Theaterspielzeitauftakt in Oldenburg Neusprech und Zwiedenk

Ästhetisch betörend: Das Oldenburgische Staatstheater zeigt eine stimmige „1984“-Adaption nach George Orwell mit spektakulären multimedialen Effekten.
05.09.2018, 14:41
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Neusprech und Zwiedenk
Von Hendrik Werner

Oldenburg. Ein langer Theaterabend, eine ausgesprochen lohnende Produktion – und das erfreuliche Wiedersehen mit einem alten Haus: Wegen dringlich gebotener Sanierungsarbeiten – Brandschutz und Bühnentechnik – war das Oldenburgische Staatstheater zwischen Pfingsten und dem Ausklang der vergangenen Spielzeit, Anfang Juli, in ein Ausweichquartier gezogen. Dabei erwies sich der Uferpalast im Theaterhafen, ein an der Hunte gelegenes XXL-Zelt der Zirkusdynastie Roncalli, in ähnlicher Weise als Glücksgriff wie vor einigen Jahren das Bespielen eines stillgelegten Fliegerhorsts. Vor allem die spektakuläre Produktion „Alice im Wunderland“ hatte es den Besuchern der wassernahen Außenspielstätte angetan. Die passagenweise überwältigende Mixtur aus Schauspiel und Musical, Zirkus- und Cabaret-Revue, Vaudeville und Quatsch-Comedy-Club, Traumreise und Rauschtrip dürfte noch eine ganze Weile kunstsinniges Stadtgespräch bleiben.

Kaum weniger imposant geriet jetzt der Auftakt der Saison 2018/19 im Kleinen Haus. Weniger wegen der respektablen Spieldauer (165 Minuten; eine Pause inbegriffen). Vielmehr aufgrund einer ästhetisch betörenden Produktion, an der fast alles stimmt: Kurzweil und Reflexionstiefe, Aktualität und Zeitlosigkeit des Stoffes, Güte und Vielseitigkeit der Darsteller, dramaturgischer Zusammenhalt (Marc-Oliver Krampe), beklemmende Raumgestaltung (Luise Voigt, Stefan Bischoff) und findige Lichteffekte (Steff Flächsenhaar), Musik und Sounddesign (Friederike Bernhardt), gräuliche Kostüme (Nina Kroschinske) und überragende Videoprojektionen (Stefan Bischoff) sind wie aus einem Guss.

Reichlich Raum für Lesarten

Smarter und abwechslungsreicher lässt sich der George-Orwell-Roman „1984“ aus dem Jahr 1948 kaum adaptieren; diese Dystopie, die zwar auf den Stalinismus gemünzt war – und doch reichlich Raum für konkurrierende, zumal zeitgenössische Lesarten lässt. Besonders die USA der Gegenwart drängen sich bei einer Relektüre des Romans als Bezugspunkt auf, weil sich einige Strategien des Big-Brother-Regimes – Neusprech (Newspeak) und Zwiedenk (Doublethink) – mühelos mit dem kruden Fake-News-Diskurs der Trump-Administration engführen lassen.

Doch Obacht: Zwar beschrieb Orwell in allegorischer Absicht ein totalitäres System, in dem konventionelle Kategorien nicht mehr gelten, sondern aufgeweicht, ja nivelliert werden („Freiheit ist Sklaverei“, „Unwissenheit ist Stärke“). Und doch verbietet es die Chronik der laufenden Ereignisse (noch), Selbstkritik, Sprachpolitik und rhetorische Säuberungen im Sozialismus stalinistischer Prägung suggestiv mit Trumps Amerika gleichzuschalten. In dieser Hinsicht standen sich im November 2017 am Stadttheater Bremerhaven Regie (Thomas Oliver Niehaus) und Dramaturgie (Anna Gerhards) selbst im Weg, weil sie „1984“ partout als den Zeitgeistroman sichtbar machen wollten, der es seit seiner Entstehung auch, aber eben keinesfalls ausschließlich ist.

All diese möglichen Reduktionsfallen meidet am Staatstheater die begabte Regisseurin und Medienkünstlerin Luise Voigt, die in Oldenburg zuletzt „Dokusoap. Episode 451“, „Krieg der Welten“ und „Der Golem“ ungemein ansprechend in Szene setzte. Ihre zugleich ökonomische und bühnentaugliche Stückfassung, die jedes Wort wägt, lässt denkbare Deutungsebenen absichtsvoll offen, statt sich und das Publikum ohne Not festzulegen. Offen für allerlei Projektionen und Supervisionen, Auf- und Abgänge ist auch die Bühne, auf der mächtig was los ist, weil es kaum eine Sprechszene gibt, die nicht durch andere Theatermittel kommentiert, gekontert oder ins heillos Absurde gewendet wird.

Souverän bedienen sich Voigt und das Ensemble aus dem Fundus der darstellenden Künste: In dieser panoptisch strukturierten Überwachungswelt haben Pantomime und Tanz ebenso ihren sinnigen Platz wie chorische Szenen und Hörspieleinsprengsel, Clowns- und Robotertheater sowie – jawohl! – schweißtreibende Sportexerzitien.

Aus dem tollen Ensemble ragen Klaas Schramm als widerständiger Winston Smith und Franziska Werner als seine verführungsmächtige Gespielin Julia heraus. Auch Thomas Lichtenstein agiert beachtlich. Der gravitätische Kammerschauspieler verkörpert die Hauptfigur einer Binnenerzählung, mit der Luise Voigt dem multimedialen Drama schlüssig einen Kunstdiskurs unterlegt: Regisseur Wsewolod Meyerhold (1874-1940). Der Stanislawski-Schüler ersann die Schauspielmethode Biomechanik: Zeitlupentheater mit festen Bewegungsabläufen und ausdruckslos gesprochenem Text. Wer erleben möchte, wie starr und faszinierend zugleich die Hochzeit von Mensch und Maschine aussehen könnte, besuche diese sehr sehenswerte Inszenierung, der intensiv applaudiert wird.

Weitere Informationen

Weitere Aufführungen im Kleinen Haus:

6., 12., 14. und 18. September, 20 Uhr.

23. September, 15 Uhr.

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