Schönheitsideale und Aberglauben

Wie Körperbehaarung den Menschen beschäftigt

Am Kopf hat man sie gerne, am Körper in vielen Kulturen nicht: Haare. Die Kunsthalle will mit einem Fotoaufruf gesellschaftliche Normen rund um das Thema Körperbehaarung hinterfragen.
16.12.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie Körperbehaarung den Menschen beschäftigt
Von Alexandra Knief
Wie Körperbehaarung den Menschen beschäftigt

Die Kunsthalle sucht haarige Bilder und Geschichten. Dieses Foto zeigt Lara, die im Gegensatz zu ihrem Bruder stolz auf ihre roten Haare ist.

Oliver Ahlbrecht

Rund fünf Millionen Haare hat ein Mensch am Körper, nur 100.000 bis 150.000 davon auf dem Kopf, wo sie als Wärmeregulatur fungieren und unsere Kopfhaut vor UV-Strahlen schützen.

Doch so lieb den meisten ihr Kopfhaar ist, so gerne würden viele Menschen in unserer heutigen Kultur auf die Haare am Rest ihres Körpers verzichten. Schon im alten Ägypten galt ein enthaarter Körper als schön. Ein Trend, der sich (mit Ausnahmen) in vielen Kulturen durch die Geschichte zieht. Während Körperhaare früher noch wichtige Schutzfunktionen erfüllten, sind viele davon heute nicht mehr unbedingt nötig. Der Mensch kommt auch ganz gut ohne die meisten Haare aus – Wimpern und Augenbrauen mal ausgenommen.

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Wenn es um das Entfernen von Körperbehaarung geht, dann waren die USA Europa lange Zeit voraus. Bereits 1964 gaben 98 Prozent aller US-amerikanischen Frauen laut einer Studie an, Körperbehaarung zu entfernen. In Europa war das in den 60er-Jahren noch nicht die Norm. Heute sieht das Bild allerdings ähnlich aus: In einer Studie der Universität Leipzig aus dem Jahr 2016 gaben 80 Prozent der Frauen unter 55 Jahren an, ihre Achselhaare zu entfernen – 12,5 Prozent mehr als noch 2009. Bei den Männern waren es mehr als 35 Prozent (2009: 20 Prozent). Als Begründung für die Haarentfernung gaben die meisten Befragten „individuelle Attraktivität“ und „gesellschaftliche Normalität“ an. Um eben diesen Normen etwas entgegenzusetzen, hat die Bremer Kunsthalle nun einen Fotoaufruf gestartet.

Witze über Neymar

Während ein haarloser Körper für viele heute also „gesellschaftliche Normalität“ ist, scheint auf dem Kopf so ziemlich alles erlaubt. Waren kurze Haare bei Frauen in den 1920ern ein Symbol von Emanzipation, lange Haare in den Sechzigern noch Zeichen für Freiheit und Protest oder der Iro in den Siebzigern das Radikalste, was man sich auf dem Kopf vorstellen konnte, schockt man mit Zottelmähne, kurzem Bob oder pinkem Stachelschnitt heute wohl niemanden mehr. Gerade bei Prominenten kann eine neue oder ungewöhnliche Frisur dennoch schnell mal zum viralen – auch mal peinlichen – Hit werden, denkt man zuletzt unter anderem an Fussballer Neymar, dessen blondierte Löckchen beim WM-Auftaktspiel 2018 von diversen Witzbolden im Netz zu Spaghettihaufen gephotoshopped wurden. Oder an die unzähligen Späße, die man sich online schon mit den Haaren Donald Trumps erlaubt hat.

In vielen Kulturen ist das Haar aber weitaus mehr als nur hübscher Kopfschmuck und steht in Verbindung mit zahlreichen Aberglauben. In Japan war es zum Beispiel lange Brauch, sich bei einem Wunsch eine Haarsträhne abzuschneiden und sie in einen Tempel zu bringen. In Russland soll es Unglück bringen, wenn man sich die Haare selbst schneidet, und in der Ukraine sollte man aufpassen, dass abgeschnittene Haare nicht vom Wind verweht werden, denn das könnte Kopfschmerzen zur Folge haben. Oder sogar dafür sorgen, dass etwas Schlimmes passiert.

Haarsträubende Aberglauben

In Polen gibt es den Aberglauben, dass Schwangere sich nicht die Haare schneiden dürfen, da sonst die Intelligenz des ungeborenen Kindes darunter leidet, und auch in Deutschland hält sich bis heute die Ansicht hartnäckig, dass man Kinderhaaren im ersten Lebensjahr nicht mit der Schere zu nahe kommen sollte. Warum? Natürlich droht auch hier sonst wieder Unglück! Das klingt schon alles ziemlich haarsträubend.

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Glaubt man dem Mondkalender, dann sollten alle, die von langem Haar träumen, nur bei zunehmendem Mond zum Friseur gehen, weil das Haar dann schneller wächst. Wer diesem Rat zuletzt gefolgt ist, der wird sich in den kommenden Wochen vielleicht das eine oder andere Mal die Haare raufen, sie zusammen knoten, mit einem Stirnband bändigen oder zu Zöpfen flechten. Lang genug werden sie dafür wahrscheinlich bei den meisten schon sehr bald sein: Friseure haben nämlich erst einmal zu.

Info

Zur Sache

Aktion der Kunsthalle

Der eine schämt sich für sein dünner werdendes Haar, die andere für ihre dominante Körperbehaarung – in unserer Gesellschaft gibt es diverse Schönheitsideale rund um das Thema Haar. Und darin ist oft kein Platz für Frauen mit unrasierten Achseln oder Männer mit Halbglatze. Also wird fleißig gezupft, gewachst und epiliert, bis kein Haar mehr übrig bleibt.

Genau diesen festgefahrenen Idealen will die Kunsthalle Bremen nun mit einer Ausschreibung zu Leibe rücken, will sie hinterfragen, aus ihnen ausbrechen und die Menschen motivieren, offen mit diesem teils haarigen Thema umzugehen. Bis zum 31. Januar ruft das Museum Fotografen und Fotografinnen auf, Fotos von Körperbehaarung in all ihren Facetten und die dazugehörigen Geschichten, Erinnerungen, Erfahrungen einzusenden. So erzählt Lara (fotografiert von Oliver Ahlbrecht) zum Beispiel, dass sie als Frau immer stolz auf ihre roten Haare war, während ihr Bruder seine immer loswerden wollte. Oder Margitta erzählt, wie sie gelernt hat, zu ihrem kleinen Bärtchen zu stehen.

Interessenten können bis zum 31. Januar Fotos (maximal 5 MB) digital unter pr@kunsthalle-bremen.de einreichen. Ausgeschlossen sind Fotos von primären Geschlechtsmerkmalen. Zusätzlich zu den Fotos sollen Texte von maximal 1000 Zeichen Länge eingereicht werden. Eine Auswahl an Fotos plus Geschichten soll im Skulpturensaal präsentiert werden und die dort ausgestellten Werke ergänzen.

Anlass zu dem Aufruf ist die Ausstellung „Die Picasso-Connection“ des Museums, die aufgrund der Corona-Pandemie bisher nicht für das Publikum geöffnet werden konnte, aber noch bis zum 21. März in Bremen verweilt. Für Picasso waren Körperhaare ein wichtiges Ausdrucksmittel. Er transportiere durch die Darstellung von Haaren komplexe Gefühlslagen und erotisches Begehren.

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