„Gespräche mit Freunden“

Sally Rooneys gefeierter Debütroman

Sally Rooney wird für ihren Debütroman „Gespräche mit Freunden“ gefeiert, wie lange keine vor ihr. Was den Roman so lesenswert macht, sind seine Figuren. Diese sind nämlich vor allem eines: brutal ehrlich.
16.08.2019, 21:36
Lesedauer: 3 Min
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Sally Rooneys gefeierter Debütroman
Von Katharina Frohne
Sally Rooneys gefeierter Debütroman

Die irische Autorin Sally Rooney ist auf dem Weg zum literarischen Superstar. Ihr selbst sei der Hype um ihre Person in erster Linie unangenehm, sagte sie in einem Interview mit einer irischen Zeitung. Und: "Es wird viel zu viel über Schriftsteller berichtet und viel zu wenig über Krankenpflegerinnen oder Busfahrer."

Klaus Holsting

Wer Sally Rooneys „Gespräche mit Freunden“ anliest, wähnt sich zunächst in einem der üblich besetzten Gegenwartsromane: desillusionierte Millenials, deprimierende Dreiecksgeschichten, viele Probleme, viel Sex. Und ganz falsch ist das nicht, all das kommt vor, obendrauf gibt es Joints und verqualmte Küchenpartys und trunkene Debatten über Genderrevolution und Spätkapitalismus. Trotzdem ist Rooneys Debüt einer der interessantesten und lesenswertesten Romane der vergangenen Monate – weil Rooneys Figuren sind, was vielleicht gerade heute, im Zeitalter digitaler Distanz und rettender Instagram-Filter, etwas extrem Tröstliches hat: brutal ehrlich.

Rooneys Roman handelt von Frances, 21, einer klugen, introvertierten Studentin am Trinity College in Dublin. Frances versucht sich neben ihrem Studium als Schriftstellerin; zusammen mit ihrer besten Freundin Bobbi, die gleichzeitig ihre Ex ist, tritt sie in Pubs und auf Kleinkunstbühnen auf: Frances schreibt die Texte, Bobbi liest. Bei einem dieser Events lernen die beiden Melissa und Nick kennen; sie ist Fotojournalistin, er Schauspieler, beide sind Anfang 30.

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Die Begegnung verändert die Freundschaft der beiden Frauen. Bobbi flirtet mit Melissa; Frances verknallt sich in den „unglaublich attraktiven“ Nick. Während die anfängliche Anziehung zwischen ersteren schnell wieder verpufft, stolpern letztere in eine Affäre, schreiben einander E-Mails wie Whatsapp-Nachrichten.

Rooney, selbst erst 28 Jahre alt, erzählt diese Geschichte aus Frances' Perspektive – und damit aus Sicht einer jungen Frau, die sich gnadenlos selbst analysiert. Frances kennt ihre Stärken, mindestens genauso gut kennt sie ihre Schwächen. Sie ist klug, belesen, schlagfertig, gleichzeitig unsicher, eitel, lakonisch. Von beiden, den Vorzügen und den Unzulänglichkeiten, erzählt sie ohne jede Hemmung, ohne jede Scham.

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Foto: Ruby Walls

Krankhaftes Interesse an Informationen über sich selbst

„Ich dachte daran, wie ich versucht hatte, vor Nicks Freunden in der Waschküche witzig zu sein und mir wurde schlecht“, sagt diese Frances, als sie am Tag danach verkatert im Bett liegt. Oder, als Melissa sie in ihr Ferienhaus nach Frankreich einlädt: „Vor jenem Sommer hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich eine solche Einladung von einer Frau akzeptieren würde, mit deren Ehemann ich mehrfach geschlafen hatte. Ich hatte ein krankhaftes Interesse an solchen Informationen über mich selbst.“

Dass eine Erzählung aus Ich-Perspektive Nähe herstellt, liegt in der Natur der Sache. Rooney aber gelingt es, totale Transparenz zu schaffen. Frances ist dadurch eine ungewöhnliche Heldin; eine, zu der man als Leser steht, wie sie zu sich selbst: mal ist sie stolz auf ihre Intelligenz, auf ihre Schlagfertigkeit, mal angeekelt von ihrem Bedürfnis nach Bestätigung, nach Kontrolle, über Nick, vor allem aber über sich selbst. Eine Uneindeutigkeit, die etwas extrem Echtes hat – denn wer könnte schon die Frage beantworten, ob er sich selbst eigentlich sympathisch ist?

Als Rooneys Roman 2017 auf Englisch erschien, war er geboren, der Sally-Rooney-Rummel. Die Feuilletons in ihrer Heimat Irland, in England und in den USA überschlugen sich mit Lob, der „New Yorker“ erklärte sie zu „ersten großen Schriftstellerin ihrer Generation“, Rooneys Lektor pries sie als „Salinger der Snapchat-Generation“. Auch Zadie Smith outete sich als Fan („Unglaublich, dass das ein Debüt sein soll!“), „Refinery29“, ein Online-Portal für junge Frauen, fragte im April: „Ist das neue Instagram-Statussymbol, ein Buch von Sally Rooney in die Kamera zu halten?“

Zu viel Berichterstattung über Schriftsteller

Sehr viel Wirbel also um eine Frau, die – es überrascht nach der Lektüre nur bedingt – ihren Erfolg mit einiger Skepsis beobachtet. Oder zumindest einigermaßen glaubhaft so tut, als ob. In einem Interview mit einer irischen Zeitung sagte sie, es werde zu viel über Schriftsteller berichtet und zu wenig über Krankenpflegerinnen oder Busfahrer. Und im Gespräch mit einem Reporter der „New York Times“ gestand sie: „Ich kann mir nicht helfen, ich empfinde mich einfach nicht als wichtige Person. Trotzdem als solche zu behandelt zu werden, fühlt sich komisch an.“

Geboren wurde Rooney 1991 in der westirischen Kleinstadt Castlebar, nach der Schule ging sie wie ihre Romanheldin Frances nach Dublin. Schon mit 19 war sie Mitglied im Debattierclub des Trinity College, 2013 nahm sie am European Universities Debating Championship in Manchester teil – und argumentierte ihre Gegner an die Wand.

Wer ihren ersten Roman liest, den wundert das kaum. Ihre Sprache ist von müheloser Klarheit, schnell, elegant, ihre Gedanken so scharfsinnig wie originell. Und vor allem: nie vorhersehbar.

Im September 2018 erschien ihr zweites Buch, der noch nicht ins Deutsche übersetzte Roman „Normal People“. Die Erwartungen waren riesig, die Kritiken noch begeisterter als beim Erstling. Der Hype um Sally Rooney ist echt. Und, zum Glück, echt berechtigt.

Weitere Informationen

Sally Rooney: Gespräche mit Freunden. Aus dem Englischen von Zoë Beck. Luchterhand, München. 382 S., 20 €.

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