Bear Family Records

Portrait eines Bremer Ausnahme-Labels

Bremen. Eine kleine Firma in einem Bauernhof im Landkreis Osterholz macht mit aufwendig ausgestatteten CD-Boxen weltweit Furore. Portrait des Ausnahme-Labels Bear Family Records.
09.04.2010, 13:25
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Von Peter Groth
Portrait eines Bremer Ausnahme-Labels

Richard Weize mit einem Buch aus einer der aufwendigen CD-Boxen seines Labels.

Peter von Döllen

Bremen. Eine kleine Firma in einem Bauernhof im Landkreis Osterholz macht mit aufwendig ausgestatteten CD-Boxen weltweit Furore. Portrait des Ausnahme-Labels Bear Family Records.

Als dereinst Johnny Cash die Wiederaufnahmen seiner Songs auf Bear FamilyRecords hörte, war er von der Qualität berührt. Richard Weize, das Trüffelschwein unter den internationalen Musikverlegern, kennt solche Lobeshymnen. Seine kleine Firma in einem umfunktionierten Bauernhof im Landkreis Osterholz macht mit aufwendig ausgestatteten CD-Boxen weltweit Furore.

Bear FamilyRecords hat 2009 in Berlin den "Echo-Ehrenpreis für besondere Verdienste um die Musik" erhalten. 2003 hatte Richard Weizes Label schon den Kritiker-Preis der Deutschen Schallplattenkritik für "langjährigen innovativen Umgang mit Tonträgern" erhalten. Bei der diesjährigen Musikmesse Jazzahead erhalten die Betreiber des Labels den erstmals vergebenen Jahrespreis 2009 der Deutschen Schallplattenkritik.

Solche Auszeichnungen werfen ein Schlaglicht auf ein Unternehmen, dessen 64-jähriger Chef und Gründer Richard Weize einmal gesagt hat, große Verkaufserfolge verführten nur zu Dummheiten. Für Weize zählt nicht Masse, sondern schlicht Klasse, die von ihm verlegten Alben und CD-Boxen stehen in Plattenläden von Tokio bis Paris, zieren die Auslagen des riesigen Virgin Megastores in bester Lage am New Yorker Times Square. Und nicht nur Johnny Cash war von der Qualität der Bärenmarke schwer beeindruckt, Bob Dylan und Lou Reed sind Sammler der BearRecords.

Richard Weize ist ein Mann mit ausgeprägter musikalischer Spürnase. Neue Trends, die Entdeckung junger Talente – nein, damit hat er nichts am Hut. Und die Erschütterungen der Musikindustrie, die händeringend nach neuen Vertriebswegen sucht, sind zwar auch bei Bear FamilyRecords zu spüren. Aber Einfluss auf die Produkte hat diese Erosion einer ganzen Branche kaum – die Bärenfamilie stellt ein musikalisches Luxusprodukt selten in Auflagen von mehr als 3000 Exemplaren her.

Dieses Produkt hat seinen Preis. Eine CD-Box kann schon mal deutlich über 250 Euro kosten. Dafür erhält der Käufer aber auch eine musikalische „Ware“, die ziemlich einzigartig ist. Oder anders ausgedrückt: Wer bei Bear FamilyRecords die aus zwölf CDs und veritablen Begleitbüchern bestehende Box „Jazz in Deutschland“ oder etwa das aus elf Alben bestehende Gesamtwerk Lotte Lenyas erwirbt, muss in dem jeweiligen musikalischen Genre kein Geld mehr ausgeben. Er hat alles (Lotte Lenya) oder er hat damit das Standardwerk der deutschen Jazzgeschichte von 1899 bis heute.

Richard Weizes Philosophie seit Gründung von Bear FamilyRecords: nur die besten Quellen, vollständiges Material und aufwendige Begleittexte, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. „Best of“-Alben oder musikalische Appetithäppchen kommen der Bärenfamilie nicht vom Hof. Bevor Richard Weize mit seinen Bear FamilyRecords von Musikkritikern als die weitweit erste Adresse für CD-Wiederveröffentlichungen gelobt wurde, war er Plattensammler. Seine profunden Kenntnisse nutzte er in den sechziger Jahren, um für Freunde in den USA Platten zu bestellen.

1975 gründete er Bear FamilyRecords in der Bremer Goethestraße. Wenig später zog es Weize und seinen Mitstreiter Hermann Knülle nach Holste-Oldendorf auf den „Bären“-Bauernhof. Dort entstehen die Ideen für die Musik-Boxen. In den ersten Jahren suchte Weize weltweit in den Archiven vor allem nach den Perlen der Country-Musik, später kamen Rock’n’Roll, Bluegrass und andere Stilrichtungen hinzu. Zielsicher spürte Weize in den USA Schätze von Bobby Darin, Merle Haggard, von Ricky Nelson, Johnny Cash oder alle Titel von Eddie Cochran auf. Richard Weize hat jedoch nicht nur in den USA nach musikalischen Trüffeln gesucht.

Unter den inzwischen weit mehr als 300 opulenten CD-Boxen und unzähligen Einzel-CDs finden sich auch zahllose Raritäten aus deutschen Landen. 200 Variationen des Titels „Lili Marleen“ auf sieben CDs in unzähligen Sprachen in 526 Minuten, Gisela May komplett, das Lebenswerk von Caterina Valente, Lotte Lenya oder Friedrich Hollaender, das jüdische Musikleben in Berlin zwischen 1933 und 1938 – Richard Weize hat daraus prächtige Zusammenstellungen entwickelt.

Zum 100. Geburtstag von Heinz Ehrhardt hat Bear Familyjetzt auch ein Album im Sortiment. Nicht die üblichen Schmonzetten – Bear Familyhat natürlich 14 verschollen geglaubte Aufnahmen des musikalischen Komikers entdeckt und nun wiederveröffentlicht.

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