Film ab: Nehad Hussein

Regie-Neustart in Deutschland

2014 musste Nehad Hussein seine Heimat Syrien verlassen. Seitdem versucht er, in Bremen beruflich Fuß zu fassen und professionelle Filme zu drehen. Doch bis dahin ist es ein langer Weg.
03.11.2018, 21:19
Lesedauer: 4 Min
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Regie-Neustart in Deutschland
Von Ina Bullwinkel
Regie-Neustart in Deutschland

Nehad Hussein ist Filmemacher. Seit er 2014 seine Heimat Syrien verlassen musste, versucht er in Bremen beruflich Fuß zu fassen.

Frank Thomas Koch

Nehad Hussein möchte Filme machen. Perfekte Filme für die große Leinwand. Das hat er studiert, doch seit Jahren hat der syrische Regisseur nicht mehr in seinem Beruf gearbeitet. 2014 ist Hussein mit seiner Familie nach Deutschland gekommen, als feststand: In ihre Heimat können sie nicht zurück. Damals arbeiteten Hussein und seine Frau freiberuflich fürs Fernsehen in Katar, doch auch dort konnten sie nicht bleiben. Davor gab es den Plan, zurück nach Syrien zu gehen. „Wir hatten ein Haus in Damaskus gekauft, aber drei Monate später brach der Bürgerkrieg aus“, erzählt Hussein.

Heute, vier Jahre später, hat Hussein immer noch keinen Job in der Filmbranche gefunden. Doch immerhin hat er bereits zwei Filme in Bremen gedreht. Sein erster Film, die Dokumentation „Accordeon“, drehte er 2016. Sie erzählt vom Ankommen in der Fremde. Hussein lässt geflüchtete Akademiker zu Wort kommen, die es, wie er selbst, schwer haben, in Bremen einen Job und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Für „Accordeon“ wirkte Hussein ein Jahr lang gleichzeitig als Drehbuchautor, Kameramann, Regisseur und Cutter. Er machte alles – ohne, dass er Geld damit verdiente. Nur ein wenig Anerkennung bekam er, ein paar Vorführungen in Gemeindesälen und kleinen Bremer Kinos.

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In der St.-Remberti-Kirche hat er viele Szenen für seinen zweiten Film aufgenommen. Dass er bei einem weiteren Film mitarbeiten konnte, verdankt er Dirk von Jutrczenka. Der Pastor der Gemeinde plante gerade ein Filmprojekt mit Flüchtlingen, als er Husseins Film „Accordeon“ sah. Von Jutrczenka fragte ihn, ob er dabei sein wolle. Und natürlich wollte Hussein, obwohl er wusste, dass es nur ein Kompromiss sein würde. Die Arbeit bloß ein Ehrenamt.

Neustart mit 47

Hussein ist 47 Jahre alt. Dass er noch einmal bei Null anfangen, noch einmal eine neue Sprache lernen muss, damit hatte er nicht gerechnet. Er ist Kosmopolit, hat Filmkunst in St. Petersburg studiert, als Filmemacher in Syrien und später beim Fernsehen in Moskau und Doha gearbeitet. Hussein war immer freiberuflich und unabhängig. Eine Arbeit zu finden, war für ihn bisher nie ein Problem. Jetzt ist er auf die Unterstützung anderer angewiesen, auf die von Dirk von Jutrczenka und auf die vom deutschen Staat. Damit fühlt er sich unwohl. „Ich möchte, was jeder will: ein normales Leben. Ich möchte mich beruflich weiterentwickeln.“

Anfang 2017 traf sich die Gruppe um Pastor von Jutrczenka erstmals unter dem Arbeitstitel „Filmzuflucht“. Die meisten Teilnehmer hatten schon Erfahrungen im Film gesammelt. Die Bremer Regisseurin Karla Sonntag gehört dazu, genauso wie Ahmad Al Zoubi, der einen Film über seine Flucht aus Syrien gedreht hat und der Iraker Sami Hossein, der als Regisseur bei dem Dokumentarfilm „Life on the Border“ dabei war. Doch Hussein ist der Einzige unter ihnen, der ein Filmstudium absolviert hat. „Deswegen sollte er der Regisseur sein“, sagt von Jutrczenka. Gemeinsam hat die Gruppe ein halbes Jahr lang Ideen gesammelt und ein Drehbuch entwickelt. Dieser Film wird keine Dokumentation, sondern ein Spielfilm.

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Die Personen, die im Film mitspielen, sind Laien, aber sie alle bringen eine Geschichte mit. Sie alle mussten aus ihrem Heimatland fliehen. Da ist Angela, eine Geigenspielerin, die vor etwa drei Jahren eine schwere Zeit durchmachte, als sie und ihre Familie befürchten mussten, abgeschoben zu werden. Die Geschichte ihrer wahren Biografie ist verwebt mit fiktionalen Szenen. Neben Sami Hussein und Ahmad A Zoubi gibt es noch einen jungen Afghanen, dessen Traum es ist, Rapper zu werden. Die Protagonisten begegnen sich alle in einem Deutschkurs in der Remberti-Kirche. Nach und nach werden episodenartig ihre persönlichen Geschichten erzählt, sodass der Zuschauer die eigentliche Handlung für einen Moment verlässt. „Diejenigen, die sich selbst spielen, mussten überlegen, wie sie ihre Geschichte vermitteln, ohne sich selbst zu sehr preiszugeben“, sagt von Jutrczenka. „Fast dokumentarisch“, nennt er den Film deshalb.

Alles soll perfekt sein

In dem Film geht es darum, sich gegenseitig wahrzunehmen, erklärt Hussein. Und darum, zu sehen, dass alle Menschen Träume und ähnliche Probleme haben. Egal, woher sie kommen. Es gehe darum, Emotionen zu zeigen, und er betont, man müsse seinen Film auf der großen Leinwand sehen. "Der Film ist fürs Kino und nicht für Youtube.“

Vor einem Jahr hat Hussein die ersten Szenen gedreht. Er hat Regie geführt, stand hinter der Kamera und steht jetzt am Schnittpult. Wie bei seinem ersten Film macht er all das ohne Bezahlung. „Das ist kein richtiger Job“, sagt Hussein. Trotzdem steckt er viel Zeit und Energie in dieses Projekt, weil er so wenigstens das macht, was ihn ausmacht: Film. „Ich habe Filmkunst studiert und das heißt, ich versuche, etwas Interessantes, etwas Schönes zu schaffen.“ Sein Anspruch ist hoch, die Mittel gering. Ende September hat Hussein die letzte Szene geschossen. Es gab keine professionelle Filmkamera, kein Make-up und keine Kostüme.

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Gern würde Hussein einen großen Kinofilm drehen, einen, bei dem alles passt. „Alles sollte perfekt sein. Aber wenn ich hinter der Kamera stehe, kann ich nicht gleichzeitig ein perfekter Regisseur sein“, sagt er. Ihm fehlt ein Team aus Profis. Trotzdem ist der aktuelle Film ein wichtiges Projekt für ihn. Vielleicht kann er ihn im Dezember zeigen, vielleicht auch erst im neuen Jahr. Hussein jedenfalls ist lange nicht fertig. Er plant längst den nächsten Film.

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