Auftritt in der Glocke Nigel-Kennedy-Konzert mit Happening-Charakter

Tosende Ovationen für ein originelles musikalisches Experiment: Nigel Kennedy hat in der Glocke seine Neuinterpretation von Antonio Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ vorgestellt.
11.03.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Gerd Klingeberg

Tosende Ovationen für ein originelles musikalisches Experiment: Nigel Kennedy hat in der Glocke seine Neuinterpretation von Antonio Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ vorgestellt.

Konzerte von und mit Nigel Kennedy sind Events mit Überraschungen. Dass der fast sechzigjährige britische Ausnahmegeiger in T-Shirt, schlabbernd großer Jacke und gelben Turnschuhen (statt früherer Springerstiefel) auftritt, jovial lächelnd einzelne Musiker zu deren aktuellem Befinden befragt oder mit dem Publikum rumflachst, ist inzwischen nichts Neues mehr.

Auch musikalisch ist manches eher unkonventionell. Im ersten Teil seines Auftritts in der Glocke präsentiert Nigel Kennedy Eigenkompositionen als Widmungen an herausragende Musiker. Eingängige Themen werden vorgestellt und bei zumeist durchgehendem rhythmischen Pulsieren rondoartig immer neu variiert, moduliert und modifiziert. Stilistisch sind die Werke breit aufgestellt; unterhaltsam Melodiöses wechselt kontrastreich mit fast schon rockigen Partien und kurzen orientalischen, irisch-folkloristischen oder flamencoähnlichen Elementen.

„Fallen Forest“, dem Geiger Isaac Stern zugeeignet, beinhaltet klassische Sequenzen, aber ist auch teils schmuseweiches emotionales Stimmungsgemälde; bei „Melody in the Wind“, einer mitreißenden Hommage an Stéphane Grappelli, zeigt Kennedy, dass er dem großen Jazzviolinisten in nichts nachsteht. Selbst als fetziger Fiddler beweist er stupendes Strichpotenzial mit „Gibb it“, einer Komposition zu Ehren seines amerikanischen Geigerkollegen Mark O’Connor. Das Zusammenspiel mit der Russischen Kammerphilharmonie St. Petersburg und einer Band aus zwei Gitarren, Kontrabass, Klavier und Schlagzeug läuft bestens und sorgt für reizvolle Klangkombinationen, während Kennedy in leitender Position völlig frei spielt und auch improvisierend neue Impulse vermittelt, die von den Ensembles weitergeführt werden.

Differenzierte Jahreszeiten

Nach der Pause stellt Kennedy, typisch britisch mit einem Pott Tee in der Hand, seine ungewöhnliche Bearbeitung von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ vor. Zwar hält er sich dabei streckenweise eng an die barocke Urfassung, hat aber collage-artig eigene, genremäßig deutlich differierende Teile vorangestellt oder eingefügt.

Das unterstreicht zusätzlich die programmatischen Aussagen des Werkes, dessen gelungene Interpretation Kennedy vor einem Vierteljahrhundert gar einen Eintrag ins Guinnessbuch als bestverkauftes Klassikalbum aller Zeiten einbrachte. Dass Kennedy nach eigenen Worten aus dem „Klassik-Ghetto“ ausbrechen und nicht lediglich eine weitere „schöne“ Einspielung abliefern möchte, ist nachvollziehbar.

Allzu häufig verliert sich jedoch die aktuelle Version in ausgedehnten Abschweifungen, die für sich gesehen zwar stimmungsvoll die passende Atmosphäre schaffen: Einfühlsam gelingt es etwa, herbstliche Mattigkeit oder die Tristesse eines frostigen Wintertages mit meditativen Harmonien nachzuzeichnen, über denen die flageolettierende Geige sphärisch anmutende Tupfer positioniert. Ausgelassene rustikale Lustbarkeit wird mit atemberaubender Verve und ungestümer Bogenaktionen wiedergegeben.

Der innere Zusammenhang und der faszinierende Spannungsbogen des Originals von Antonio Vivaldi sind in ihrer Stringenz jedoch teils erheblich beeinträchtigt. Dennoch gibt es im großen Saal der Glocke tosende Ovationen für ein originelles musikalisches Experiment. Und für ein amüsantes Happening mit dem liebenswerten Exzentriker.

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