Kitsch, Glitzer und Glamour werden zu Weihnachten hochgeschätzt ‒ völlig zu Recht / Eine Betrachtung von Iris Hetscher Puderzucker für die Seele

Wer in den Wochen vor Weihnachten durch die Innenstädte läuft, kann dem Glitzern, Glänzen, Leuchten nicht entgehen. Überall blinken Lämpchen, oft zu Lichterketten vereint, Weihnachtssterne strahlen vor sich hin.
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Puderzucker für die Seele
Von Iris Hetscher

Wer in den Wochen vor Weihnachten durch die Innenstädte läuft, kann dem Glitzern, Glänzen, Leuchten nicht entgehen. Überall blinken Lämpchen, oft zu Lichterketten vereint, Weihnachtssterne strahlen vor sich hin. Doch das ist nicht alles. Auch die Menschen selbst funkeln stärker als sonst. Mützen und Pullover sind mit Strass-Applikationen versehen, die Nägel werden gliterzig lackiert, silberfarbene Sneaker mit Swarowski-Steinchen verziert sind durchaus im Trend und werden nicht – Achtung! – als Kitsch abgestempelt.

Und selbst wenn: Dieser Begriff verliert verlässlich flächendeckend in der Vorweihnachtszeit seine Schreckenswirkung. Kaum brennt die erste Kerze am Kranz, wird gemütsmäßig der Schalter umgelegt. Menschen, die sich ansonsten nicht einmal mit rosafarbenen Handtüchern die Fingerspitzen abtrocknen würden, schwärmen von prächtig geschmückten Weihnachtsbäumen. Hängen mit Goldlack besprühte Herrnhuter Sterne ins Fenster, trinken Bananen-Bratapfel-Tee aus Tassen, die mit glotzäugigen Rentieren verziert sind. Lassen es glitzern, wo es nur geht. Früher mag mehr Lametta gewesen sein, heute ist definitiv der allgemeine Glamourfaktor höher. Und das ist gut so. Denn das ist der Puderzucker, den die Seele manchmal braucht.

Wer sich ab und an leichteren oder schwereren Formen des Kitsches hingibt, ist nicht bar jedes guten Geschmacks. Er sieht die Welt nur gerne mal etwas spielerischer, weniger in rigide Bewertungsschemata eingeteilt. Der Hang zum Kitsch hat immer etwas von der Sehnsucht nach Unkompliziertheit, nach den ganz einfachen Formen, besonders runden Kindergesichtern, so richtig großäugigen Rehen, Glöckchengeklimper in „Wonderful Christmas Time“. Nach heimelig wirkenden Farben wie Rot und Gold und Dingen, die das Licht reflektieren und vermehren. Licht, das in der dunklen Jahreszeit Mangelware ist und dessen froh stimmende Wirkung nicht unterschätzt werden kann. Let it snow? Fehlanzeige in Norddeutschland. Also: Let it glitter!

Kitsch ist inzwischen sowieso längst nicht mehr so anrüchig, wie er es lange war, er ist durch allerlei postmoderne Schleudergänge gegangen, hängt in Museen und Galerien. Gestrengen Herren wie dem Philosophen Theodor W. Adorno, der ihn vor mehr als 50 Jahren als etwas „dümmlich Tröstendes“ verdammte, würde das sicher missfallen. Aber der Imagewandel des Banalen zeigt auch, wie sich die Kriterien durch die Zeitläufte verschieben. Der Kern des Kitsches ist das leicht reproduzierbare Stereotyp, das sich, im Gegensatz zum genuinen Kunstwerk, der Interpretation verweigert. Kitsch is Kitsch und nichts anderes – das deutsche Wort hat sich als unübersetzbar auch in anderen Sprache eingenistet; im Englischen und im Türkischen etwa.

Kitsch ist längst Teil der Popkultur – er firmiert inzwischen auch unter Decknamen wie Camp, Trash, Kult und wird in der Kunstszene gerne ironisch gebrochen genossen. Andere ergötzen sich offensiv an ihm, die Übergänge sind fließend, Dogma war gestern. Die Netzgemeinde hat den Kitsch natürlich auch für sich entdeckt und macht den Halli-Hallo-Läden in den Innenstädten Konkurrenz. Es gibt Online-Shops wie „Kitsch-Nation“, „my.kitsch“, die auch „Kitsch-Restposten“ im Angebot haben. Bei amazon ist die CD „A Kitsch Christmas“ ausverkauft. „holykitsch.com“ vertickt dagegen noch die Ohrstöpsel „Last Christmas“, die laut Eigenwerbung auch gegen „Driving Home for Christmas“ helfen. Etwas verkitschen heißt im Jiddischen, man verkauft etwas, das man nicht braucht. So sieht‘s aus: Es nutzt nicht, schadet aber auch nicht. Und ein bisschen Augenzwinkern ist fast immer dabei.

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