen, seien etwa besser darin, Gesichtsausdrücke zu interpretieren oder Konflikte beizulegen. Kurz: Wer spielt, lernt fürs Leben.

Homo ludens – der spielende Mensch

Der niederländische Kulturhistoriker und -philosoph Johan Huizinga geht sogar noch weiter: In seinem Hauptwerk „Homo ludens“, erschienen 1938, schreibt er, das Wesen des Menschen zeichne sich durch seine Lust am Spielen aus. Die zuvor aufgestellten Grundkategorien menschlichen Verhaltens reichten Huizinga nicht: Der Mensch sei nicht nur vernunftbegabt (Homo sapiens) und handwerklich begabter als ein Tier (Homo faber), er sei auch ein Spieler. Und das im Übrigen schon sehr, sehr lange: Wissenschaftlern zufolge stammen die ältesten Hinweise auf die Existenz von Brettspielen aus dem alten Ägypten.

Huizinga bezieht sich in seiner Arbeit vor allem auf die Fähigkeit, zum Spaß Erdachtes vollkommen ernst zu nehmen. Wer schon einmal eine Partie „Mensch Ärgere Dich Nicht“ gespielt hat, weiß, wovon er spricht: Fliegt eine der eigenen Figuren aus dem Spiel, könnte einem das herzlich egal sein. Ist ja nur ein Spiel. Theoretisch. Tatsächlich ist oft gar nicht daran zu denken, die Geschehnisse auf dem Spielbrett gelassen hinzunehmen.

Brettspiele, heißt es, haben schon Freundschaften zerstört, Beziehungen gesprengt und Familienfehden befeuert. Nicht umsonst richtete der US-amerikanische Spielehersteller Hasbro an Weihnachten 2016 eine Hotline ein, um die Versehrten eskalierter „Monopoly“-Runden zu beruhigen. Und auf Boardgamejunkies.de schreibt eine Rezensentin über das Fantasyspiel „Descent“: „Die Figuren überzeugen durch Details und scheinen ziemlich robust zu sein. Sie haben bei uns schon einige Wutanfälle mitgemacht.“

Ein Leben ohne Spiele? Undenkbar!

Huizinga hätten das kaum verwundert. Beim Spielen, schreibt er, ergreife den Menschen ein „heiliger Ernst“: Er wisse zwar, dass das Erlebte nicht real sei, sei aber allzu bereit, das Gegenteil anzunehmen. Und anders, so sagt Huizinga, würden Spiele – egal, ob am Esstisch oder auf dem Schulhof – auch gar nicht funktionieren. Seine Definition des Spielens lautet deshalb wie folgt: „Spiel ist eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgelegter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des Andersseins als das gewöhnliche Leben.“

Merle findet vor allem den vorletzten Punkt entscheidend. Spielen, sagt sie, sei dazu da, um Spaß zu haben. Und, um Zeit mit Freunden oder Familie zu verbringen. Dafür, dass es Menschen gibt, die kaum oder gar nicht spielen, hat sie Verständnis; schon ihre Eltern, sagt sie, hätten es schwerer, Freunde zu treffen, als sie. „Bei Erwachsenen wohnen die Freunde oft weit weg, manchmal sogar in anderen Städten. Da kann man nicht mal eben Michi anrufen und sagen: Ich komm’ mal eben zum Spielen rüber.“

Trotzdem findet sie, dass alle Menschen ein bisschen mehr spielen sollten. Allein schon, um einen Grund zu haben, sich mal wieder zu verabreden. Merle selbst hat mit ihren Eltern und ein paar Freunden eine Whatsapp-Gruppe gegründet. Deren Name: „Lass mal wieder spielen!“

Kann sie sich vorstellen, irgendwann weniger zu spielen als heute? In drei oder fünf oder fünfzehn Jahren? Wie immer hat Merle sofort eine Antwort parat. „Auf gar keinen Fall“, sagt sie. Und: „Mein Leben wäre dann sehr kurz – weil ich vor Langeweile sterben würde.“

Info

Zur Sache

Was Bremen spielt

Merle spielt am liebsten Brettspiele, andere Doppelkopf, Fußball oder Wikingerschach. Der WESER-KURIER widmet ihnen allen, den Spielerinnen und Spielern Bremens und umzu, die neue Serie „Spieltrieb“. In den kommenden Wochen und Monaten werden wir Menschen begleiten, die uns ihre Lieblingsspiele vorstellen, wir werden auf Lan-Partys zocken und durch Virtual-Reality-Brillen gucken, wir werden an einem Mittelalter-Rollenspiel teilnehmen und uns erklären lassen, wie man ein Instrument oder Theater spielt. In Teil eins, der am 7. September erscheint, geht es um Brett- und Gesellschaftsspiele. Deren Hersteller vermelden seit Jahren steigende Verlaufszahlen; laut Branchenverband ist der Umsatz seit 2014 um rund 40 Prozent gewachsen. Woran das liegt? Andreas Ebert hat da so seine Vermutungen. Er ist nicht nur Organisator der Bremer Spieletage, sondern selbst begeisterter Spieler. Er sagt: Spiele bringen Menschen zusammen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+