Bremer Kultureinrichtungen Neue Zielgruppen erschließen

2017 hatte das sogenannte 360°-Programm gestartet. Dessen Ziel: Kultureinrichtungen zu fördern, die sich dafür einsetzen, die kulturelle Diversität in deutschen Großstädten in ihrer Ausrichtung widerzuspiegeln.
02.04.2019, 21:40
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Neue Zielgruppen erschließen
Von Katharina Frohne

Für langjährige Bremer sind sie selbstverständlich da, gehören zur Hansestadt wie Weser und Werder: der Roland auf dem Marktplatz oder die Stadtmusikanten am Rathaus, der Freimarkt oder die Osterwiese. Um auch Neuankömmlinge mit Bremer Besonderheiten vertraut zu machen, bietet das Focke-Museum bereits seit 2015 die Führung „Zehn Dinge, die du über Bremen wissen solltest“ an. Das Konzept sei entstanden, als vor vier Jahren viele Geflüchtete in die Stadt kamen, sagt Direktorin Frauke von der Haar. Der Rundgang durch die Dauerausstellung zur Stadtgeschichte sollte dazu dienen, ihnen die Ankunft zu erleichtern, sie ihrer neuen Heimat näherzubringen. Heute zählt die Führung zu den beliebtesten des Museums: für Alt- und Neu-Bremer.

Seit Jahren bemüht sich die Einrichtung darum, auch jene anzusprechen, die sonst wohl eher kein Museum ansteuern würden – sei es, weil mangelnde Sprachkenntnisse das Verständnis erschweren oder weil die Themen zu weit entfernt sind von eigenen Erfahrungen und Interessen. „Wir wollen die Geschichten aller Bremer erzählen“, sagt von der Haar.

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Selbstverständlich sei für sie deshalb, die Bremer Stadtgeschichte auch aus Perspektive der Migranten zu dokumentieren. Immerhin habe in Stadtteilen wie Gröpelingen jeder Zweite eine Zuwanderungsbiografie. Um das Programm des Museums noch besser auf die demografische Entwicklung der Stadt zuzuschneiden, unterhält das Museum seit April 2018 eine wissenschaftliche Projektstelle, die sich eigens darum bemüht, die Ausstellungen attraktiver für Zuwanderer zu gestalten. Finanziert wird die von der Kulturstiftung des Bundes. 2017 hatte diese das sogenannte 360°-Programm gestartet. Dessen Ziel: Kultureinrichtungen zu fördern, die sich auf besondere Weise dafür einsetzen, die kulturelle Diversität in deutschen Großstädten in ihrer Ausrichtung widerzuspiegeln. 17 Institutionen wurden in der ersten Förderrunde mit insgesamt 1 440 000 Euro unterstützt.

Toleranz als Standortfaktor

Gleich vier Bremer Einrichtungen konnten dabei mit ihren Konzepten überzeugen. Neben dem Focke-Museum erhalten die Stadtbibliothek, die Kunsthalle und das Theater Bremen Projektmittel von jeweils 360 000 Euro. „Eine große Auszeichnung, die zeigt, wie innovativ die Bremer Häuser arbeiten“, freute sich Kultursenator Carsten Sieling (SPD) im Dezember 2017 über die Entscheidung der Stiftung.

Während das Focke-Museum sich seit Beginn der vierjährigen Förderung unter anderem darauf konzentriert, das Thema Migration stärker in der Dauerausstellung zu berücksichtigen, arbeitet das Theater Bremen unter dem Motto „Everyone's welcome“ daran, neben dem klassischen Kanon vermehrt auch Stücke zu zeigen, die die Wahrnehmungen von Migranten reflektieren. Auch die Stadtbibliothek will neue Zielgruppen erschließen.

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Im laufenden Veranstaltungsjahr soll es bis zu 20 Events geben, die sich speziell an ein internationales Publikum richten. Die Kunsthalle setzt unter anderem auf ein mehrsprachiges Angebot. Die Anstrengungen der Institutionen beschränken sich dabei nicht auf die inhaltliche Neuausrichtung. Auch bei der Besetzung neuer Stellen soll vermehrt darauf geachtet werden, dass der Anteil Beschäftigter mit Migrationsgeschichte ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht.

Die vier Institutionen zeigten eindrucksvoll, wie es gelingen kann, Diversität ernst und wichtig zu nehmen, sagt Jutta Berninghausen. An diesem Mittwoch um 18 Uhr lädt die Leiterin des Zentrums für Interkulturelles Management & Diversity der Hochschule Bremen in Vertretung der Trägergemeinschaft des Bremer Diversity Preises zu dem öffentlichen Symposium "Die Bremer Stadtmusikanten: Diversity als Standortfaktor für Bremen" in der Kunsthalle.

Deren Ausstellung „Tierischer Aufstand“ widmet sich anlässlich des 200-jährigen Jubiläums des Märchens den „Stadtmusikanten in Kunst, Kitsch und Gesellschaft“. Eine Umgebung, die nach Meinung der Trägergemeinschaft für das Symposium kaum passender sein könnte: Immerhin machten sich die Tiere auf der Suche nach einem würdevollen Leben auf den Weg in die Hansestadt.

Wo steht Bremen?

Die öffentliche Veranstaltung diene dazu, auf die bereits vorhandenen Bemühungen Bremer Kulturschaffender aufmerksam zu machen, sagt Berninghausen. Darüber hinaus soll es um die Frage gehen, wie weitere Kultureinrichtungen dazu beitragen können, die Menschen für die Wichtigkeit kultureller Vielfalt zu sensibilisieren.

Zunächst werden die durch das 360°-Programm geförderten Institutionen vorgestellt. Anschließend soll in einer Podiumsdiskussion erörtert werden, wo Bremen steht: Spiegelt sich die diverse Stadtgesellschaft bereits ausreichend im Freizeitangebot wider? Und wie kann die Hansestadt ihr diverses Profil als Standortvorteil nutzen? Diskutanten sind Anna Zosik von der Kulturstiftung des Bundes, Klaus Sondergeld, ehemaliger Geschäftsführer von Bremen Marketing, Bülent Uzuner, geschäftsführender Gesellschafter der Uzuner Consulting GmbH, und Lutz Liffers, Vorstand des Vereins Kultur vor Ort Bremen.

Auch hinsichtlich des Fachkräftemangels, der fast alle Firmen in der Region umtreibe, sei es wichtig, Toleranz und Weltoffenheit zu leben, um kluge Köpfe aus anderen Ländern für Bremen zu interessieren, sagt Berninghausen. Darüber hinaus hält sie Theater, Museen und Bibliotheken für wichtige Impulsgeber: „Die Kulturszene kann gesellschaftliche Debatten anstoßen und voranbringen.“ Ihr Wunsch: „Mehr Diversität im Denken und in der Diskussionskultur.“

Weitere Informationen

Das Symposium „Die Bremer Stadtmusikanten: Diversity als Standortfaktor für Bremen“ in der Kunsthalle ist offen für alle Interessierten. Beginn ist am Mittwoch, 3. April, um 18 Uhr. Der Eintritt ist frei, um Voranmeldung unter info@diversity-preis-bremen.de wird gebeten.

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