„Düsterer Spatz am Meer“

So war die Uraufführung im Theater Bremen

Am Samstag feierte „Düsterer Spatz am Meer/hybrid (America)“ am Theater Bremen seine Uraufführung. Regisseur Armin Petras widmet sich in dem Stück dem Sterben von Träumen und Arten.
28.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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So war die Uraufführung im Theater Bremen
Von Alexandra Knief
So war die Uraufführung im Theater Bremen

Gemeinsam mit Martin (Mitte; Ferdinand Lehmann) lässt Melinda (Mirjam Rast) ihre traurige Jugend im Hotel ihres Vaters (Guido Gallmann) hinter sich.

joerg landsberg

Melinda Dubrovnik will raus. Raus aus ihrer kleinen, traurigen Welt. Raus aus dem heruntergekommenen Motel ihrer Eltern im amerikanischen Hinterland, in dem Gäste schon lange eher Ausnahme als Regel sind und aufgrund von Zahlungsrückständen bereits das Wasser abgestellt wurde. Das einzige, das hier noch fließt, ist der Alkohol, mit dem Melindas Eltern – ein Vietnam-Veteran, der im Krieg seine Beine verlor und eine Mutter, die alle Hoffnung auf ein besseres Leben bereits aufgegeben hat – Tag für Tag ihre Frustration betäuben.

Das ist die Ausgangslage des Stücks „Düsterer Spatz am Meer/hybrid (America)“, das am Samstag im Theater am Goetheplatz seine Uraufführung feierte. Regie führte Hausregisseur Armin Petras, das Drehbuch seines Alter Ego Fritz Kater entstand während des Corona-Lockdowns. Simone Sterr begleitet die Inszenierung als Dramaturgin.

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Das Schauspiel mit dem etwas sperrigen ­Titel erzählt eine amerikanische Familiengeschichte, die sich über den Zeitraum von 1987 bis 2015 erstreckt. Und es erzählt als wiederkehrendes, das Stück bestimmendes Element, vom düsteren Seespatz, einer vom Aussterben bedrohten Art, von der in den späten 80er-Jahren nur noch ein einziges Exemplar wild am Meer leben soll. Ein kauziger Biologe hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Spatz zu finden und ihn mit dem gemeinen Spatzen zu kreuzen, um ihn zumindest in einer hybriden Form vor dem Aussterben zu retten.

Dank Martin Hamilton (Ferdinand Lehmann/Alexander Swoboba), einem Motelgast und Millionärssohn, der ein Auge auf sie geworfen hat, schafft Melinda (Mirjam Rast/Annemaike Bakker) den Ausbruch. Die beiden leben fortan zurückgezogen in einer kleinen Hütte im Wald, von wo aus Martin, der eigentlich als Schriftsteller arbeiten will, an der Börse Geld macht. Das soll seiner kleinen Familie – schon bald wird Tochter Luna geboren – eine sorgenfreie Zukunft sichern.

Die Prioritäten und Moralvorstellungen verschieben sich

Als er aber schließlich mit der Hilfe seines Bruders Yves (Christian Freund) das Unternehmen seines verstorbenen Vaters übernehmen soll, beginnen sich sowohl Martins Prioritäten, als auch seine Moralvorstellungen zu verschieben. Auf der Bühne wird das ebenso wie Melindas Entwicklung wunderbar durch einen Schauspielerwechsel dargestellt, bei dem eine Zeit lang auch zwei Versionen der Protagonisten darum ringen, wer denn nun die Oberhand gewinnt.

Gerade im zweiten Teil nimmt das Stück an Fahrt auf, obwohl es auf der Bühne ab diesem Zeitpunkt weitaus ruhiger zugeht als noch zu Beginn. Petras setzt auf Dialoge anstatt auf Krach, Geschrei, und grell flackernde Bühnenbeleuchtung (Licht: Norman Plathe-Narr), die den ersten Teil der Geschichte bestimmen. Das tut der Stückentwicklung mehr als gut. Für die Akteure allerdings geht es ab diesem Zeitpunkt zwar finanziell rasant nach oben, ansonsten aber steil bergab. Bis sie sich reich aber einsam, wohlhabend aber emotional völlig abgestumpft und ausgebrannt an einem Punkt in ihrem Leben wiederfinden, in dem Träume längst unter einem Haufen Geld begraben wurden. Einzig Tochter Luna (toll: Shirin Lilly Eissa) scheint verstanden zu haben, worum es wirklich geht im Leben.

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Das alles spielt sich in einem sehr minimalistischen Bühnenbild (Julian Marbach) ab. Hier dient der Bühnengraben als leerer Pool, da wird eine kleine Holzhütte auf die Spielfläche geschoben und ein semitransparenter Vorhang dient als Projektionsfläche. Das war es dann auch schon fast, abgesehen von wenigen Requisiten – darunter die stets präsente amerikanische Flagge. Musikalisch begleitet wird das Stück von Miles Perkin, der immer wieder als stiller Protagonist mit der Gitarre auf der Bühne auftaucht und dem Stück mit Songs von Prince bis Radiohead den richtigen Soundtrack verpasst.

Eine snobistische und wunderbar zynische Frau

Petras gelingt es, das gesamte Spiel coronagerecht frei von Körperkontakt auf die Bühne zu bringen, ohne, dass dies als unnatürlich empfunden wird – eine großartige Leistung, zu der auch das durch die Bank überzeugende Ensemble seinen Beitrag leistet. Verena Reichhardt gewinnt Zuschauersympathien in der Nebenrolle als Martins Mutter, eine snobistische und wunderbar zynische Frau, die erst durch die Liebe zu ihrer Enkeltochter auftaut. Rast, Bakker, Lehmann und Swoboba verkörpern anschaulich den persönlichen Wandel der zwei Hauptfiguren.

Dennoch hat das Stück (knapp drei Stunden inklusive Pause) hier und da seine Längen, eine halbe Stunde weniger hätte ihm nicht geschadet. Und auch bei der Themenvielfalt wäre weniger mehr gewesen. Petras spielt nicht nur mit dem amerikanischen (Alb-)Traum, flankiert wird die Handlung zudem noch von ein bisschen Klimakritik, dem Spiel mit Geschlechterrollen, Kriegsbezügen und der ständigen Angst vor terroristischer Gewalt, die in Form des Unabombers Ted Kaczynski auch noch eine reale Gestalt annimmt. Hinzu kommt jede Menge Kapitalismuskritik mit einem Ausflug in die Welt der Spekulationsblasen.

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All das fügt sich zusammen zu einem traurigen Gesellschaftsbild, in dem der unersättliche Mensch nicht mal mehr davor Halt macht, seine Ressourcenausbeutung auf dem Mond fortzusetzen. Und zu einer ebenso traurigen Moral: Als vom Aussterben bedrohter Spatz in einer Welt voller Raubvögel stehen die Überlebenschancen schlecht. Es sei denn, du lernst zu jagen.

Weitere Informationen

Die nächsten Termine: Samstag, 24. Oktober, 19.30 Uhr sowie Sonntag, 25. Oktober, um 15.30 Uhr.

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