Interview mit Sascha Grammel „Probleme und Sorgen einfach mal draußen lassen“

Am 11. April 2018 kommt Puppen-Comedian Sascha Grammel in die Bremer ÖVB-Arena. Im Interview spricht er über seinen Werdegang, seine Macken und seine Puppen.
14.07.2017, 19:29
Lesedauer: 4 Min
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„Probleme und Sorgen einfach mal draußen lassen“
Von Alexandra Knief

Herr Grammel, erste Bühnenerfahrungen haben sie als Mitglied im „Magischen Zirkel“ als Zauberkünstler gemacht. Wie kamen Sie von der Zauberei zum Bauch­reden?

Sascha Grammel: Ich zog mir bequeme Schuhe an und ging die paar Meter zu Fuß. Nein, im Ernst: Bauchreden ist ja eigentlich auch nur eine Form von Zauberei, nämlich die Illusion, dass die Puppen neben mir selbstständig handeln und sprechen können. Gelingt diese Illusion, vergessen die Zuschauer sehr schnell, dass ich mich in Wirklichkeit jeden Abend auf der Bühne zweieinhalb Stunden mit mir selbst unterhalte. Ein Umstand, der mich eigent­­lich nachdenklich machen sollte. Haben Sie zufällig die Nummer von einem guten Arzt?

Gefühlt war das Bauchreden lange Zeit aus der Mode gekommen. Sie füllen große Hallen. Was machen Sie bei Ihrer Puppet-Comedy anders?

Da fragen Sie den Falschen. Das müssten eigentlich die Zuschauer beantworten. Ich habe, als ich damals mit dem Bauchreden begann, selbst vieles als verstaubt und antiquiert empfunden, die Technik und die Tatsache, einer Puppe durch meine Stimme einen eigenen Charakter zu geben, fand ich aber mega-reizvoll. Ich habe dann Stück um Stück die reine Bauchrednertechnik um frische und neue Elemente aus dem Puppenspiel und der Stand-up-Comedy erweitert und auch am – nennen wir‘s – „Innenleben“ der Puppen viel gearbeitet. Und schon war die „Puppet Comedy“ geboren.

Eigentlich sind sie ausgebildeter Zahntechniker. Das ist ja nicht unbedingt ein Job, den man mit viel Humor verbindet.

Kommt drauf an: Ein guter Zahntechniker kann einem schon ein tolles Lächeln ins Gebiss, äh Gesicht zaubern. Auch in dem Berufszweig gibt‘s große Talente und auf der anderen Seite: mich. Ich sag‘s mal so: Als ich mich vom Zahntechnikerberuf verabschiedet habe, um als Puppet-Comedian zu arbeiten, waren beide glücklich, ich und die Zahntechnik.

Wie entwickeln Sie Ihre Figuren?

Die ersten Entwürfe mache ich immer selbst. Ich hab da meist eine recht konkrete Idee im Kopf, die ich dann auf Papier bringe. Danach zeichnet ein Comiczeichner alles noch einmal dreidimensional und von allen Seiten. Nach diesen Vorgaben arbeitet dann inzwischen ein ganzes Team aus Puppenbauern daran, aus den Zeichnungen eine fertige Puppe entstehen zu lassen. Eine Schneiderin kleidet die Puppen ein und
zusammen mit meinem Mechaniker bespreche und erarbeite ich dann die für jede Puppe komplett eigenen, speziellen Bewegungsmöglichkeiten. Das kann einige Wochen bis Monate dauern.

Haben Ihre Figuren auch Eigenschaften von ihrem Erfinder?

Naja, Frederic ist sicherlich so etwas wie mein Alter Ego. Er darf sagen und tun, was ich mich wohl nicht traue. Da sollte vielleicht mal ein Psychologe drauf schauen. In Josie findet man sicher meinen Hang zur Gemütlichkeit wieder. Man kann fast alles besser langsam machen, ist mir irgendwann mal aufgefallen. Professor Hacke lebt meinen analytischen Verstand auf der Bühne aus, und von Mieze habe ich wohl die gewählte Ausdrucksweise und die leichte Kurzsichtigkeit. Und manchmal die Schuppen. Ach und meine Füße riechen zwischendurch schon mal wie der Käse der Wahrheit. Ich habe wohl von jedem etwas.

Wenn Sie eine Figur erfinden müssten, die quasi ihr fiktives Abbild wäre – wie sähe die aus?

Sie würde aussehen wie ich, nur ganz aus Sellerie. Nachts wäre sie wie alle anderen Katzen grau, und wenn sie sich versteckt, kann man sie nicht mehr sehen. Neijj. Doch. Miauuu!

Wenn man so viel Zeit mit seinen Puppen verbringt, fängt man dann irgendwann damit an, auch fernab der Bühne mit ihnen zu sprechen?

Nein, zum Glück ist es soweit doch noch nicht, dass ich auch in meiner Freizeit mit meinen Puppenkollegen rede; ich habe ganz normale Freunde und Bekannte aus Fleisch und Blut und versuche auch, fernab der Bühne ein ganz normales Leben zu führen.

In ihrem aktuellen Programm gibt es eine neue Figur. Halb Fisch, halb Katze. Erklären Sie doch mal, wie es zu dieser Kreuzung kam.

Die Geschichte ist fast autobiogra“fisch“. Ich habe mir als Kind immer eine Katze gewünscht – und nie eine bekommen. Da gab es regelmäßig Tränen, aber meine Eltern ließen sich einfach nicht erweichen. Uns fehlte damals einfach in der Wohnung der Platz für eine Katze. Aber einen Fisch, den durfte ich haben und hatte ihn auch. Jetzt, siebenunddreißig Jahre später, habe ich sogar beides! Ätsch!

Aktuelle gesellschaftliche oder politische Themen blenden Sie aus ihren Programmen vollkommen aus. Warum?

Ich habe mich sehr früh entschlossen, die Menschen in meinen Programmen für zweieinhalb Stunden zu entführen und den Alltag mit all‘ seinen Problemen und Sorgen einfach mal draußen zu lassen. Und das tue ich konsequent. Wer zu mir kommt, der weiß: Beim Grammel darf ich noch mal Kind sein, albern sein, träumen, kann mit und über einen sprechenden Hamburger, einen vorlauten Adlerfasan, eine naive Schildkröte, einen sechsarmigen Außerirdischen und über einen Käse lachen und der superskurrilen Gedankenwelt eines berlinernden Katzenfisches lauschen. Und unbeschwert Spaß haben. Bei mir gibt es keine negativen Überraschungen, wir feiern einen großen „Kindergeburtstag“, und jeder, der jung im Herzen ist – oder es wieder werden will – , ist herzlich eingeladen.

Das Interview führte Alexandra Knief.

Am Sonnabend tritt Sascha Grammel in der ÖVB-Arena auf. Die Show ist ausverkauft. Weiterer Termin: Mittwoch, 11. April 2018.
Zur Person

Zur Person

Sascha Grammel (43) ist ein deutscher Puppenspieler, Komiker und Bauchredner aus Berlin. In seiner von Selbstironie geprägten Puppet-Comedy verbindet er die Kunst des Bauchredens mit Comedy-Elementen. Aktuell ist er mit seinem dritten Soloprogramm „Ich find‘s lustig“ unterwegs.
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