Szenische Lesung Radikaler Erlass

Aus den Akten auf die Bühne: Bremer Shakespeare Company widmet sich in einer weiteren Folge des verdienstvollen dokumentarischen Theaterformats den Berufsverboten der 1970er-Jahre.
29.09.2017, 13:11
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Radikaler Erlass
Von Hendrik Werner

Bremen. Tatort dieser Premiere einer szenischen Lesung ist die Hochschule für Künste (vormals: Altes Gymnasium), genauer: ein Konzertsaal in der zweiten Etage. Die gedrungene Bühne ist professionell ausgeleuchtet. Darauf stehen Stühle, Tische – und Pappkartons, die Akten und andere Dokumente bergen.

Bevor die Akteure, fünf an der Zahl, in diesem administrativ anmutenden Szenario Platz nehmen, postieren sie sich am Bühnenrand, um grundsätzlich zu werden: mit hehren Grundgesetz-Texten, um deren Einlösung es selbst in der ach so liberalen und pluralistischen Bundesrepublik Deutschland nicht immer zum Besten stand: Eine Zensur findet nicht statt? Kunst und Wissenschaft sind frei? Betrachtet man den sogenannten Radikalenerlass (1972), der Berufsverbote für unliebsame Andersdenkende bemäntelte, sind zumindest Zweifel angebracht.

Mit „Staatsschutz – Treuepflicht – Berufsverbot“ ist die neue Produktion aus der Reihe „Aus den Akten auf die Bühne“ überschrieben. Seit zehn Jahren gibt es das verdienstvolle Format, für dessen jüngsten Streich Shakespeare-Company-Schauspieler Peter Lüchinger aus einem umfänglichen Konvolut, das Studierende der Geschichte unter Anleitung der Historikerin Eva Schöck-Quinteros zusammengetragen haben, ein Skript komponiert hat, das dieses brisante „Kapitel der westdeutschen Geschichte“ (Untertitel) thematisiert.

Mehrere Bremer Zweifelsfälle, an denen der westdeutsche Staat eherne Härte demonstrierte, tragen Kathrin Steinweg, Erika Spalke, Erik Roßbander, Peter Lüchinger und Simon Elias an diesem sehr lehrreichen Abend vor. Darunter das Los des Münchner Mediensoziologen und DKP-Mitglieds Horst Holzer (1935-2000). Keine seiner insgesamt vier Berufungen – unter anderem an die Universitäten Bremens und Oldenburgs – kam zustande. Das engagierte Ensemble klärt in verteilten Rollen Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten, darunter die des damaligen Bremer Bildungssenators Moritz Thape sowie jene von Bürgermeister Hans Koschnick (beide SPD).

Reizvoll sind zumal die Briefwechsel zwischen Akademie, Politik, Betroffenen. Selten klang ein „Hochachtungsvoll“ so geringschätzig. Die expressiven Schauspieler trotzen selbst drögen Verwaltungstexten Pointen, ja einen Hauch Poesie ab. So gerät ein Aktenstudium erhellend, historische Nachhilfe spannend. Weitere Aufführungen am 17. Oktober, 23. November und 19. Dezember im Theater am Leibnizplatz.

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