Premiere von „Trüffel, Trüffel, Trüffel“

In der Scheinchen-Welt

Regisseur Felix Rothenhäusler inszeniert Eugène Labiches Komödie „Trüffel, Trüffel, Trüffel“ am Theater Bremen. Dabei überdreht er das Stück ins Groteske und Abstrakte.
13.09.2020, 21:32
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In der Scheinchen-Welt
Von Iris Hetscher

Tempo, Tempo, Tempo: Das ist die wesentliche Zutat, mit der Regisseur Felix Rothenhäusler am Theater Bremen eine französische Gesellschaftskomödie aus dem 19. Jahrhundert inszeniert. „Trüffel, Trüffel, Trüffel“ heißt sie, und diese Aufzählung kommt im Stück als ein wie im Rausch herausgeschleuderter Befehl vor. Immer mehr haben zu wollen ist die eine, immer mehr gelten zu wollen als man ist, die andere und vielleicht die stärkere der beiden Drogen. Eugène Labiche hat diese Scheinchen-Welt, in der jeder dem anderen Sand in die Augen streuen will, (der Originaltitel des Stücks lautet: „La poudre aux yeux“) in einen fulminanten Schlagabtausch übersetzt, den Rothenhäusler ins Groteske überdreht hat.

Es geht um die Familien Malingear und Ratinois und deren heiratswillige Kinder. Frédéric (Matthieu Svetchine) und Emmeline (Deniz Orta) spielen allerdings nur Nebenrollen. Die Eltern beginnen sofort, sich zu spreizen, als sie von der Zuneigung der beiden zueinander erfahren. Vor allem die Mütter schlagen imaginäre Pfauenräder, dass es eine Lust ist. So wird der erfolglose Quacksalber Monsieur Malingear (Nadine Geyersbach) zum Promi-­Arzt, der eine Gräfin zu seinen Patienten zählt. Ratinois (Shirin Eissa) wiederum versucht, seine Vergangenheit als Konditor zu veredeln – „mein Mann ist im Zucker-­Business“, sagt dazu die Gattin (Irene Kleinschmidt). Denn: „Wer nichts riskiert, hat schon verloren“, heißt es an einer anderen Stelle.

Die insgesamt acht Akteurinnen und Akteure hat Rothenhäusler auf der ansonsten leeren Bühne des Theaters am Goetheplatz nebeneinander platziert. Männer spielen Frauen und umgekehrt, und Elke von Sivers hat allen zudem absurde Outfits verpasst. Denn: Es gibt keine klaren Rollenzuschreibungen, die Zuschauer müssen sich, ähnlich übrigens wie bei der misslungenen „Fledermaus“-­Inszenierung vor einiger Zeit, selbst zusammenpuzzeln, wer wen darstellt.

Rothenhäusler übersetzt die Situationen ins Abstrakte, ins Metaphorische und reduziert dazu auch die Aktionen auf ein absolutes Minimum. Das ist das Rezept, nach dem er inszeniert, und das im Moment fast schon unheimlich genau in eine Zeit passt, in der Turbulenzen auf der Bühne tabu sind.

Dazu gehört auch die große Spiegelwand als einziges Bühnenbildelement, in der
das Publikum sich (wieder)erkennen kann und soll. Das allerdings ist dann doch ein ­etwas plumper Fingerzeig (Bühne: Katharina Pia Schütz), dass natürlich alle, alle, alle ­gemeint sind mit ihrem Bemühen, ein mühsam aufgehübschtes Image aufrechtzuer­halten.

Die große Stärke der Inszenierung ist ihre Musikalität. Im Hintergrund pulsiert kaum vernehmbar ein Beat als Grundlage für die rasant gesprochenen Monologe und die hin- und her fliegenden Dialogzeilen. Die haben einen Rhythmus, den die acht Ensemblemitglieder so beeindruckend perfekt verinnerlicht haben wie eine Band, die den 60-minütigen Remix eines ihrer Hits spielt.

Leo-Optik und Atombusen

Manchmal steigert sich das Ganze zu einem Dialog, der einem Maschinengewehrfeuer gleicht, wenn die Damen und Herren die Preise für Ausstattung und Aussteuer des junges Paars wie bei einer Auktion nach oben treiben. Der Text, neu und spritzig übersetzt von Tobias Haberkorn, entwickelt so ganz von ­allein seine fies-funkelnde Komik.

Tatsächlich musiziert wird auch, von Deniz Orta als Emmeline, die den technisch schwierigsten Part zu bewältigen hat. Ausgestattet mit Feenfügeln, roten Edel-Adiletten, einer blonden Langhaarperücke und vor allem einem riesigen Kunstgebiss muss sie singen. Weil die Eltern sie als höhere Tochter ­vermarkten wollen.

Und so richtet sie beispielsweise einen Song von Adele geradezu königlich hin, minutenlang und mit Vehemenz. Emil Borgeest ist in Leo-Optik und mit Atombusen eine schrill-­dominante Madame Malingear, Nadine Geyersbach in überdimensioniertem Anzug ihr tumber, aber im Schnellsprech sehr geübter Gatte. Neuzugang Shirin Eissa (mit blondem Vokuhila und Schnurrbart) ist als Monsieur Ratinois schön naiv-verplappert, Irene Kleinschmidt wirkt als seine Gattin in Kreischbunt eher verschlagen.

Und dann gibt es da noch Onkel Robert, den Fania Sorel als einfach gestrickten Typen spielt, der mächtig stolz darauf ist, sich hochgearbeitet zu haben. Der Unterschied zu allen anderen: Onkel Robert hat tatsächlich Geld. In seinem weißen Hotel-Bademantel wirkt er daher wie ein Gast in dieser überkandidelten Welt. Viel Applaus für das Ensemble und das Regie-Team.

Weitere Informationen

Die nächsten Termine: 20. September, 15.30 Uhr; 4. Oktober, 15.30 Uhr; 10. Oktober, 18 Uhr und 20 Uhr. Spieldauer: 60 Minuten.

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