Bremer Kulturzentren planen Zukunft

Kleiner, kürzer, draußen

Die Bremer Kulturzentren Lagerhaus und Schlachthof gehen davon aus, dass sie die Corona-Pandemie noch länger begleiten wird. Aber anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, suchen sie nach neuen Konzepten.
03.09.2020, 05:00
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Kleiner, kürzer, draußen
Von Alexandra Knief

Im September 2019 sah die Welt noch rosig aus. Die Kulturzentren Schlachthof und Lagerhaus starteten in die neue Spielzeit, in beiden Einrichtungen stand das Programm für das kommende kulturelle Jahr mit einer Vielzahl von Konzerten, Lesungen, Theater, Kunstprojekten fest. Auch das 40-jährige Bestehen beider Häuser sollte 2020 ausgiebig gefeiert werden. Im Februar dann plötzlich die Nachricht, die, wie sich Bettina Geile vom Schlachthof erinnert, alle erst einmal in eine Schockstarre versetzte: Nichts geht mehr. Corona sei Dank.

Doch auch, wenn plötzlich alles anders war, ging das kulturelle Treiben in den Häusern weiter. Um einmal zusammenzufassen, was in den vergangenen Monaten hinter den Kulissen passiert ist und wie es in den Häusern weitergehen kann, hatten Lagerhaus und Schlachthof am Mittwoch zu einer Pressekonferenz geladen, bei der auch Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz anwesend war.

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Ihr dankte Anselm Züghart vom Lagerhaus, denn nach finanziell harten Jahren für die Kulturszene konnte der Etat für 2020/21 erhöht werden, wovon auch das Lagerhaus und der Schlachthof profitieren. In Zahlen bedeutet das: 520 000 statt bisher 400 000 Euro Förderung für das Lagerhaus und 660 000 statt bisher 510 000 Euro für den Schlachthof. Investiert werden soll das Geld in eine bessere Bezahlung der Angestellten. Ein Vorhaben, das dank zusätzlicher Corona-Hilfen trotz der Einnahmeausfälle umsetzbar sei. Dennoch hofft Züghart, dass auch der Politik nicht irgendwann die Luft ausgeht, denn – so viel sei klar: „Wir werden weiteren Förderbedarf haben.“

Grundsätzlich rechne man in beiden Häusern damit, dass die Pandemie den Kulturbetrieb noch bis mindestens Ende des kommenden Jahres begleitet. „Schweißtreibende Jugendpartys wird es fürs Erste wohl nicht mehr geben“, sagte Züghart mit etwas Galgenhumor. Aufgrund der Einschränkungen habe man sich auch entschlossen, alle geplanten Jubiläumsfeierlichkeiten aufs nächste oder übernächste Jahr zu verschieben – je nachdem, wann Corona sie zulasse.

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Doch für die Einrichtungen ist die Pandemie kein Grund, die Köpfe in den Sand zu stecken, sondern ein Anlass, die Dinge neu zu denken und Angebote zu entwickeln, die sich auch mit Corona vereinen lassen. „Soziokulturelle Zentren wie wir zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf gesellschaftliche Krisen reagieren“, sagte Züghart. Das habe zuletzt die Flüchtlingskrise 2015 gezeigt, durch die neue Angebote in den Zentren entstanden seien.

Das Lagerhaus hat unter anderem im Juli im Lichtluft-Bad die Show „Le Voyage Magique“ von Stelzen-Art veranstaltet, die vom 17. bis 19. September erneut stattfinden soll. Im Schlachthof habe man in den vergangenen Wochen zum Beispiel trotz Pandemie das Projekt „Keine Panik – wir wachsen weiter“ umgesetzt, bei dem in Diskussionsrunden, Aktionen und Workshops Fragen im Mittelpunkt standen, wie man in der Kultur mit der Krise umgehen kann, wie man Wege findet, Zukunftsängste zu bewältigen, und was eigentlich gerade wirklich wichtig ist.

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So lädt der Schlachthof am Freitag unter anderem zu einer Kurzfilm-Vorführung mit Preisverleihung und Filmen ein, die während des Projekts eingereicht wurden. Am Sonnabend werden Ergebnisse aus den „Keine Panik“-Workshops in einer Ausstellung auf dem Schlachthof-Gelände präsentiert, darunter Installationen und Graffiti. Auch Teile der Ausstellung „Findorffer Ansichten“, bei der Bewohner des Stadtteils gefragt wurden, was für sie ein gutes Leben bedeutet, werden gezeigt. Bis zum 20. September sind die Antworten der Protagonisten auch in diversen Schaufenstern, verteilt über den ganzen Stadtteil, zu finden.

Und wie geht es weiter? Plan sei es, als Netzwerk an Kulturakteuren in Bremen enger zusammenzurücken, Räume klüger zu nutzen, auf kürzere Formate zu setzen und Konzerte mit kleineren Zuschauerzahlen in größere Hallen zu verlegen, so Züghart. Auch das Potenzial von Open-Air-Möglichkeiten müsse weiterhin, so gut es geht, ausgenutzt werden, was vielleicht aber auch mit einem „Winterschlaf“ in den kalten Monaten verbunden sei.

In der Kesselhalle des Schlachthofs gibt es seit dem vergangenen Wochenende wieder Konzerte – mit maximal 70 Teilnehmern. Auch hier teste man gerade aus, was möglich ist, hieß es dazu. Was alle Akteure verbindet, ist Optimismus. Probleme habe es in 40 Jahren Geschichte schließlich immer wieder gegeben, und dennoch sei man noch da. „Wir sind guter Dinge, dass wir auch diese Zeit überstehen.“

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