„All das Schöne“ am Theater Bremen

Plötzlich Millionärin

Susanne Schrader zeigt am Theater Bremen in dem Monolog „All das Schöne“, was das Leben lebenswert macht. Das passt auf keinen Fall auf ein einziges Blatt Papier.
08.09.2020, 10:04
Lesedauer: 3 Min
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Plötzlich Millionärin
Von Iris Hetscher
Plötzlich Millionärin

Musik kann trösten, Begeisterung auslösen und noch viele Tausend Dinge mehr: Susanne Schrader und ihr Plattenspieler.

jörg landsberg

Bremen. Das ist zunächst die Sache mit Trotzki. Sie ist sieben Jahre alt, als Trotzki stirbt. Eine Tierärztin setzt ihm eine Spritze, und dann wird ihr Hund „leichter oder schwererer, jedenfalls anders“. Und er wird „weggeschafft für immer“. Zwei Jahre später dann die Sache mit ihrer Mutter. Der Vater holt sie von der Schule ab, man fährt gemeinsam zum Krankenhaus. Die Mutter hat versucht, sich das Leben zu nehmen, „weil sie nichts findet, für das es sich zu leben lohnt“. Aber da gibt es doch so viel! Von daher fängt sie mit einer Liste als Antidepressivum an: 1. Ein Eis am Stiel, 2. Wasserschlachten. . .

Susanne Schrader spielt die namenlos bleibende Hauptfigur in dem 60-minütigen Monolog „All das Schöne“, der am Sonntag im Theater am Goetheplatz Premiere feierte. Das Stück „Every Brilliant Thing“ des britischen Autors Duncan MacMillan, das dieser für und gemeinsam mit dem Schauspieler Jonny Donahoe entwickelt hat, kreist um das Thema Depression, ohne jemals in Schwerblütigkeit abzurutschen. Der Trick ist diese ins Unendliche verlängerte Liste, auf der das Kind, dann der Teenager, schließlich die (junge) Frau all die Dinge vermerkt, die ihr ein Leuchten ins Gesicht, ein Lächeln auf die Lippen und somit ein allumfassend gutes Gefühl zaubern. Obwohl nicht nur die Mutter, sondern auch die Hauptfigur immer wieder Phasen durchlebt, in denen eine dumpfe Traurigkeit die Oberhand gewinnt.

Mehrere Glücksfälle

Überhaupt, die Mutter. Immer wieder wird ihr die Liste nahe gebracht, auch mal in Obst geschnitzt oder ins Innere von Cornflakes-Packungen gekritzelt. Doch sie reagiert nicht. Als ihr Suizid gelingt, liegen ein Stift und ein leeres Blatt Papier neben ihr. Die Liste der Tochter gerät in Vergessenheit, um dann plötzlich hervorgekramt und weiter geschrieben zu werden. Immer wieder. Und irgendwann nicht mehr nur von der Hauptfigur, sondern auch von anderen, die sie mögen.

„All das Schöne“ ist der Glücksfall eines Stücks, das komisch ist, gleichzeitig nachdenklich und deshalb sehr anrührend. Das die leichte Hand und den trockenen Humor britischer Theaterautoren aufweist, deren Dramatik nicht notwendig bis in alle Ewigkeit bestehen, sondern manchmal nur einen Aspekt des Lebens fokussieren will. Denn natürlich ist die Essenz von „All das Schöne“ banal – nicht grübeln, sondern freuen, bitte! An Vogelgesang und Sonnenschein, an Kaffee, der Stimme von Robert de Niro, dem sexy Andre Agassi und jemandem, mit dem man kuscheln kann. Aber sich vorbehaltlos zu freuen ist ja viel schwieriger als gedacht, weil es oft ein Trotzdem gibt, das parallel aufblitzt.

Bei der Inszenierung am Theater Bremen heißen die Glücksfälle Susanne Schrader und Klaus Schumacher. Susanne Schrader, ganz leger in schwarzer Hose und weiter hellblauer Bluse (Kostüm: Gabrielle-Marie Servane Renard), wollte man eigentlich immer schon mal in einem Solo sehen. Sie schafft es mühelos, alle Schattierungen von Himmelblau bis Grau-in-Grau, die die Befindlichkeit ihrer Figur ausmachen, auszumalen und gleichzeitig eine Atmosphäre großer Warmherzigkeit zu kreieren. Regisseur Klaus Schumacher hat den Monolog seiner Darstellerin mit einigen Kniffen begleitet, die vor allem Hilfestellung von den Zuschauerinnen und Zuschauern bedeuten. Das Premierenpublikum zeigte sich kooperativ und mimte temporäre Gegenüber wie Tierärztin, Schulpsychologin, Vater und Geliebten mit viel Kreativität.

Die Liste verändert im Laufe der Zeit ihren Schwerpunkt: materielle Dinge werden unwichtiger. Schon für den Teenager spielen „die Stimme von Kate Bush“ und „mit jemandem so vertraut sein, dass man ihn nachgucken lässt, ob man Brokkoli-Reste in der Zahnspange hat“ gewichtige Rollen. Die verliebte Studentin tanzt zu „Sexual Healing“ von Marvin Gaye über die Bühne. Überhaupt erweist sich Musik als eine ganz gewaltige Macht, um negative Gefühle in Zaum zu bekommen; sie bestimmt einige Einträge auf der Liste. Und plötzlich ist die Million geschafft. Die erste soll ja immer die schwerste sein.

Weitere Informationen

Die nächsten Termine: 20. September, 19.30 Uhr, 4. Oktober, 20 Uhr, 18. Oktober, 11 Uhr.

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