Zentrum für Künstlerpublikationen

Das Spiel mit der Sprache

„Neuspréch - Sprache von Kunst befallen“ lautet der Titel einer humorvollen Ausstellung, die ab dem 3. Juli im Zentrum für Künstlerpublikationen in der Weserburg zu sehen sein wird.
02.07.2020, 05:00
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Das Spiel mit der Sprache
Von Alexandra Knief
Das Spiel mit der Sprache

Oliver Ross hat für die "Neuspréch"-Ausstellung einen "Kunstbeichtstuhl" (2020) erschaffen. Die Arbeit setzt sich unter anderem mit dem Verhältnis von Mensch und Kunst auseinander.

Weserburg

Wer mit George Orwells dystopischem Roman „1984“ vertraut ist, weiß mit dem Begriff Neusprech sofort etwas anzufangen: Er bezeichnet eine durch einen totalitären Staat neu entwickelte Sprachform, durch die Ideologien im Unterbewusstsein der Menschen verankert werden sollen. Neusprech soll die eigentlichen Ausdrucksmöglichkeiten, die Sprache zur Verfügung stellt, so weit beschränken, dass die Freiheit des Denkens verloren geht. Wer die Nachrichten verfolgt, weiß aber auch, dass der Begriff leider ein Phänomen beschreibt, das längst nicht nur Inhalt eines fiktiven Romans von 1949 ist. Täglich dient Sprache der Verschleierung unangenehmer Sachverhalte oder gar der kompletten Umdeutung von Tatsachen, siehe Donald Trump.

Die Ausstellung „Neuspréch“, die ab kommendem Freitag im Zentrum für Künstlerpublikationen in der Weserburg zu sehen ist, will dem Begriff im wahrsten Sinne des Wortes einen neuen Akzent geben. Gezeigt werden zwölf künstlerische Positionen, die von Sprache infiziert wurden. Oder andersherum: Gezeigt wird Sprache, die von Kunst infiziert wurde. Die beteiligten Künstler und Künstlerinnen positionieren sich: gegen die Verkümmerung von Sprache, gegen die Instrumentalisierung von Sprache. Und das machen sie fast ausnahmslos mit jeder Menge Humor und Ironie.

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So zum Beispiel die Künstlerin Ingrid Scherr. Sie inszeniert ihre Zeichnungen berühmter Frauen als Werbeplakate, wie man sie in Zeitschriften finden könnte. So wirbt die vor allem durch ihre Nana-Figuren bekannt gewordene Künstlerin Niki de Saint Phalle für „Mehr Farbe im Büro“; Sängerin Mireille Mathieu verkündet mit nach oben gerichtetem Blick „Verzicht macht glücklich“.

Kuratiert wurde „Neuspréch“ von den beiden auch in der Ausstellung vertretenen Künstlern Oliver Ross und Simon Starke sowie von Bettina Brach vom Zentrum für Künstlerpublikationen. Simon Starkes Arbeit besteht aus 20 Tafeln aus Styropor, in die jeweils zwei Worte eingeritzt wurden, die mit „Ver“ beginnen. Ergänzt werden die Begriffe durch jeweils einen, wie Stark sagt, „Bildknoten“ und humorvolle Sprachanekdoten, die mal mehr, mal weniger Sinn ergeben („Tiefe Eimer sind schwer“; „Jeder ist seiner Krücke eigenes Pferd“). Ihm sei aufgefallen, das Verben, die mit ver- beginnen oftmals Verschiebungen oder Veränderungen andeuten (vergrößern, verzieren, verheizen), während man bei vielen Substantiven das Gefühl habe, mit ihnen solle etwas festgenagelt werden (Verfassung, Verordnung).

Eine fiktive Bibliothek

Die Künstlerin Andrea Tippel hat mit „Philoars-Library“ ihre eigene, drei Wände füllende Bibliothek gezeichnet – mit mehr als 1000 Büchern, die (noch) nicht geschrieben wurden, darunter philosophische Titel wie „Does anything end?“ oder „What did Sokrates tell Plato“. In „Neuspréch“ wird diese spannende, fiktive Bibliothek, in der es viel zu entdecken gibt, auf insgesamt 108 DIN-A3-Farbkopien präsentiert.

Oliver Ross zeigt in der Ausstellung seinen in Neonfarben leuchtenden, mit Spiegeln und angebissenem Styropor verzierten Kunstbeichtstuhl. Diesen kann man tatsächlich betreten und von innen die Türen vor der Außenwelt verschließen – ein durchaus psychedelisches Erlebnis. An der Tür des Beichtstuhls steht mit zerbrochenen Spiegelscherben geschrieben „Gott ist pleite“.

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Ergänzt werden die künstlerischen Positionen durch mehrere Vitrinen mit thematisch passenden Büchern aus dem Zentrum für Künstlerpublikationen. Eigentlich sollte die Ausstellung von einem Rahmenprogramm mit Vorträgen und Lesungen als Teil des Konzeptes begleitet werden. Wegen der Corona-Krise muss darauf fürs Erste verzichtet werden. „Wir hoffen aber sehr, dass es im Herbst doch noch Veranstaltungen geben kann“, sagt Bettina Brach vom Zentrum für Künstlerpublikationen. Und immerhin hat das Virus auch noch eine neue kreative Idee Realität werden lassen: „Neuspréch“-Gesichtsmasken, erhältlich an der Museumskasse.

Weitere Informationen

„Neuspréch – Sprache von Kunst befallen“ ist vom 3. Juli bis zum 13. Dezember im Zentrum für Künstlerpublikationen in der Weserburg, Teerhof 20, zu sehen. Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr.

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