Dokumentation über Worpsweder Künstler Otto Modersohn wird zum Filmstar

Bremen. Die Fischerhuder schreiben derzeit fleißig Filmgeschichte. Ein Film über eine Fischerhuder Persönlichkeit erlebt bald die Uraufführung: "So weit und groß - Die Natur des Otto Modersohn" heißt das Werk.
08.01.2011, 05:00
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Von Peter Groth

Bremen. Die Fischerhuder schreiben derzeit fleißig Filmgeschichte. Lediglich ein Vierteljahr nach Dagmar Brendeckes ungewöhnlicher Dokumentation über Cato Bontjes van Beek erlebt jetzt ein weiterer Film über eine Fischerhuder Persönlichkeit die Uraufführung. "So weit und groß - Die Natur des Otto Modersohn" heißt die Dokumentation, die den verschlungenen Lebenswegen des Malers folgt. Die Premiere des Werks wird am Sonntag im Kino Schauburg gefeiert.

Was diesen Film auszeichnet, ist nicht zuletzt der Umstand, dass es sich dabei um eine wirkliche Familienproduktion handelt. Der Berliner Fotograf Carlo Modersohn, Urenkel des Malers, führte Regie, Marina Bohlmann-Modersohn schrieb das Drehbuch, und Antje Modersohn, Leiterin des privaten Familienmuseums in Fischerhude, war die Auftraggeberin für ihren Neffen Carlo. Der hatte am Beginn seiner Recherche vor fast zwei Jahren gar nicht an einen Kinofilm gedacht, eher an eine kleine szenische Einführung in das Leben Otto Modersohns.

Es kam glücklicherweise anders, weil der junge Regisseur für sein Kinodebüt einfach zu viel interessantes Material fand, mit dessen Hilfe er den ebenso spannenden wie unsteten Lebensweg seines berühmten Vorfahren chronologisch verfolgen konnte. Otto Modersohns Geburtsort Soest, Münster, die Studienjahre in Düsseldorf, München und Karlsruhe, dann Worpswede und die Reisen nach Paris, schließlich Fischerhude und das Allgäu - das sind die Lebensstationen Otto Modersohns, die der Film vorstellt. Er tut dies ausschließlich auf der Grundlage von historischem Film- und Fotomaterial.

Mühevolle Archivsichtung

Anderthalb Jahre lang hat Carlo Modersohn die einschlägigen Archive durchforstet. Die mühevolle Sichtung hat sich gelohnt - selten hat man so viel unverbrauchtes, kaum jemals in Büchern oder Ausstellungen dokumentiertes Bildmaterial aus Worpswede und Fischerhude gesehen. Und selbst die Darstellungen der anderen Lebensstationen Otto Modersohns von der Geburt 1865 bis zu seinem Tod 1943 scheinen rare Funde zu sein.

Frühe Filme vom Leben in den Dörfern am Teufelsmoor und an der Wümme, Fotografien von Modersohn und seinen drei Ehefrauen, von seinen Worpsweder Kollegen und ihm sind bisher selten oder doch zumindest noch niemals öffentlich gezeigt worden. Der optische Reiz dieser gelungenen Dokumention liegt darin, dass Carlo Modersohn völlig auf moderne Quellen verzichtet hat, dass er sein historisches schwarz-weißes Bildmaterial auf geschickte Weise verzahnt und schneidet. Dort, wo es in den Zusammenhang passt, ergänzt der Regisseur dieses vorgefundene Material mit Zeichnungen und Bildern Otto Modersohns - wohlgemerkt: aus all seinen Lebens- und Schaffensphasen.

Die Gemälde sind die einzigen farbigen Einsprengsel in dieser Dokumentation. Die Kamera fährt diese Bilder in großer Ruhe von Details bis zur Totale ab, sie lässt dem Betrachter hinreichend Zeit, Otto Modersohns im Laufe der Jahrzehnte deutlich veränderte Ansichten von der Natur und von Menschen zu durchdringen und auf sich wirken zu lassen.

Landschaftliche Durchdringung

Carlo Modersohn beschränkt sich dabei jedoch nicht allein auf das künstlerische Werk seines Urgroßvaters. Die Bilder der Worpsweder Gründergeneration, von Paula Modersohn-Becker, ja selbst von Otto Modersohns späterer Haushälterin Johanna Eißler ergänzen den künstlerischen Blick auf die Natur. Sie zeigen, welche unterschiedlichen Wege die Malerinnen und Maler vom späten 19. Jahrhundert bis beinahe in die Mitte des 20. Jahrhunderts in der Abbildung und Durchdringung von Landschaft und ihrer Ausschnitte gingen.

Im Zentrum dieser Dokumentation stehen die Ehejahre von Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker, die von großer gegenseitiger Toleranz, aber eben auch von etlichen Konflikten geprägt waren. Die Eheleute regen sich künstlerisch an, Otto Modersohn erkennt schon sehr früh und vor allen anderen das große Potenzial der nach dem Einfachen strebenden Malerin.

Dieses für die Zeit um 1900 ungewöhnliche Eheverständnis, das Aufbegehren des jungen Otto Modersohn gegen den strengen Akademiebetrieb und die Suche nach dem künstlerischen Heil im abgeschiedenen Worpswede werden von diesem Film nicht etwa interpretiert, sondern einzig über Briefe, Tagebuchaufzeichnungen und mit Auszügen aus Rainer Maria Rilkes Künstlermonografie "Worpswede" dargestellt. Konsequent lässt Carlo Modersohn verschiedene Stimmen die den Protagonisten Modersohn, Rilke und Paula Modersohn-Becker zugeordneten authentischen Texte sprechen und unterlegt diese Aussagen mit den entsprechenden Bildern. Gesteigert wird die atmosphärische Dichte des Films noch durch die Musik der Komponistin Therese Strasser.

So ein "Familienfilm" birgt naturgemäß die Gefahr der Beschönigung, der Heroisierung der Vorfahren. Der erst 28-jährige Regisseur und Produzent vermeidet das konsequent, weil er nicht kommentiert - und weil er auch die Hofierung seines Urgroßvaters durch die Nazis oder seine Konflikte mit Paula Modersohn-Becker und andeutungsweise mit der dritten Frau Louise Modersohn-Breling thematisiert. Nicht nur diese Wahrhaftigkeit zeichnet diese eindrucksvolle Dokumentation aus.

Premiere am Sonntag, 9. Januar, um 15 Uhr im Kino Schauburg. Ab Donnerstag, 13. Januar, läuft der Film regulär im Kino Atlantis.

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