Musikspektakel in Kleinen Haus

Probate Projektionsfläche

Armin Petras zeigt eine Bremer Fassung seiner Stuttgarter Inszenierung von „Lulu – Ein Rock-Vaudeville“
12.01.2019, 15:50
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Probate Projektionsfläche
Von Hendrik Werner
Probate Projektionsfläche

Gossenmädchen als Go-go-Girl: Vorne tänzelt Lulu (Sandra Gerling), hinter ihr formiert sich ein gut gefedertes Karnevalskollektiv mit Simon Zigah, Mirjam Rast, Andreas Leupold, Berit Jentzsch und Ferdinand Lehmann (von links).

JÖRG LANDSBERG

Bremen. Ganz schön viel Papier hier, im Kleinen Haus, in dem Texte doch üblicherweise verkörpert und gesprochen statt ans Publikum verteilt und im Zuschauerraum ausgestellt werden. Schon beim Einlass wird jedem Besucher eine Ansichtskarte in die Hand gedrückt, deren Vorderseite ein ausgestopftes Mischwesen ziert, eine Mixtur aus Fuchs und Hase. Ohne Gute-Nacht-Gruß zwar, dafür mit schief appliziertem Geweih und einer Anmutung, die zugleich monströs und unheimlich, abgeschmackt und lächerlich ist.

„You're such a pervert“ steht auf der Rückseite der Karte, und weil es in der Welt der Unterhaltung noch andere Perversionen gibt als gekreuzte und gekreuzigte Kreaturen, fliegen im Verlauf der zweistündigen Revue auch noch etliche 1000-Dollar-Scheine durch die vorderen Reihen. Falschgeld zwar, aber wo Fantasie und menschliche Hybris seltsame Blüten treiben, kommt es nicht darauf an, in welche Währung ein Spektakel umgemünzt wird. Hauptsache: schöner Schein. Hauptsache: effektives Entertainment. Show must go on. Auch in der sogenannten Hochkultur.

Papierne Figur

Als papierne Figur tritt gewissermaßen auch die Titelfigur des bunten Abends auf, eine gewisse Lulu. Ein ums andere Mal zusammengefaltet, zerknüllt, zerknittert, zerrissen, durchlöchert und zerfetzt im Lauf der 120-jährigen Rezeptionsgeschichte, dann wieder neu zusammengesetzt im gewaltförmigen Reigen der Textaneignungen, Überschreibungen, Neuinszenierungen. Dekonstruktion folgt auf Konstruktion, Adaption auf Adaption, Lesart auf Lesart, Popanz auf Popanz im Dienste schwüler Theatralität von Susanne Lothar (1988) bis Anne Tismer (2004). Eine probate Projektionsfläche, zumal für Männer, ein Me-too-Charakter avant la lettre, geschaffen vom Hannoveraner Dichter Frank Wedekind, dessen 100. Todestag am 9. März 2018 begangen wurde. Inspiration nicht zuletzt für den Tonsetzer Alban Berg, der Wedekinds Ur-Lulu-Tragödien „Erdgeist“ (1895) und „Die Büchse der Pandora“ (1902) in eine 1937 uraufgeführte Oper umwidmete, die am 27. Januar am Goetheplatz eine weitere Inszenierung erfährt – samt renoviertem dritten Akt.

Bestens vorbereitet auf alle Ausschlachtungen des biegsamen Stoffes und seiner aus Zuschreibungen gewobenen Protagonistin sind Musiktheatergänger, die vor der Singspielpremiere Armin Petras' Inszenierung von „Lulu – Ein Rock-Vaudeville“ gesehen haben, die stürmischen Applaus einfährt. Ein vor anarchischen Einfällen überbordendes Wundertütenstück führt der mehr auf aparte Action denn auf philologische Finessen bedachte Regisseur vor. Ein von Wedekind-Texten gereinigtes Spektakel, das auf „Lulu – A Murder Ballad“ (2014) fußt, einer musikalischen Modellierung des Vamp-Beute-Engel-Teufel-Heilige-Hure-Mörderin-Opfer-Opus in 18 kraftvollen Songs. Geschrieben wurden sie von The Tiger Lillies, einer 1989 gegründeten britischen Band, die literarische Leidensgeschichtsschreibung von Hamlet über Woyzeck bis Franz Biberkopf gut und gern zu tragikomischen Zirkusprogrammen umformt, in denen das gesetzlose Kabarett der Weimarer Republik ebenso echot wie der Humor-Wildwuchs der Monty Pythons und das bühnentaugliche Gerumpel des Sängers Tom Waits.

Es handelt sich bei dieser bemerkenswerten Schau um die freundliche Übernahme einer Produktion aus Petras' Zeit als inszenierender Schauspielintendant in Stuttgart. Baujahr 2017. Mit einer abgeranzten Gothic-Kulisse (Julian Marbach), die jeder einschlägigen Party zur Ehre gereichen würde. Mit fantastischen Kostümen (Anette Riedel), die alle vorgeführten Bühnenspielarten von Mummenschanz über Zirkusakrobatik, Liederabend und Karneval bis Pantomime stimmig abdecken. Und mit Miles Perkin als einem musikalischen Leiter, der als Sänger und Multiinstrumentalist von der schrammeligen Jahrmarktballade bis zur ausgelassenen Balkan-Punk-Zugabe begeistert.

Vier Akteure hat Petras mitgebracht: Sandra Gerling spielt die Titel-Kunstfigur, die alle Mythen des Weiblichen vereint, mal als laszive Animateurin, die das Publikum frontal angeht, mal als zigfach missbrauchtes Starlet. Andreas Leupold mimt Dr. Goll, Lulus zweiten Zuckervati; Ferdinand Lehmann, seit dieser Spielzeit in Bremen, spricht und trommelt druckvoll als Alva, Choreografin Berit Jentzsch übernimmt hübsch widerwillig den Part der lesbischen Gräfin Gäschwitz. Verstärkt werden sie durch hiesige Akteure: Mirjam Rast spielt und singt bravourös Jack the Ripper, Alexander Angeletta erfreut als Aktionsmaler und Brachialrockinterpret, und Simon Zigah macht trotz angeschlagener Stimme als Bläser, Sänger und Pianist einen tollen Job.

Weitere Informationen

Nächste Aufführungen im Kleinen Haus:

17. Januar, 20 Uhr; 10. Februar, 18.30 Uhr.

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