David Hockney im Bucerius Kunst Forum

Porträt eines Vielseitigen

Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg widmet dem britischen Maler David Hockney eine große Retrospektive. 100 Bilder, vor allem aus der Londoner Tate Gallery, sind zu sehen.
01.02.2020, 08:00
Lesedauer: 3 Min
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Porträt eines Vielseitigen
Von Iris Hetscher
Porträt eines Vielseitigen

"My Parents" (meine Eltern) hat David Hockney dieses 1977 entstandene Bild genannt.

Bilder: David Hockney, Fotos: Tate

Hamburg. Er ist der Mann mit dem Swimmingpool. Der britische Maler David Hockney ist mit seinem Gemälde „A Bigger Splash“ von 1967 in Übersichten wie „Die wichtigsten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts“ vertreten. Das Bild zeigt einen Pool mit Sprungbrett und hochspritzendem Wasser, nachdem jemand hineingesprungen ist. Im Hintergrund sieht man einen Bungalow und zwei Palmen, alles in naturalistischer Manier gemalt, fast schmerzhaft klar abgezirkelt, in strahlenden Farben. Das genau ist David Hockney. Oder?

Dieser Frage kann man im Bucerius Kunst Forum auf den Grund gehen. Das Hamburger Ausstellungshaus zeigt 100 Werke des 82-Jährigen in seiner Schau „David Hockney. Die Tate zu Gast“. Der Doppeltitel verweist auf die Hauptquelle, die Kuratorin Kathrin Baumstark angezapft hat: Die Londoner Tate Gallery, die eine umfassende Sammlung mit Werken des Malers besitzt. Unter anderem auch „A Bigger Splash“, doch ausgerechnet dieses Bild ist in Hamburg nicht zu sehen. Das ist vielleicht ganz gut so, denn ein Werk, das so stark mit Hockney identifiziert wird, hätte das Konzept der Ausstellung eher gestört. Die stellt Hockney als einen Künstler vor, der sich in den (bisher!) 60 Jahren seines Schaffens immer wieder neu erfunden hat. Er ist ein Neugieriger, der Themen wie (Mal)-Techniken ausprobiert. Der früh mit den Möglichkeiten der Digitalfotografie experimentiert und sich 2010 das erste iPad kauft und es für seine Landschaftsbilder nutzt.

David Hockney wurde 1937 in Bradford geboren, mit 16 Jahren schreibt er sich an der dortigen Kunstschule ein und lernt die Grundlagen figurativen Zeichnens und Malens. Nach seinem Abschluss beherrscht er zwar das Handwerk, doch er möchte mehr lernen über moderne Kunst und tut dies am Royal College of Art in London. In den ersten Bildern der chronologisch angelegten Ausstellung zeigt sich bereits, wie Hockney zeitgenössische Strömungen reflektiert: Das Abstrakte und die amerikanische Farbfeldmalerei sind nicht seins. Er malt gegenständlich, aber nicht realistisch, oft wirken die Werke fragmentarisch. Das Bild „Doll Boy“ (1960/61) beispielsweise, ausgeliehen aus der Hamburger Kunsthalle, zeigt eine Figur, die unter der oberen, gelb-roten Bildhälfte einknickt, zudem finden sich Graffiti und Anspielungen auf Hockneys Homosexualität. Gepaart ist dies mit einem gewissen Witz. Beim Besuch des Pergamon-Museums in Berlin steht ein Freund für einen Moment genau hinter einer ägyptischen Frauenskulptur, beide werden zum Zufallspaar, das sich auf dem Bild „First Marriage“ vermählt.

Der Betrachter als Mitwisser

Los Angeles wird für ihn in den 1960er-Jahren der Ort, an dem er neue Motive und Darstellungsweisen findet, ihn faszinieren das gleißende Licht und die geometrische Architektur, aber auch die Möglichkeit, als schwuler Mann unbeschränkter zu leben. Es entstehen Werke wie „Hollywood Garden“ oder Bilder athletischer Männer beim Duschen. Überhaupt beschäftigt ihn die Darstellbarkeit von Wasser, diesem Element, das ständig in Bewegung ist. Als er sich eine Fotokamera kauft, beginnt er, sich intensiver mit Licht, Schatten und Raumtiefe zu befassen. Und mit dem Thema Perspektive.

Naturalistische Porträtbilder entstehen, die fast so bekannt sind wie seine Swimmingpool-Bilder: „My Parents“, „Mr. and Mrs. Clarke and Percy“. Die Figuren schauen den Betrachter an und machen ihn so zum Mitwisser des Zustands ihrer Beziehungen. Darüber erzählt Hockney, indem er die Protagonisten auf ganz bestimmte Art platziert. Die Eltern sitzen stumm nebeneinander, das Paar, in dessen Ehe es kriselt, schaut sich nicht an. Gespickt sind diese Porträts zudem mit kunstgeschichtlichen Anspielungen – da gibt es die Katze, die für Freigeistigkeit steht, die Lilien für die Unschuld.

Das Thema Perspektive wird Hockney nicht mehr loslassen. „Moving Focus“ heißt der Teil der Ausstellung, der Werke zeigt, die ab Ende der 1970er-Jahre entstanden sind. Hockney relativiert die Zentralperspektive, die den Betrachter in ein zu enges Korsett sperre, denn „das Auge bewegt sich immer, wenn es sich nicht mehr bewegt, ist man tot“. Er beginnt, den Raum in Einzelteile zu zerlegen und die verschiedenen Sichten darauf darzustellen, so bei einer Serie um den Innenhof eines Hotels. Immer wieder benutzt er dabei Stühle als Demonstrationsobjekte, so bei „Pembroke Studio Interior“ oder „The Perspective Lesson“: Die zentralperspektivische Darstellung des Stuhls ist rot durchgestrichen. Bei „Walking Past Two Chairs“, bemalt er sogar Rahmen und Deckglas. Das Abstrakte ist ihm nun näher, eine Serie mit „inneren Landschaften“ kündet davon. Die Ausstellung, die mit dem 2017 entstandenen „In the Studio“ beginnt, endet mit „A Closer Grand Canyon“ von 1998: einer Ansicht auf zwei mal siebeneinhalb Metern, auf 60 zusammengefügten Leinwänden. Hockney, der sich in den 2000ern immer stärker der Landschaftsmalerei zuwendet, verarbeitet darin auch seine Erkenntnis, dass Fotos die Dinge letztlich immer distanziert wiedergeben. Ihm aber geht es darum, dem Betrachter ein Gefühl für den Raum zu vermitteln.

Weitere Informationen

„David Hockney. Die Tate zu Gast.“ Bucerius Kunst Forum Hamburg, bis 10. Mai. Öffnungszeiten: täglich 11-19 Uhr; donnerstags 11-21 Uhr.

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