Neues Album von Madsen

Den Schalk im Nacken

Madsen wollten eigentlich auf Tour gehen - nun haben sie mit Na gut dann nicht" ein wütendes Punk-Album mit politischen Texten veröffentlicht.
16.10.2020, 11:19
Lesedauer: 3 Min
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Von Nadine Wenzlick
Den Schalk im Nacken

Schön entspannt auf der grünen Wiese: Die vier Jungs von Madsen.

Dennis Dirksen

Wendland. Wer die nunmehr 16 Jahre währende Geschichte von Madsen ein wenig verfolgt hat, der weiß: Die Rockband aus dem Wendland ist stets für einen Spaß zu haben. So entstanden im Laufe der Jahre bei Proben immer mal wieder genre-fremde Lieder, von Hip-Hop über Schlager bis zu Neuer Deutscher Welle, die Madsen kurzerhand unter Pseudonymen veröffentlichten. „Ich glaube, da draußen schwirrt noch einiges von uns unentdeckt herum“, sagt Sänger Sebastian Madsen und lacht. Eine humorvolle Aktion haben Madsen sich nun auch für ihr neues Album „Na gut dann nicht“ einfallen lassen.

„Na gut dann nicht“ klingt anders als die bisherigen sieben Madsen-Platten, denn es ist ein Punk-Album. „Zusammen mit unserem Produktmanager und Freund hatten wir deswegen die Idee, damit etwas herumzuspielen“, so Madsen weiter. „Wir dachten: Wie wäre es, wenn Leute diese Lieder hören, ohne zu wissen, dass es Madsen sind und dadurch einen viel neutraleren Blick auf die Musik haben?“ Über einen Freund, der in einem Jugendzentrum arbeitet, stießen Madsen auf die aus Naumburg stammende Schülerband Die Streber. In ihrem Studio im Wendland produzierten sie mit den Teenagern in Eigenregie ein Musikvideo zu dem Madsen-Song „Alte weiße Männer“ und stellten ihn unter dem Fake-Namen Junge Scheiß Punx ins Internet. Und siehe da: Punk-Fanzines und Musikmagazine feierten den Song ab.

Eine schöne Geschichte, doch eine Frage bleibt natürlich: Warum haben Madsen überhaupt ein Punk-Album gemacht? Tatsächlich entstand „Na gut dann nicht“ völlig spontan. „Eigentlich hatten wir dieses Jahr komplett durchgeplant: Im April wären wir auf Tour gegangen, danach wollten wir das nächste Madsen-Album aufnehmen, das schon komplett geschrieben und vorproduziert ist. Aber dann kam Corona“, erinnert sich Sebastian Madsen.

„Ich bin dann Mitte März zusammen mit meiner Freundin von Berlin ins Wendland geflohen, wo wir vier Monate geblieben sind. Zuerst haben wir unseren Proberaum gründlich aufgeräumt, dann haben wir einige Songs für andere Musiker geschrieben. Aber eines Tages wachte ich wie vom Blitz getroffen auf und dachte: Punk! Ich habe mir das Debütalbum von den Ramones gekauft, „Blitzkrieg Bop“ gehört und hatte Gänsehaut am ganzen Körper.“

Dazu muss man wissen: Punk ist für Madsen eine Art Jugendliebe. „Als wir Teenager waren, gab es im Wendland sogar eine kleine Punk-Szene“, so Madsen. „Die erste Band, die Johannes und ich gegründet und mit der wir dann in Jugendzentren gespielt haben, war eine Punk-Band. Unsere Vorbilder waren Slime, Daily Terror, Toxoplasma oder Schleimkeim. Punk steckt also auf jeden Fall in unseren Wurzeln. Auf unseren ersten Alben hört man das auch sehr deutlich, aber im Laufe der Jahre ist es mehr und mehr in den Hintergrund geraten.“

Klangen Madsen auf ihrem 2005 veröffentlichten Debütalbum noch deutlich ungestümer, sind ihre Songs im Laufe der Jahre in der Tat vielseitiger und zum Teil auch poppiger geworden. Damit ist auf „Na gut dann nicht“ Schluss. Zu Sounds zwischen Deutschpunk und Bad Religion pöbeln, schimpfen und schreien Madsen sich die Seele aus dem Leib. Jeder darf mal ans Mikro, alles ist erlaubt. In kleinen Interludes nehmen Madsen sich selbst aufs Korn, und sogar ein Rülpser hat es aufs Album geschafft. „Wir haben noch nie so viel gelacht wie bei diesem Album“, erinnert sich Madsen. „Und ich würde auch sagen, wir haben als Kollektiv noch nie so gut funktioniert. Bei Madsen liegt schon alles bei mir, aber dieses Mal sahen unsere Tage so aus: Im Garten sitzen, texten, aufnehmen, Bier trinken, das Tagwerk hören und am nächsten Morgen wieder von vorne angefangen. Dadurch, dass wir zusammen getextet haben, stecken in den Songs ein ganz anderer Humor und andere Facetten.“

Dazu gehören auch die zum Teil sehr politischen Texte. Auf „Na gut dann nicht“ geht es um Flüchtlinge, Umweltzerstörung und „Alte weiße Männer“. „Was in der Welt alles los ist ... es reicht ja schon, einmal am Tag die 'Tagesschau' zu gucken! In einer Zeit wie jetzt nimmt man das noch bewusster wahr“, sagt Madsen. „Bei den Texten war uns wichtig, dass sie voll und ganz in die Zeit passen. In ‚Wenn du am Boden liegst‘ zum Beispiel wollte ich nicht auf die Suche nach einem Schuldigen gehen, sondern an die Empathie der Menschen appellieren. Stell dir vor, du kommst aus einem Land, in dem alles schrecklich ist und das du verlassen muss. Wie würdest du dich fühlen? Das können wir privilegierten Menschen überhaupt nicht nachvollziehen. Aber wenn es dir mal so richtig schlecht geht, würdest du auch wollen, dass man dir die Hand reicht – und nicht, dass man nach dir tritt.“

Die Aktion mit Junge Scheiß Punx haben Madsen diese Woche übrigens via Youtube aufgelöst. Übel genommen hat ihnen den Scherz keiner – aber vielleicht hat er den einen oder anderen ganz ohne Vorurteile an dieses Album geführt.

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