Triumphales Endspiel am Theater Bremen

Rechner der Apokalypse

Beklemmend, beglückend: Schauspielspartenleiterin Alize Zandwijk gibt im Theater am Goetheplatz Theodor Storms „Schimmelreiter“ die Sporen.
08.10.2018, 17:10
Lesedauer: 4 Min
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Rechner der Apokalypse
Von Hendrik Werner
Rechner der Apokalypse

Manischer Kalkulator: Hauke Haien (Alexander Swoboda) erinnert an John Forbes Nash (Russell Crowe) in "A Beautiful Mind".

JÖRG LANDSBERG

Bremen. Lebt denn der alte Deichgraf noch? Ja, er lebt noch, stirbt nicht. Einstweilen. Benno Ifland gibt diesen Tede Volkerts krächzend und kurzatmig im Fettanzug. Als er in einem Stuhl eindöst, wittern die Diadochen ihre Karrierechance: Rechenkünstler Hauke Haien (beeindruckend besessen: Alexander Swoboda), der zwar nicht das Rad, wohl aber das Deichwesen neu erfinden will, und sein notorisch neidischer Widersacher Ole Peters (kolossal konspirativ: Martin Baum), der sich als Volkerts' rechte Hand Chancen auf die Nachfolge ausrechnet.

Ein solcher Aufstieg in der Dorfhierarchie würde auch seine auf Distinktionsgewinn sinnende Verlobte Vollina Harders (ansehnlich gehässig: Stephanie Schadeweg) befriedigen. Womöglich spekulieren sogar Haukes Vasallen, die Spökenkieker Iven Johns (zerrissen zwischen Aber- und Fortschrittsglauben: Guido Gallmann) und Carsten (famos furchtsam: Bastian Hagen), auf soziales Emporkommen im Schlepptau ihres Dienstherrn. Obwohl er ihnen immer unheimlicher wird; zumal nach dem Kauf eines gewissen Pferdes. Da kann der Deichbevollmächtigte Jewe Manners (der formidable Mittsechziger Benno Ifland zum Zweiten) noch so hingebungsvoll ein Hohelied auf Haukes architektonischen Weitblick anstimmen.

Als der alte Deichgraf tatsächlich stirbt, flechten ihm die geltungsgeilen Nachgeborenen keine Kränze. Immerhin die alte Trien Jans (Gabriele Möller-Lukasz steht das Zweite Gesicht hervorragend), die auf Schauergeschichten abonniert ist, ruft ihm respektvoll erschüttert nach: „De kloke Mann is nu vergahn – / Gott gäw' ein selig Uperstahn!“. In dieser Stunde der ungesicherten Nachfolge siedelt sich wie in Shakespeares „Macbeth“ Spuk an: Wienke (pointiert horrorfilmträchtig: Susanne Schrader mit somnambulem Gestus), das noch ungeborene Kind von Hauke und Deichgraf-Tochter Elke (mal Waterkant-Lady-Macbeth, mal Schmerzensmutter: die grandiose Nadine Geyersbach), führt düstere Prophezeiungen im Munde (den Storm als stumm beschrieb). Und allüberall in dieser nordfriesischen Gothic Novel häufen sich endzeitliche Anzeichen. Weh allen Gottlosen, die kein Opfer dargebracht haben, wenn böses Wetter aufzieht und ein Deichbruch dräut!

Triumphale Großproduktion

Auf Basis von John von Düffels wohltuend ökonomischer Bühnenfassung, die Rahmen und Ranken ausspart, zelebriert Schauspielspartenleiterin Alize Zandwijk nach Storms Novelle (1888) eine Apokalypse, die für das Publikum beklemmend und beglückend zugleich ist – und nach 150 Minuten (Pause inbegriffen) großen Beifall zeitigt. Zum dritten Mal in Folge – nach Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ und Hauptmanns „Die Ratten“ – gerät Zandwijk eine Großproduktion im Theater am Goetheplatz zum Triumph.

Einmal mehr schafft sie konzentriertes Sprechtheater, das jedes Wort, jeden Blick, jede Geste wägt. Einzig das in ihren zuverlässig intensiven Inszenierungen kultivierte strenge Stellungsspiel, das jede Friktion zwischen Fraktionen unmittelbar einsichtig werden lässt, gerät etwas weniger eingängig als üblich. Das aber könnte dem instabilen Untergrund geschuldet sein, der anfangs manchen engagierten Akteur straucheln lässt.

Womit diese Besprechung, die – zugegeben! – eine Huldigung ist, beim Bühnenbild angekommen wäre, das ebenfalls Superlative rechtfertigt. Thomas Rupert hat einen enormen Raum geschaffen, der eine enorme Tiefe aufweist, die schwindeln machen kann. Den Boden bilden unzählige Plastiktüten, Resultat einer Besucherspendenaktion des Theaters, das bei dieser Produktion zwar nicht auf eine verengende ökologische Lesart setzt, diese aber in Gestalt von Meeresvermüllung und Flutkatastrophen auf plastische wie drastische Weise mitdenkt und offensiv ausstellt. Sozusagen als Museum menschlicher Verfehlungen. So lange es noch Kuratoren gibt. Auch große und kleine aus Tüten gewirkte Tiere zählen zu den eindrucksvollen Exponaten, darunter ein gigantischer Schimmel, der beim Abschied von der Welt, wie wir sie kennen, zu einem Rappen mutiert.

Den Hintergrund des staunenswerten Arrangements dominieren ein von Sturm durchfurchter Himmel und ein fahler Vollmond, der so leb- und kraftlos wirkt wie das faule Stück Holz in Georg Büchners „Woyzeck“. Flankiert wird die Szenerie von zwei gräulichen Spundwänden, an deren linke Hauke wieder und wieder manisch Skizzen zur Befriedung des Festlandes wirft. Ein ästhetischer Coup sind zwei pechschwarze Baumkrüppel – einer wuchtig, einer kleiner –, in deren Zweigen versprengte Tüten und an deren Ästen Schaukeln baumeln. Für die Kinder in einer Welt, deren Zukunft ausfällt. Ein weiterer Hingucker ist sozusagen eine dritte Spundwand, die gen Schnürboden ragt, als der hintere Teil des Bühnenbildes vor der Pause vorübergehend nach oben gefahren wird. Darauf ziehen, in einer gravitätischen Prozession mit schmucker Scherenschnittanmutung, die dem Untergang geweihten Dorfbewohner mit ihren Habseligkeiten vorbei. Eine ergreifende Szene am Abgrund unter mehreren; Alize Zandwijk spendiert zudem eine ihrer magischen Zeitlupen, in denen sich Personal und Bündnisse neu formieren.

Fratzenhafte Masken

Sophie Klenk-Wulff hat den Akteuren trefflich historisierende Kostüme geschneidert, Nadine Geyersbach für den Auftakt des Endspiels faszinierende Fratzenmasken geschaffen, die hämische oder aggressive Attribute von deren Trägern zu bündeln scheinen. Was auch effektiv zur Bündelung von Affekten beiträgt, ist die Musik von Maartje Teussink, die elegisch singt und empfindsam an Klarinette, Gitarre, Kontrabass rührt. Vollends überwältigend ist die Aufführung, wenn gegen Ende Elemente toben, Sturm in Plastik und Darsteller fährt. Die Reittiere der Apokalypse sind entfesselt. Und keine Hoffnung, nirgends.

Weitere Informationen

Nächste Aufführungen: 12., 20. und 27. Oktober, 19.30 Uhr; 31. Oktober, 18 Uhr; 14., 22. und 30. November sowie 18. Dezember, 19.30 Uhr.

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