Udo Lindenbergs Tourstart in Bremen Rock-Opa inszeniert Rock-Oper

Der 73-jährige Sänger und sein Panikorchester treten in der ausverkauften ÖVB-Arena auf. Mit zahlreichen Hits und spektakulärem Beiwerk.
01.06.2019, 12:16
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Rock-Opa inszeniert Rock-Oper
Von Hendrik Werner

Größer kann ein akustischer Kontrast kaum sein als jener, den Udo Lindenberg und sein Panikorchester zum Auftakt ihrer Deutschland-Tournee in Bremen zelebrieren: Eben noch ist lieblicher Wiener Walzer aus den Boxen der – bis unter das Dach ausverkauften – ÖVB-Arena geperlt. Plötzlich ändert sich die Tonlage. Mit ohrenbetäubendem Krawumm und gleißendem Licht schießen enorme Flammensäulen hoch. Dazu zeigen extraterrestrische Projektionen auf gigantischen LED-Wänden unmissverständlich an, dass ein sehr spezieller Wanderer zwischen den Welten erneut unterwegs ist – und zwar mit einem rasanten Gefährt, dem der quasi präsidiale Namen „Panik 1“ aufgeprägt ist. Während einer Luke des Raumschiffs ein halbes Dutzend tänzelnder Lindenberg-Doubles entsteigt, wird Udo, das Original, in der Mitte der Mehrzweckhalle auf spektakuläre Weise abgeseilt.

Die Erde, mithin seine getreue Anhängerschaft hat den 73-jährigen Rocker wieder, und das will ausgiebig gefeiert werden. Mit einer von Tänzern und Musikern optisch opulent gestalteten „Honky Tonky Show“ hebt ein zweieinhalbstündiges Konzert an, das mit einer grandiosen Lichtshow, eingängigen Illustrationen, fantasievollen Kostümen, einem überwiegend sonoren Sound, einem repräsentativen Einblick in die Sakko-Sammlung des Künstlers, launigen Luftschlangenbombardements, einer souverän eingespielten Band und einem charismatischen Frontmann prunkt, der an diesem Abend öfter als gewohnt seine Sonnenbrille lüpft – und viel Durchblick bei seinem Parforceritt durch die Geschichte eines Werks demonstriert, das laut umjubelter Selbstauskunft gut 800 Songs umfasst.

Bilder des Künstlers als junger Mann

Comicbilder des Künstlers als junger Mann flankieren „Mein Ding“, ein gewitztes Stück zwischen Selbstermächtigungshymne und Ermutigungslied, in dem der Room Service zum Ruhmservice wird. Stimmgewaltig unterstützt wird Lindenberg von Ina Bredehorn, Nathalie Dorra und Ole Feddersen, der sich ein ums andere Mal als Einheizer verdingt – und manch gut abgehangener Rock-Nummer einen Zug ins Hip-Hop-Zeitgeistige gibt. Die Begrüßung des Publikums, dem der Sänger freigiebig „frisches Udopium“ verheißt, fällt beim ersten Gig der Tour erwartbar überschwänglich aus. Die Bremer, die er in den vergangenen beiden Jahren „schwer vermisst“ habe, seien „Zeitzeugen, Pioniere“ – und überhaupt „berühmt-berüchtigt für ihre Leidenschaft und ihr Temperament“.

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Es folgen, unter anderem, das balladeske Durchhaltemanifest „Durch die schweren Zeiten“ (2016) und – untermalt von herzigen Cupido-Bildern – das dynamisch intonierte Liebeshochamt „Du knallst in mein Leben“ (1983). Zu einer vollumfänglich gepimpten Version des sage und schreibe 46 Jahre alten Liedes „Du heißt jetzt Jeremias“ zieht ein veritabler Religionszirkus auf, samt Kirchenschiff, Orgel, Priester und Nonnen, die sich vom himmlischen Schnürboden herablassen.

Imposanter Revuecharakter

Opium haut bekanntlich Opi um, und der Rock-Opa, so scheint es, lädt zur Rock-Oper. Fraglos: Der Revuecharakter ist imposant, wenngleich die Show passagenweise überinszeniert anmutet, punktuell sogar widersprüchlich. Oder was ist davon zu halten, dass Lindenberg mit einem Kinderchor erst „Wozu sind Kriege da?“, dann eine Hymne auf die Anliegen der Fridays-for-Future-Bewegung anstimmt – und die Bühne wenig später von Plastikblumen und -flamingos schier überschwemmt wird? Oder ist diese Flut womöglich bloß eine ironische Volte? Schließlich präsentiert uns Udo in diesem klimatisch bedenklichen Setting den Anti-Engagement-Song „König von Scheißegalien“ aus dem Jahr 1998. Kraftvoll unterstützt von den engagierten Fans, denen in diesem Lou-Reed-Cover eine lautmalerisch wertvolle Mission („Doo doo doo doo doo doo doo doo doo“) zukommt.

Mit Coverversionen kennt sich auch der prominenteste Gast der Panikfamilie an diesem Abend aus, Otto Waalkes, ein Ex-Mitbewohner Lindenbergs. Gemeinsam singen die langjährigen Weggefährten „Friesenjung“ nach Sting; hernach intoniert Otto „Erst auf dem Heimweg wird's hell“ nach AC/DC. Zur Nonsens-Abteilung lässt sich auch der Song „Alles was sie anhat“ zählen, den Lindenberg kraftvoll mit Ina Bredehorn schmettert, derweil sie von transparent gekleideten Hupfdohlen mit Radiogeräten umschwärmt werden.

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Weniger sinnfrei geraten Lieder wie die Alkoholismus-Reminiszenz „Lady Whisky“ und die ebenfalls selbstkritische Überlebenszwischenbilanz „Mein Body und ich“. Als Höhepunkte in diesem Hit-auf-Hit-Programm dürfen die vom engagierten Publikum inbrünstig begleitete Komplizen-Hommage „Hinterm Horizont“, eine dezent renovierte Spielart von „Straßenfieber“ (1981) und, auf der Schwelle zum Zugabenteil, eine rasante Version des Gassenhauers „Reeperbahn“ gelten. Der Rest ist Schwelgen.

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