Ausstellung in der Bremer Kunsthalle

Pappwände, Totenköpfe und ein Labyrinth

Eine Ruine in drei Räumen hat Thomas Hirschhorn konzipiert – nicht schön, aber faszinierend in ihrer Vielfalt, nicht sauber gebaut, aber vertrackt konstruiert. Zu sehen ist das Werk in der Bremer Kunsthalle.
05.09.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter Groth

Vor gut einem Jahr war die Große Galerie der Bremer Kunsthalle ähnlich unaufgeräumt wie jetzt. Eine Installation von Jason Rhoades verwandelte die sonst so lichten Südräume des Hauses in ein völlig unübersichtliches Labyrinth. Nun folgt der Schweizer Thomas Hirschhorn, dessen raumgreifende Arbeit weniger anrüchig als die von Rhoades, aber ebenso unüberschaubar inszeniert ist.

Eine Ruine in drei Räumen hat Hirschhorn konzipiert – nicht schön, aber faszinierend in ihrer Vielfalt, nicht sauber gebaut, aber vertrackt konstruiert, so dass diese voluminöse Installation hinter jeder Ecke und jedem Durchgang überraschende Einblicke gewährt.

Zerstörte römische Siedlungen, unter kriegerischem Bombenhagel ruinierte Straßen, verlassene Fabriken in Detroit, ein komplett außer Gefecht gesetzter Atomreaktor Tschernobyl und die Sprengung von Weltkulturerbe-Stätten in Palmyra – das Thema Ruine beschäftigt den politisch denkenden Künstler Hirschhorn seit langem und aus bitteren aktuellen Anlässen immer wieder. So sinnlos wie die zeit- und ortlose Zerstörung von Städten, Industrieanlagen und Kulturgütern, so befreit von jedem Sinn sieht Hirschhorn auch seine Arbeit.

Ort der Zerstörung

Eine Ruine, so lautet sein Credo, ist nicht interessant, weil sie die Menschen ästhetisch fasziniert. Es ist eher die Gewissheit, dass am Ort der Zerstörung etwas Grauenhaftes geschehen ist und dass es an dieser Stelle (meistens) etwas Neues geben kann. Ihn interessiert also die Form seines Kunstwerks, wie bei Beuys der Prozess ihrer Entstehung. Der Besucher dieses Kunstwerks könnte also über die Besichtigung zum Nachdenken angeregt werden, könnte sich als sehender Mensch aber auch von der Ästhetik dieser Arbeit faszinieren lassen.

Wer Thomas Hirschhorns Arbeiten 1997 im Künstlerhaus Bremen, später auf der Documenta 2002 und der Manifesta 10 in St. Petersburg oder aktuell auf der Venedig-Biennale und in London gesehen hat, weiß, dass der herkömmliche Schönheitsbegriff für ihn keine Bedeutung hat. Sein Team und er arbeiten mit billigsten Materialien, die auch noch so zusammengefügt sind, dass Präzision oder gar handwerkliche Vollkommenheit nicht erkennbar sind. Die auf- und absteigenden Fußböden sind mit billigem Stoff belegt, der Himmel hängt voller Styropor- und Schaumgummimatten. Aus grau gestrichener Pappe sind Wände, künstliche, dicke Pfeiler, Pakethaufen, abgebrochene Treppen und künstliche Fensterbögen. Selbst die geschwärzte Feuerstelle und die abgebrochenen Stahlträger sind täuschend echt aus Pappe nachgebildet. Und dann das billige Paketklebeband: Überall hängt dieses Zeugs gebündelt, versperrt den geraden Weg. Man irrt durch drei labyrinthische Räume, staunt und ahnt den hier betriebenen Arbeitsaufwand. Einzig Totenköpfe und Sinnsprüche („Kunst ist kein Verbrechen“ oder „Kunst ist die schönste Lüge“) auf gelb-schwarzem Grund durchbrechen farblich das grau-braune, von grellen Scheinwerfern und handelsüblichen Leuchtstoffröhren erhellte Szenario.

Und dann sind da noch fünf bedeutende Gemälde aus der Sammlung des Bremer Kunstvereins, die in dieser von dessen Förderkreis für Gegenwartskunst ermöglichten Ausstellung auf Wunsch Hirschhorns ihren Platz gefunden haben. Caspar David Friedrichs „Das Friedhofstor“, Franz Marcs „Reh im Blumengarten“, Oskar Schlemmers „Komposition mit vier Figuren“ und André Massons um 1937 gemalte Szene „Nach der Exekution“ hängen, nicht immer sofort zu entdecken, in dieser Ruine. Und zwar nicht korrekt gerade, sondern bewusst schief und schräg platziert.

Potemkinsches Dorf

Warum Hirschhorn gerade diese Bilder wählte, erklärt er in einem kleinen Heft, das am Eingang zur Ruine kostenlos ausliegt. Die Bezüge zu Hirschhorns Welt aus Pappe sind bei diesen vier Gemälden nicht auf den ersten Blick erkennbar. Einzig im fünften Bildnis, Arnold Böcklins großartiges Gemälde „Der Abenteurer“, korrespondieren die am Strand unter Pferd und Reiter liegenden Knochen und Totenköpfe mit dem gegenüber an der Wand platzierten Totenschädel von Thomas Hirschhorn.

Eine Ausstellung voller Rätsel wie ein Potemkinsches Dorf ist da in einer Woche entstanden. Es lohnt sich trotz mancher verquaster Erklärungen des Künstlers zu seinem Werk im Begleitheft ein Besuch. Hirschhorn nennt seine Ausstellung „Nachwirkung“ – sein politisches und künstlerisches Anliegen ist im Gegensatz zu seinen Materialien nicht von Pappe.

Kunsthalle Bremen; bis 17. Januar 2016. Geöffnet: dienstags 10-21 Uhr, mittwochs bis sonntags 10-17 Uhr. Infos zum Begleitprogramm unter www.kunsthalle-bremen.de im Netz.

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