Gerhard-Marcks-Haus

Rosa Jaislis „Pueblo del alma“

Das Gerhard-Marcks-Haus zeigt bis zum 1. März Alabaster- und Papierskulpturen der Bremer Bildhauerin Rosa Jaisli. Die wirken auch durch ihr Zusammenspiel mit Tages- und Kunstlicht.
16.12.2019, 17:30
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Rosa Jaislis „Pueblo del alma“
Von Iris Hetscher
Rosa Jaislis „Pueblo del alma“

"Arcadas" heißt dieses Werk Rosa Jaislis aus Alabaster, das 1998 entstanden ist.

GERHARD-MARCKS-HAUS

Bremen. Wiedersehen mit Rosa Jaisli: Die Bildhauerin hat 1996 im Gerhard-Marcks-Haus ausgestellt, nun ist sie dort erneut zu Gast. Dieses Mal allerdings nicht im Pavillon, der von einem Werk des Kubaners Ricardo Brey belegt ist, sondern im ersten Stock des Hauptgebäudes. „Pueblo del alma“ (Das Dorf der Seele) heißt ein Film über Jaislis ältere Arbeiten, der dort zu sehen ist. Auch die quasi eineinhalb Räume, die ihre neueren Werke einnehmen, sind unter dieser Überschrift zusammengefasst.

Die in Chile geborene und seit vielen Jahren in Bremen beheimatete Künstlerin befasst sich seit einiger Zeit nicht mehr mit Lehm. Seit einigen Jahre ist der Stein Alabaster der Werkstoff, aus dem sie ihre wundersamen Architekturmodelle erschafft, die an die ­Tradition der abstrakten Steinskulptur anknüpfen.

Mal rau, mal glatt

Wer den Hauptraum betritt, könnte sich in einem historischen Museum mit dessen Zufallsfunden einer antiken Ausgrabungsstätte verorten. Der Konjunktiv ist deshalb wichtig, weil Rosa Jaisli mit dieser Vorstellung geschickt spielt. Ihre Modelle wirken wie archäologische Schätzchen, weil der Alabaster immer wieder Bruchstellen aufweist – als sähe man hier Teile eines größeren und fremden Ganzen. Das ist beabsichtigt, denn die Skulpturen repräsentieren imaginierte Räume und Räumlichkeiten, die stets eine geometrische Basis haben. Von dieser aus begibt sich Rosa Jaisli auf Expedition in das Reich des Möglichen. Ein sehr deutlicher Hinweis auf ihr Spiel mit architektonischen wie gedanklichen Dimensionen sind die Größenverhältnisse der Ausstellungsstücke. Die Skulpturen sind dann doch eher Liliputversionen von Bogengängen („Arcadas“), von Straßenzügen oder von Treppenanlagen, die möglicherweise in Tempelräume führen.

Und: Nicht alle Seiten der Exponate sind rau. Einige sind glatt und wirken sogar wie besonders sorgfältig poliert, was bei Fundsachen aus irgendeiner Vorzeit unmöglich wäre. Zudem wechselt die Künstlerin zwischen Positiv- und Negativformen. Bei der Tempelanlage führen Steinstufen zu einer Art Eingang, in dem Umrisse von Fenstern erkennbar sind. Eine andere Arbeit zeigt „Arcadas“ mit unterschiedlich hohen, deutlich herausgearbeiteten Bögen, eine weitere eine Reihe von Koch- oder Essgefäßen.

Dann wieder umschließt der Alabaster die ausgestanzte Form eines Gebäudes oder einer Art Kelleranlage, Räume, die nur als Umrisse zu erahnen sind und damit stark in Richtung abstrakte Malerei weisen. Auch der Stein selbst und seine Eigenschaften tragen dabei zum Symbolhaften des „Pueblo del alma“ bei. Alabaster ist nicht nur von fast überirdisch anmutendem und ja auch als mythisch besungenem Weiß, sondern zudem geheimnisvoll gemasert. Und es ist der Stein, der am stärksten lichtdurchlässig ist. Das führt zu einem spannungsgeladenen Wechselspiel mit der jeweiligen Beleuchtung oder, wie im Gerhard-Marcks-Haus, dem Tageslichteinfall durch die Fenster.

Fragiles aus Papier

Das gilt auch für die beiden großformatigen Arbeiten aus Papier, „Pueblo I + II“, die Teil der Ausstellung sind. Rosa Jaisli befasst sich seit einiger Zeit auch mit den Möglichkeiten dieses Materials; 2010 war das bereits Thema einer Ausstellung im St.-Petri-Dom. Die beiden von der Decke herabhängenden „Dörfer“ faszinieren durch die buchstäbliche Vielschichtigkeit der Bögen, die Jaisli vereint und dann doch wieder einzeln aufgefächert hat. Sie hat expressionistisch schiefe Fenster in die Stapel geschnitten, die wiederum unregelmäßige Ecken und Kanten aufweisen und so verschiedene Arten von Durchsicht, im besten Fall sogar Durchblick, ermöglichen. Fällt von außen schräg das Licht auf diese blütenweißen Konstruktionen, kommt ein magisches Element hinzu.

Weitere Informationen

Rosa Jaisli: Pueblo del alma. Bis 1. März 2020, Gerhard-Marcks-Haus. Öffnungszeiten: ­Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Donnerstag 10 bis 21 Uhr.

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