Zwei neue Tanztheaterstücke Halt suchen, Halt finden

"Adrift - The Resonance" heißt ein Abend des Tanzensembles Of Curious Nature. Die Choreografien von Felix Landerer und Helge Letonja loten Halt- und Bindungslosikeit aus.
18.10.2021, 17:47
Lesedauer: 2 Min
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Halt suchen, Halt finden
Von Iris Hetscher

Geht das noch? In einer Reihe stehen, ähnliche Aktionen ausführen, also quasi auf einen gemeinsamen Nenner kommen? Es ist zumindest schwieriger geworden – davon erzählt der Hannoveraner Choreograf Felix Landerer in seinem Stück "Adrift". Dabei bewegen die zehn Tänzerinnen und Tänzer des Ensembles Of Curious Nature sich zunächst durchaus synchron auf der Bühne des Kleines Hauses des Theaters Bremen. Sie bilden eine Reihe, formieren sich fast wie im Standardtanzwettbewerb.

Doch dann lassen sie sich, wie der Titel des Stücks es beschreibt, treiben. Nicht alle gemeinsam, mal bricht hier einer aus, dann lässt sich dort eine zurückfallen. Vielleicht können sie auch nicht mehr mithalten mit den anderen, verlieren die Verbindung  – das hält Landerers Choreografie geschickt im Ungefähren. Denn die Bewegungen, mit denen er die Soli tanzen lässt, sind bewusst ungelenk gestaltet, wirken manchmal wie gekrampft, sind aber immer von einer ungeheuren Spannung durchzogen. Das verleiht "Adrift", neben der pumpenden Musik von Christof Littmann, die zwischen Industrial, Techno und Ambient pendelt, eine sogartige Dynamik.

Es handelt sich übrigens immer um Soli, auch wenn zwei oder drei Tänzer gemeinsam agieren: Sie agieren weniger miteinander denn nebeneinander. Helfen sich höchstens wieder auf die Beine; eine gemeinsame Geschichte bleibt in Ansätzen stecken. Diese werden immer abrupt beendet, dann marschieren die anderen als Störfaktoren auf und vorbei. Landerer nutzt dazu geschickt den gesamten Bühnenraum mit seiner einfachen Auf -und Abgangssituation im Hintergrund. Seine Annäherung an das Thema Halt- und Beziehungslosigkeit interpretiert das Ensemble so dicht und kraftvoll, dass es beinahe bedrohlich wirkt.

Das prägt auch den zweiten Teil des Projekts, das unter dem Dach des Tanzentwicklungskonzepts Tanzraum Nord beheimatet ist. Der Bremer Choreograf Helge Letonja befasst sich mit einem ähnlichen Thema wie Felix Landerer, hat es aber, wie schon bei den inspirierenden Vorgängerarbeiten "Songs of Love and Bones" und "Momentum Zero" deutlicher als Landerer ins Philosophische gedreht.

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Bei "The Resonance" geht es darum, wie sich Menschen in einer Zeit, die immer schnelllebiger ist, miteinander behaupten können, ohne ihre Individualität zu verlieren. Das alles entwickelt sich rund um eine weiß-leuchtende Skulptur, die wie ein überdimensionales Origami-Kunstwerk wirkt (Bühne: Britta Bremer). Und um Ji Young Won als in schimmerndes Schwarz gekleidete personifizierte Inspiration, die überaus elegante musikalische wie tänzerische Vibes aussendet.

Diese Schwingungen lässt Letonja in friedvolle, beinahe meditativ wirkende Szenen von Gemeinsamkeit übergehen, zu denen eine Stimme die Erklärung der Menschenrechte verliest. Doch die Harmonie, die sich auch in den fließenden, synchronen Bewegungen der Tänzer ausdrückt, wird unterbrochen von Soli und darauf folgenden Pas de Deux. Hier loten die Tänzerinnen und Tänzer aus, was sie verbinden könnte. Da kann es liebevoll zugehen, aber es ruckt und zuckt auch. Man reibt sich aneinander oder sucht Schutz im Stillstand. Ein berührender Abend.

Info

Adrift/The Resonance ist das nächste Mal am Schauspiel Hannover zu sehen, und zwar am 25. und am 26. Januar 2022.

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