Bremen

Noisexistance-Festival: Geräusche, Lärm und Krach

Bremen. Für den irischen Philosophen Paul Hergarty, jetzt zu Gast als Musiker und Vortragender beim dreitägigen Noisexistance-Festival in Schwankhalle und Spedition am Güterbahnhof, beginnt die Geschichte der zeitgenössischen Noise-Musik mit der Komposition „4‘33“ von John Cage. ­Ausgerechnet, könnte man sagen, spielte Pianist David ­Tudor bei der Uraufführung 1952 doch ­keinen einzigen Ton und beschränkte sich auf das Öffnen und Schließen des Klavierdeckels zur Anzeige der drei Sätze des Stückes.
28.06.2016, 00:00
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Von von York Schaefer
Noisexistance-Festival: Geräusche, Lärm und Krach

Noiseexistenzfestival in der Spedition am Güterbahnhof mit Anna Schimkat, die am Sonntag auftrat.

Karsten Klama

Bremen. Für den irischen Philosophen Paul Hergarty, jetzt zu Gast als Musiker und Vortragender beim dreitägigen Noisexistance-Festival in Schwankhalle und Spedition am Güterbahnhof, beginnt die Geschichte der zeitgenössischen Noise-Musik mit der Komposition „4‘33“ von John Cage. ­Ausgerechnet, könnte man sagen, spielte Pianist David ­Tudor bei der Uraufführung 1952 doch ­keinen einzigen Ton und beschränkte sich auf das Öffnen und Schließen des Klavierdeckels zur Anzeige der drei Sätze des Stückes. Eine Provokation, manche Zuhörer fühlten sich betrogen.

Für John Cage allerdings ging es um nichts Geringeres als die Definition von Musik. Für ihn gehörten Geräusche, Alltagslärm und wie im Falle von „4‘33“ auch Publikumsreaktionen und die die Stille durchdringenden Wettergeräusche außerhalb der Konzerthalle zur musikalischen Wahrnehmung. Wo gehört wird, ist für Cage auch Musik, echte Stille gibt es nicht. Paul Hergarty entdeckt in dem Werk das Spannungsverhältnis zwischen wünschenswerten Klängen (richtig gespielten Noten) und seiner Definition von Noise als ungewollten, teils aufdringlichen und unangemessenen Geräuschen, Lärm, Krach.

Während im englischsprachigen akademischen Raum so etwas wie eine „Noise ­theory“ längst existiert, wird die musikalische Kategorie des Lärms in Deutschland allenfalls szeneintern diskutiert. Ein guter Zeitpunkt also, um Positionen aus dem akademischen Diskurs mit der künstlerischen Praxis zusammenzubringen und die „Unschärfen von Noise abzubilden“, wie der Bremer David Wallraff, selbst Musiker und einer der Veranstalter von „Noisexistance“, meint. Auch Philosoph und Referent Paul Hegarty ist ein Vertreter von Theorie und Praxis. Am Sonnabend schichtet der Ire in der Schwankhalle in klassischer Harsh Noise/Drone-Manier Lärmwände auf und sucht in den stillen Zwischenräumen den Kontrast mit gesungenen Pop-Melodien. Spannender waren an diesem Abend die Auftritte von Michael Barthel aus Leipzig und CoCo aus Berlin. Ersterer konzentriert sich auf die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten der menschlichen Stimme und sucht den Ausweg aus codierten Sprachübereinkünften. Der Leipziger röchelt und krächzt lautmalerisch bis zur Schmerzgrenze, reiht Wortfetzen einer vom Berliner Dialekt geprägten, eigenen Sprache in einem absurden Singsang aneinander. „Oh Hochwuch Oh / Hochwuch Oh / Wuchs Mir Wuch / Urhoch / Mir“. Die Berliner Klangkünstlerin und Sängerin CoCo bestach mit einer vielfältigen, intensiv-körperlichen Performance. Mit Gesichtsbemalung und einem schamanenhaften Kleid lädt sie in ihren „Chrystal Garden“ und verbindet Lärm, tiefes Grollen und Zwitschersounds mit ihrer tollen, leicht raubeinigen Stimme zu faszinierenden zerstückelten Klanggebilden. Auch moderne Popmusik-Stile wie Electro Clash, Breakbeats und experimenteller Hip Hop finden den Weg in CoCos Klangkosmos. Auf das dunkle Mäandern von Drone-Klängen setzt der ehemalige Bremer „Sleazy Pictures of Teepea“, der spontan für einen ausgefallenen Act eingesprungen war. Eine naturgemäß sehr laute, aber stoisch und einnehmende Noise-Musik zwischen Helikopter-Knattern, Störgeräuschen und subkutanem Schaben und Schleifen. Am Sonntag in der Spedition am Güterbahnhof war der US-Amerikaner Crank Sturgeon, Noise-Konzeptkünstler mit anarchischem Ansatz, ein Programmhöhepunkt. Sturgeons Auftritte sind Happenings zwischen Musik und Humor, die sich Katagorisierungen entziehen. Bestückt mit einer absurden dreieckigen Kopfhaube aus kollagierten Zeitungen, bearbeitet der Soundfrickler an seinem Gerümpeltisch per Geigenbogen Bindfäden, die mit Tonabnehmern besetzt sind. Ein wild in alle Richtungen krachende Geräusch-Symphonie, während der Sturgeon einen Klebestreifen über mehrere Meter von einer Box zur anderen spannt, seine malträtierte Geige darin einwickelt und auf seine Art bespielt. Zum Abschluss des Festivals durfte auch Noise in seiner rockigen Variante nicht fehlen. Das Berliner Gitarren/Schlagzeug Trio Sun Worship präsentiert eine episch-hypnotische Spielart von Black Metal zwischen Raserei und gnadenlosem Geknüppel. Kathartischer Lärm, man genießt die „Stille“ danach.

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