Porträt

Neustart mit alter Liebe

Nach zwölf Jahren gibt Angelika Sinn am Monatsende die Leitung des Bremer Literaturkontors ab. Ihrem Schriftberuf, der ihr als Berufung gilt, bleibt sie gleichwohl treu.
13.12.2018, 13:41
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Neustart mit alter Liebe
Von Hendrik Werner

Zwei Jahrzehnte hat Angelika Sinn zufrieden in Bremen-Findorff zugebracht, bis sie eine „große Sehnsucht nach Natur und Weite“ überkam. Seit nunmehr drei Jahren lebt die Mittfünfzigerin in Worpswede. In einem Ort, dessen pittoreskes Potenzial – das Moor! der Weyerberg!! und erst dieser Himmel!!! – spätestens seit der Hoch-Zeit der Künstlerkolonie überregional verbürgt ist, wenn nicht gar darüber hinaus.

Weil Angelika Sinn, die im nordrhein-westfälischen Iserlohn geboren wurde und Lehr- und Wanderjahre in Hamburg und Frankfurt/Main verbrachte, Worpswede als „Vorort von Bremen“ begreift, wird sie die Annehmlichkeiten der Stadt, zumal deren kulturelles Leben, auch dann noch auskosten, wenn sie mit dem Jahreswechsel ihren beruflichen Mittelpunkt ebenfalls aufs Land verlegt – dabei aber ihren Passionen, Kompetenzen und Kontakten verbunden bleibt. Davon gibt es reichlich. Immerhin hat die studierte Pädagogin, Philologin und Kulturwissenschaftlerin zwölf Jahre lang das Bremer Literaturkontor geleitet und die hiesige Schreibszene geprägt.

Sie habe sich „ausgiebig sortiert“ und wolle „nun neu durchstarten“, gibt sie zu Protokoll. Zwar finde sie nach wie vor Gefallen an ihrer kunstsinnigen Arbeit und an Projekten mit Kollegen, aber mit den Jahren würden sich naturgemäß viele Programmpunkte und Obliegenheiten des Kontors wiederholen, dieser in der Villa Ichon am Goetheplatz angesiedelten Begegnungs- und Beratungsstätte in Sachen Literatur und literarisches Leben.

Dem geschriebenen Wort will die Schriftstellerin, die zeitweilig zudem als Journalistin arbeitete, auch nach ihrer Rückkehr in die Freiberuflichkeit die Treue halten. Texte schreiben will sie weiterhin, mit bildenden Künstlern kooperieren, vor allem aber: Wissen weitergeben. Die Vermittlung filigraner Fertigkeiten im komplexen Entstehungsprozess von Literatur hat es ihr besonders angetan. Ein Lehrauftrag in der ihr wichtigen Disziplin Kreatives Schreiben läuft noch zwei Jahre. Gerade geht es in dem Seminar, das sie gibt, um die Entwicklung literarischer Figuren. Sinn, die ansonsten als zurückhaltend gelten darf, schwärmt regelrecht von ihrer „tollen und aufgeweckten Gruppe“.

Ein von ihr geleiteter Schreibworkshop mit Geflüchteten wiederum nimmt gerade erst Fahrt auf. In dieser Veranstaltungsreihe arbeitet Angelika Sinn mit Menschen aus Syrien, Venezuela, Bangladesch und der Türkei zusammen. Unter anderem. Die autobiografisch grundierten Erzählungen der Teilnehmer gilt es in Texte umzuwidmen. Nicht etwa um Fluchtgeschichten geht es derzeit, sondern vielmehr um alltägliche Prägungen der Migranten durch Eltern und Spielzeug, durch Mahlzeiten und kulturelle Hintergründe. Geplant ist mittelfristig eine Anthologie der verschriftlichten Erlebnisse in Buchgestalt. Zuvor aber wollen die Mühen der Ebenen bewältigt werden. Dabei steht den Workshopteilnehmern in Angelika Sinn eine gleichermaßen erfahrene wie engagierte Mentorin zur Seite.

Wie beschlagen die Dichterin und Literaturwissenschaftlerin auch und gerade in der kleinen Form ist, zeigt ihre jüngste Veröffentlichung, ein Buch mit dem lakonischen Namen „Bremen – Bratislava – Bremen“. Hinter dem grauen Einband verbergen sich teils verwaschene Polaroids von den Unterwegshalten einer Zugreise in die slowakische Hauptstadt und retour. Wohlgemerkt: mit unterschiedlichen Routen. Den Fotografien hat Angelika Sinn lapidare Notate, Beobachtungen, Mutmaßungen, Fantasien an die Seite gestellt. Bisweilen geriet der Aufenthalt an den Bahnhöfen so kurz, dass der Wiedereinstieg in den Zug zu einem Herzschlagfinale geriet.

Zur Herzenssache ist Angelika Sinn ihre Zeit im Literaturkontor geraten. Dort hat sie viel bewegen können, etwa die Professionalisierung Bremer Autoren; zudem hat sie neue Lesungsformate, Festivals und gleich mehrere Veröffentlichungsreihen aufgelegt, darunter „Mini-Lit – Texte aus der jungen Bremer Schreibszene“. Der zehnte Band ist unlängst erschienen, wie die scheidende Kontoristin nicht ohne Stolz bemerkt. Und doch erscheint Sinn manches im hiesigen Literaturbetrieb noch ausbaufähig. Seit es den „Stint“ nicht mehr gibt, fehlt ihr beispielsweise eine Literaturzeitschrift, die diesen Namen verdient.

Vielleicht – wer weiß – vermag ja Sinns Nachfolger diese verdienstvolle Bremer Tradition wiederzubeleben, Jens Laloire, der sich mit literarischen Veröffentlichungen ebenso einen Namen gemacht hat wie mit der pädagogisch wertvollen Werkschau-Reihe „Laloire schlägt auf“. „Ich bin sehr froh, dass Jens übernimmt“, sagt Sinn über die vormalige Honorarkraft. Just arbeitet sie ihn ein; offizielle Stabübergabe ist am 31. Dezember. Dann kann Angelika Sinn durchatmen, ein bisschen reisen und entspannen, um sich hernach ausgiebig ihrem neuen Leben zu widmen, das im Zeichen ihrer alten Liebe zur Literatur steht.

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