Fußnotentheater mit Schmackes Schauspielsparte eröffnet Spielzeit 2018/19

Mit Lessings dramatischem Gedicht "Nathan der Weise" startet das Theater Bremen in die Saison. Mit einer Adaption, die zwar viel Originaltext einspart, dafür aber reichlich Hintergründiges spendiert.
08.09.2018, 13:36
Lesedauer: 4 Min
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Schauspielsparte eröffnet Spielzeit 2018/19
Von Hendrik Werner

Mit Musik geht alles besser. Diese Erkenntnis verdankt sich zwar nicht dem Aufklärungsdichter und Toleranzprediger Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), sondern dem Sänger Rudi Schuricke (1913-1973), der sich als Wunschkonzert-Moderator und "Capri-Fischer"-Interpret um Hitlers Hitparade verdient gemacht hat. Aber zum einen ist es an diesem kontrovers gestimmten Abend im Kleinen Haus des Theaters Bremen tendenziell gleichgültig, aus welcher ideologischen Ecke die Akteure ihre Anleihen beziehen, so lange sie nur offen, konstruktiv und vor allem ausgedehnt darüber reden.

Zum anderen spielt Musik als Schmiermittel für potenziell schwer verdauliche Textmengen in den beiden ersten Schauspiel-Produktionen, die sich mit den ganz großen Glaubensfragen beschäftigen, eine bedeutsame Rolle: Nach seinem – ausverkauften – Konzert beim Tag der offenen Tür wird der begnadete Liedermacher Philipp Poisel ("Wolke 7") auch an diesem Freitag musizieren, wenn Armin Petras, der neue Hausregisseur, das Stück "Love you, Dragonfly. Sechs Versuche zur Sprache des Glaubens" seines schreibenden Alter Ego Fritz Kater zur Aufführung bringt.

Drollige Interventionen

Beim konfessionellen Ideendrama "Nathan der Weise" wiederum, mit dessen gründlicher Dekonstruktion und enzyklopädischer Rekonstruktion das deutsch-franzöisch-ivorische Kollektiv Gintersdorfer/Klaßen am Freitagabend die Spielzeiteröffnung in bewährter Diskurstheatertradition bestritten hat, ist es der wunderbare Ted Gaier (von der Hamburger Band Die Goldenen Zitronen), der sich der gelehrten Inszenierung mit ebenso prägnanten wie drolligen Interventionen einschreibt. Stilistisch wirken seine Kompositionen oft wie eine Reprise des progressiven Anteils der Neuen Deutschen Welle.

Darunter ist auch eine kaum verhohlene Travestie des DAF-Klassikers "Der Mussolini", die das Publikum, von dem Regisseurin Monika Gintersdorfer Ko-Produktionsehrgeiz erwartet, im Geiste durch die zirzensische Zeile "Und tanz den weisen Juden" ergänzen darf. Erlaubt ist in dieser Produktion, die nicht von ungefähr den Untertitel "Ein Weichmacher für den Glaubenspanzer" trägt, nämlich zuallererst das, was gefällt. Sofern es nur dazu angetan ist, die Rezeption des dramatischen Lessing-Gedichts aus dem Jahr 1779 zum Tanzen zu bringen. Im Idealfall sogar die Verhältnisse.

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Das gelingt dem achtköpfigen Performancetrupp, der aus drei Ensemblemitgliedern und fünf Gästen besteht, über eine Spektakeldauer von 130 pausenlosen Minuten überwiegend überzeugend – in einer bunten Mixtur aus Thesentheater und Impro-Format, Proseminar und Selbsterfahrungsstuhlkreis, Gesang und Tanz, Pantomime und Logorrhoe, epischem Theater und Mummenschanz, Slapstick und intellektueller Selbstkasteiung, Spezialeffekten und planvollem Leerlauf.

Zu besichtigen ist also eine Wundertüte, aus der sich jeder teilnehmende Beobachter das fischen kann, von dem er sich Lust- und Erkenntnisgewinn verspricht. Fußnotenfetischisten dürfen sich an versprengten Sekundärliteraturanregungen von Sigmund Freud ("Der Mann Moses") bis Jan Assmann ("Moses der Ägypter. Enzifferung einer Gedächtnisspur") laben, die sich mit der symbolischen Ordnung und den Gewaltverhältnissen an der monotheistischen Religionsfront befassen. Zeitgeschichtlich interessierte Zuschauer wiederum dürfen sich daran freuen, dass das letzte Räsonnement des Kollektivs mögliche Toleranzlehren nach Chemnitz betrifft. Und wer sich nach der langen Theaterpause einfach mal wieder auf unterhaltsame Weise gründlich den Kopf durchpusten lassen will, wird gleichfalls gut bedient.

Steinbruch mit Coolness-Faktor

Das liegt nicht zuletzt daran, dass die im besten Wortsinne maßlose Monika Gintersdorfer so gut wie nichts von diesem kanonischen Stück verloren gibt, das Ende der 1770er-Jahre zusammen mit Lessings Anti-Goeze-Streitschriften für reichlich religiösen Ärger in und um Hamburg sorgte. Zumindest als Anspielung oder Paraphrase leben Lessings letztes Stück und dessen weltanschaulicher Hintergrund bis in die kleinste Handlungsstrangverästelung auf der Bühne fort.

Das macht diese Infotainment-Inszenierung, die nach 20 dezent dümpelnden Minuten signifikant an Intensität gewinnt und dann ohne Spannungsabfall dem nachhaltigen Schlussapplaus zustrebt, zwar passagenweise anstrengend und nur bedingt kindgerecht. Gleichwohl empfiehlt sich dieses textdralle Tanz- und Singspiel für Schulklassen als Steinbruch mit gewissem Coolnessfaktor. Wer vom durchweg sehr agilen Ensemble einen hingebungsvoll gesungenen und getanzten Rap wie "Fragmentenstreit" auf die Ohren bekommt, bedarf womöglich keiner weiteren theologischen Spitzfindigkeiten, um dem erschöpfend behandelten Thema etwas abzugewinnen.

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Los geht das Fußnotentheater mit Schmackes übrigens mit einigen Minuten des offenen Türchens: Hauke Heumann, der den eloquenten Conferencier (und Nathans Tochter Recha) gibt, führt das Publikum hintenherum zur Bühne, die Knut Klaßen durch variable Metallpferche und eine in den Zuschauerraum ragende Rohrschräge als vielfältig nutzbare Toll-, Tob- und Tanzfläche ausgestattet hat. Darauf können Matthieu Svetchine und Justus Ritter ihr komödiantisches Potenzial ausreizen; Gotta Depri, Franck Edmond Yao und Irene Kleinschmidt (!) setzen tänzerisch starke Akzente; Tucké Royale besticht mit einem Epilog zu ostdeutschen Exorzismen.

Weitere Informationen

Weitere Aufführungen im Kleinen Haus:

15. September, 10. und 24. Oktober sowie 15. November, jeweils um 20 Uhr.

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